Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 5 (30.1.1891)
- Date
- 1891-01-30
- Page
- Seite 76 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020853--00084-3024055- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 76 Hesterreichifche Wochenschrift Nr. 8. schen Fraktion bringen. Die Majoritätsverhältnisse werden schwankend sein, und wenn wir Juden uns nicht vorsehen, wenn es uns nicht gelingt Männer in das Parlament zu führen, welche neben den wissenschaftlichen Begabungen, neben den nöthigen Fachkenntnissen den Muth und den Willen haben und allzeit gerüstet da st ehe n, dem antisemitischen Demagogenthum mit Kraft und Energie entgegenzutreten, dann — nun dann werden wir unser Geschick verdient haben. Lassen wir den Muth nicht sinken, denn die Sache, für die wir einstehen, ist eine heilige. Wir kämpfen für Bildung und Humanität, für die kostbarsten Güter des zu Ende gehenden Jahrhunderts, indem wir den Kampf gegen die extremen Bestrebungen aufnehmen. Es wäre schnöde Feigheit, sich dem Kampfe nicht zu stellen. Die Regierung erklärt, sich auf eine Partei stützen zu wollen, welche die wichtigste Grundlage menschlicher Gesittung, religiöse Ueberzeugung, achtet und berücksichtigt. Das ist sinngemäß nicht nur für die Klerikalen der Alpenländer, sondern für alle Confessionen berechnet. Den jüdischen Wählern aber darf eine kühle Achtung und reservirte Berücksichtigung ihrer Religion nicht genügen. Sie dürfen nur demjenigen Candidaten ihre Stimme geben, der ganz erfüllt ist von dem schreienden Gegensätze zwischen dem in allen Farben chamäleonartig wechselnden Antisemitismus einerseits, und der Bildung, dem Recht, dem Gesetz und der Bürgerfreiheit anderseits, der aber auch gewillt ist, diese seine Gesinnung im offenen Reichsrathe zu bethätigen, gegenüber den frechen, das Recht verhöhnenden Klopffechtern. Wir gehen möglicherweise großen politischen Umwälzungen entgegen. Selbst den Scharfsinnigsten ist es versagt, sich ein Bild von der Zusammensetzung des nächsten Reichsrathes zu machen. Was aber die Zeit auch bringen möge, wohin das Staatsschiff Oesterreichs auch steuert, so ist den jüdischen Wählern .ihr Verhalten für die nächste Wahlcampagne mit leuchtender Klarheit vorgezeichnet. Es sind die ewig unwandelbaren Güter der Bildung des Rechts, der Menschlichkeit und Gesittung, für die sie zu kämpfen haben; das sind die Standarten, die sie in dem nun beginnenden Ringen vor sich hertragen müffen, und im Kampfe gegen die extremen Bestrebungen werden sie am besten ihren Patriotismus bewähren. Einige« über Grillparzer. Bortrag in der Gesellschaft der Brüder zu Breslau am 22. Jänner 1891 von Rabbiner Dr. Rosenthal. Hochgeehrte Versammlung! Vor wenigen Tagen wurde der hundertjährige Geburtstag Franz Grillparzers gefeiert. Es ist die dritte großartige Feier, welche das österreichische Deutschthum in der schönen Kaiserstadt an der Donau in verhältnismäßig kurzen Zwischenräumen dem einst bewunderten, später wenig beachteten und dann wieder erkannten und anerkannten heimischen Dichter gewidmet hat. Am 15. Jänner 1871 war es ein glänzendes Jubelfest, welches in Wien zu Ehren des achtzigjährigen Dichters an seinem Geburtstage gefeiert wurde. Um dem greisen Dichter zu danken und zu huldigen, drängten sich Abordnungen aller Art zu „dem Einsiedler im vierten Stock" von den Spitzen des Staates und der Stadt, von der Aristokratie und den vornehmsten Kreisen der Kunst und Wiffenschast bis zur akademischen Jugend herab. Vor einem erlesenen Publicum von 3000 Personen hielt Heinrich Laube die Festrede, in welcher Grillparzer als ein specifisch österreichffcher Dichter gefeiert und an die Seite des „Schwaben" Schiller und des „Franken" Goethe gesetzt wurde. Nicht lange nachher gab Wien eil» neues Zeichen der Anerkennung und Verherrlichung des Dichters in noch größerem Maße und mit allgemeiner Betheiligung; aber da war das Zeichen trauerumflort und begleitet von der Klage über den am 21. Jänner 1872 erfolgten Tod Grillparzers. Und am letzten 15. Jänner hot Wien wieder den hundertjährigen Geburtstag Grillparzers in überaus sinniger Weise gefeiert. Bei dieser Feier, welche dem Leben und der Unsterblichkeit des Dichtergenius' galt, hat Wien zugleich sich selbst als den historischen Boden desselben gefeiert und verherrlicht. Nicht auf gleicher Höhe mit dem Enthusiasmus der Oesterreicher steht aber die Würdigung, welche Grillparzer im eigentlichen Deutschland erfahren. Während Lord Byron von dem Dichter der Tragödie „Sappho" sagt, daß er groß und antik sei und daß die Nachwelt diesen „verteufelt schweren Namen" werde aussprechen lernen müssen, wurde ihm von den deutschen Litaraturhistorikern dieser Ruhm bestritten. Julian Schmidt und G e r v i n u s legten ihn zu den Todten in das Massengrab der Schicksalsdichter. G o t t s ch a l l bezeichnet ihn als „schönes Talent", als einen hochbegabten Dichter, auf den Oesterreich mit Recht stolz sein kann, und gegen den auch Deutschland die Pflicht hat, seine Dichtungen mehr zu. beachten, der aber doch kein Dichtergenie ersten Ranges gewesen und daher nicht mit Schiller und G o e t h e in eine Linie zu bringen sei. Börne, F r e y t a g und H e y s e halten für ihn warme Worte der Anerkennung, und zu seinem hundertjährigen Geburtstage wurde Grillparzers auch in Deutschland viel mit Wärme und Hochachtung gedacht; aber so weit ging die Begeisterung hier im Allgemeinen doch nicht, Grillparzer in die Reihe von Schiller und Göthe zu erheben. So schwankt das Bild des Dichters noch immer im Urtheile der Nachwelt. In neuerer Zeit wurde aber Grillparzer nach unserer Meinung ein schweres Unrecht zugefügt, indem man von einer gewissen Seite sich bemühte, den berühmten Dichter von seiner idealen Höhe in das unschöne Parteigetriebe unserer Zeit herabzuzerren. Grillparzer hat sich, wie er selbst sagt, von allen politischen Parteien fern gehalten; er scheint nur einmal eine begeisternde politische Rede, und zwar in liberalem Sinne vor einem größeren Kreise gehalten zu haben (s. Ludwig August Frankl zur Biogr. Fr. G. p. 58). Als Herrenhausmitglied hat er seine liberale Gesinnung, wie bei der Abstimmung gegen das Concordat wohl bekundet, aber öffentlich gesprochen hat er nicht. Jetzt haben aber die Wiener Antisemiten versucht, Grillparzer für sich zu reclamiren, ihn zum Judenfeinde zu stempeln, um so die Autorität des angesehenen Dichters für ihre Zwecke zu mißbrauchen. Der wackere und verdienstvolle Kämpfer für jüdische Interessen, der Reichsrathsabgeordnete Dr. Bloch hat in seiner „Österreichischen Wochenschrift" schon Manches zur Abwehr dieses Uriheiles über Grillparzer gethan; aber das Andenken des Dichters, der auf der Menschheit Höhen stehen soll, ist uns so werthvoll, daß es uns ein Bedürfniß ist, über die Gesinnung des Dichters nach dieser Seite uns vollständige Klarheit zu verschaffen. Wie auf die geringschätzigen Aeußerungen Grillparzers über einzelne jüdische Persönlichkeiten, denen er zufällig begegnete, so legen wir auch kein Gewicht auf seine günstige Meinung von Anderen, mit denen er verkehrte, eingedenk der Unterscheidung zwischen dem Juden und den Juden, welche von gewisser Seite so oft betont wird. Wichtiger sind uns solche Aeußerungen, welche seine Meinung über die Juden im Allgemeinen verrathen. Dahin gehören zunächst die Worte, welche Grillparzer nach der Mittheilung des Landesgerichtsrathes F o g l a r .(Grillparzers Ansichten p. 56) im Jahre 1848 gethan haben soll und welche auch in seiner Gesammtausgabe später ausgenommen wurden, welche lauten: „Ich war und bin für die Emancipation der Juden; aber jetzt ist nicht die