Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 5 (30.1.1891)
- Date
- 1891-01-30
- Page
- Seite 75 (sequence 1)
- Language
- German
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jt- 5. YI1L Iahrgm»s. Mir». BO. Kiimrer 1891. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthnms. OrstemiWe Vschmschnst K. k. Postsparcassenamt Clearingverkehr Nr.810.976 Redaction und Administration: Wien» I, Rothenthurmstrahe 39. iL-= " -- Eigenthümer und Herausgeber: Vr. I. S. Bloch. Erscheint jeden Freitag. —----~ Man abmmirt bei allen Postaustatte» des Ist,- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare SS kr. Anzeigen: Die Smal gespaltene PetitzeÜe IS kr. Inhalt: Leitartikel: Gegen die extremen Bestrebungen. Einiges über Grillparzer. Wer ist der „Gezeichnete". Der Antisemitismus IN der Schule. Aufruf an die ehrwürdigen Rabbiner in Oesterreich. Lesefrüchte. — Correspondenzen: Wien. Kremsier. Hamburg. Stockholm. Mogador. London. Washington. — Vermischtes: Wien. Jungbunzlau. Olmütz. Raudnitz a. d. Elbe. Piesling. Oedenburg. Kaposvar. Sambor. Lemberg. Berlin. Marburg. Wiesbaden. Elbing. Frankfurt a. M. Posen. Rom. London. Paris. St. Petersburg. Bristol. Rustschuck. Luxemburg. Stockholm. Amsterdam. Constantinopel. Tunis. Salonichi. New-Iork. Washington. — Familienblatt: An Dr. Todtleben. Griechin und Jude. Ueber den Erfurter Maler und Kunstgelehrren Manaffe Unger. Brieflasten. Inserate. Gegen die „ertrernen Hesteednngen". In entscheidender Stunde. Die plötzlich verfügte Auflösung des Reichsrathes hat alle Parteien unvorbereitet getroffen. Auf eine je kürzere Zeit aber die Wahlvorbereitungen eingeschränkt sein werden, umso heftiger wird die Agitation allerorten sich gestalten. Nun aber gilt es allen Parteien, sich über die „Schlagworte," mit denen die Wähler bearbeitet werden sollen, möglichst rasch schlüssig zu werden. Denn viele der Redensarten, mit welchen man in den Wahlkampf des Jahres i 885 eingetreten, mit welchen man in den seither stattgefundenen Reichsraths-Ersatzwahlen oder Landtags- und Gemeinderathswahlen das Auslangen fand, sind mittlerweile ganz und gar abgenützt, sind weiters unbrauchbar, angesichts des von der Regierung entrollten Programmes. Selbst die politische Anarchistenpartei, die Anttsemiten, sind nicht wenig kopfscheu geworden. Die Lügen, die sie so wohlgeordnet im Munde führen, die tönenden Versprechungen, welche sie dem Kleingewerbe machten, dürfen jetzt nicht mehr auf ein gleich gläubiges Publicum rechnen, und wenn auch der Haupttheil des antisemitischen Bekenntnisses, das Wühlen und Hetzen gegen die Juden, unberührt von dem Wandel der Zeiten geblieben ist, so ist doch am Ende selbst der letzte Landkrämer mit einem solchen Programm nicht mehr ganz zustieden und will etwas Greifbares. Woher nehmen? stagen sich die antisemitischen Häuptlinge. Die jüdischen Wähler, mögen sie noch so feststehen auf der Zinne der Partei, möge ihre nationale Gesinnung noch so festgewurzelt sein, und mögen sie also in Beziehung auf die von den Reichsrathscandidaten gewünschten Eigenschaften noch so weit auseinandergehen, haben doch ein Schiboleth, woran sie einander erkennen mögen. Dieses Gemeinsame aber finden wir ausgesprochen in dem Expose der „Wiener Zeitung" zu dem Patente, mittelst dessen der Reichsrath aufgelöst wurde. Dieses Schiboleth aber lautet: Gegen extreme B e st r e b u n g e n. Es ist die Pflicht der deutschgesinnten Juden, auf die gutdeutsche Gesinnung ihres Candidaten großes Gewicht zu legen; die czechisch gesinnten Juden, welche der Sache des czechischen Volkes angehören, mögen immerhin den deutschen Candidaten bekämpfen, und die Juden Polens werden sicherlich nach wie vor ihren nationalen Candidaten treu bleiben. Aber so weit auch unter den Juden Oesterreichs die nationalen Gesinnungen und politischen Überzeugungen auseinandergehen mögen, so müssen sich doch alle Gedanken und Gefühle in dem einen Brennpunkte treffen: Gegen die extremen Bestrebungen! Die extremen nationalen Bestrebungen, der leidenschaftliche Racenhaß hat uns den Antisemitismus bescheert. Der Judenhaß ist das natürliche Kind eines überreizten nationalen Chauvinismus. Indem die Regierung diese Parteien von sich weist, hat sie uns eingeladen mitzuarbeiten, daß maßvolle Männer in das Volkshaus einziehen. Alle Patrioten Oesterreichs werden aufgefordert, jeder in seiner eigenen Sprache, in den Ruf einzusttmmen gegen die extremen Bestrebungen. Vor allem aber: Gegen die Antisemiten! Im Namen des Patriotismus, der Bildung und Gesittung, muß der Kampf gegen die antisemitische Barbarei ausgenommen und durchgeführt werden. Jede Spur von Connivenz in dieser Hinsicht wäre nicht nur ein Fehler, wäre ein Verbrechen. Sind nicht gar manche jüdische Wähler von den Candidaten, um die sie sich mit leidenschaftlichem Eifer bemüht, die sie mit moralischen und materiellen Mitteln unterstützt haben, nachgerade schmählichst hintergangen worden? So mancher Abgeordnete wäre da zu nennen, der in seiner Candidatenrede, in deutlicher Beziehung auf die jüdischen Wähler von Toleranz und reinem Menschenthum überfloß, der aber, sowie er erst sein Mandat in der Tasche hatte, im Verlauf von Jahren nicht ein einziges Mal die Gelegenheit wahrnahm, auch nur auf die niederttächttgsten, verlogensten Angriffe, die so üppig von unseren Reichsraths-Jakobinern und manchem salbungsvollen Centrumsherrn auf die Juden niederprasselten, ein Wort der Entgegnung zu sprechen. Jetzt hat die Regierung den Kampf gegen extteme Bestrebungen ah einen ihrer Programmpunkte einbekannt. Wir wollen sehen, was die Regierung thun wird, um den Ernst dieses ihres Programmpunktes zu erweisen; mittlerweile aber ist es unser Aller heiligste Pflicht, uns für den alsbald entbrennenden Kampf zu rüsten. Wir dürfen uns keiner Täuschung darüber hingeben, daß die Erfolge der Anttsemiten in den Landtags- und Gemeinderathswahlen der Residenz den Herren den Kamm gewalttg schwellen gemacht. Wie jede Revolutionspartei, hat auch die antisemittsche ihre Erfolge im Fluge erobert, und je mehr die fast durchwegs übelbeleumundeten Wortführer davon überzeugt sind, daß ihre Herrlichkeit nur eine kurze sein werde, daß der Geist der Zeit urplötzlich zu dem Streiche ausholen werde, der sie und ihren ganzen Anhang vernichtet, mit umso höher erhobener Hand stürmen sie jetzt heran, um so wllder, um so fanattscher werden sie jetzt den Wahlkampf führen. Keiner darf verfehlen, sich ihnen mannhaft entgegenzustellen, der nur einen Tropfen jüdischen Blutes in seinen Adern spürt. Zweifellos wird der nächste Reichsrath eine bedeutende Verstärkung der antisemiti-