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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-01-23 · 4 (23.1.1891) · p. Seite 71

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
4 (23.1.1891)
Date
1891-01-23
Page
Seite 71 (sequence 17)
Language
German
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Rr. 4. Hesterreichische Wochmschrift <dmt 7t der Tod ihn wegnehmen?! O Gott, Gott! nein, sie giebt noch ihre Hoffnungen nicht auf! Zu groß und zu schwer sind zwar die Sünden ihrer Kinder; sie tragen kein Zizith (Schaufäden); wenn sie bei vornehmen Herrschaften zum Tanze spielen, essen sie Fleisch mit Butter; allen Mädchen laufen sie nach; aber vielleicht läßt sich der barmherzige Gott doch noch versöhnen! Sie thut ja auch alles Mögliche. Um Miternacht weckt ihr Weinen alle Leute auf, ihr Wehegeschrei verjagt die Tobten aus dem Tempel, mit heißen Thränen begießt sie die Thora und schlägt den Kops an die Thür des Aron Kodesch (heilige Lade). Beim Morgengrauen aber mißt sie die Schärpen, aus Baumwolle macht sie einen Docht zum Wachslicht, bei welchem die bezahlten Armen (Batlonim) die Sterbegebete rezitiren. Sie hat ja auch Protection! Abraham Schochet ist dort keine geringe Person; sie weiß, daß er oben im Himmel etwas zu bedeuten hat; er wird gewiß alles Mögliche fiir sie thun, weil er sie im Leben so lieb hatte, er hat sie ja immer so gehätschelt — — dieser heilige Mann war ihr Oheim. Aber was Hilst das, womit kann er vor den Allmächtigen hintreten, wenn noch jetzt ihre Söhne bei dem sterbenden Vater ohne Peies (Haarlöckchen) stehen. „Ich bitte Dich, Mirel," sagte der Kraute leise, „bleib still, ich habe genug gelebt, genug gespielt, jetzt kann ich rnhig sterben. Es kann mir nichts mehr helfen, Mirel, der Tod kommt imuler näher .... Die Füße sind schon abgestorben, und mit dem letzten Schlag des Herzens geht alles caput, dafür giebts keinen Rath und auch keine Saite, die man im Laden kaufen und frisch aufziehen kann. Erlaube mir, ruhig zu sterben," wiederholte er, „ich sehne mich nicht nach dem ■ Leben." Mirels Augen blitzte» vor Wuth. In ihrem Herzen öffnete sich die alte ungeheilte Wunde, sogar im Anblicke des Todes erwachte in ihr die Eifersucht, die sie das ganze Leben durch geplagt Hütte. „Ja," schrie sie, „ja, ich weiß es, Daß Du sterben willst, wozu sollst Du denn auch noch leben? Die Kinder können sich ohne Dich behelfen, ich bin alt und häßlich, und die schwarze Pesse ist vereist, wozu also ohne die schwarze Pesse leben?" Das elende Gesicht des Kranken zuckte, die weißen Lippen zitterten und aus den halbgebrochenen Augen flammten die letzten Funken. Das dauerte aber nur einen Augenblick, dann öffnete sich wieder ruhig der blasse Mund und in flehendem Tone sagte der Kranke: „Glaube mir, Mirel daß es nicht so ist, wie Du meinst." „Nie hast Du mich geliebt, immer ivar es die schwarze Pesse, die Du bevorzugt hast." „Nein, Mirel, glaube nicht, daß es nur die schwarze Pesse gewesen, ist es waren auch mehrere weiße ... das liegt schon in der Geige ... in der Natur der Musikanten. Dich habe ich aber immer geliebt. Ein Mädchen lockt, man kann ihren süßen Worten nicht widerstehen, aber nur eine kurze Zeit dauert der Zauber. Eine Frau ist ganz etwas Anderes, bei bleibt man immer treu, sie ist die Einzige, die man ewig lieb hat. Ich bin nicht gebildet und kann Dir das nicht erklären, ich fühle es aber, daß Mann und Frau ganz etwas Anderes sind. Die Heirath knüpft ein anderes, heiligeres Band, das zwar sehr zart, aber doch so stark ist, daß nichts und Niemand außer dem lieben Gott es zerreißen kann. Mit thut es leid um Dich, Mirel, und glaube es mir, daß ich auch im Grab Deiner gedenken und mich nach Dir sehnen werde." „Du bleibst nicht im Grabe, nein, Du kommst nach dem Paradiese," schluchzte die lvieder mild gewordene ^rau. „Das kann ich nicht wissen, Mirel, zu schwere und zu große Sünden belasten mich! Zwar ist Gott barmherzig, aber Vielleich werde ich bei ihm keine Gnade finden und im Grabe liegen bleiben. Wer wird im Himmel an den armen Musikanten denken? Das wiederhole ich Dir aber, daß ich Dich nie vergessen werde — und auch Euch nicht, meine Kinder," fügte Mache! tieferschüttert an seine Söhne sich wendend hinzu. „Ha, ha, ha," lachte er plötzlich, „sieh, Mirel, wie sie da alle stehen, als ob sie die Sprache verlernt hätten, oder nicht bis drei zählen könnten. Na Jungen, es thut Euch doch leid, den Vater zu verlieren? Schade, nicht wahr? Hahaha!" Der jüngste Sohn erhob tief bewegt den Kopf, um seinen Mund zuckte es, und nicht mächtig, sich zu beherrschen, fing er krampfhaft zu weinen an, die Anderen stimmten mit ein. In einem Nu füllte sich das kleine Zimmerchen mit Weinen und Schreien. Den Kranken schien eine Weile die Liebe seiner Sühne zu erfreuen, aber plötzlich raffte er sich aui, und mit den letzten Kräften rief er: „Genug, Kinder, genug, es ist mir so wie so schwer, mich von Euch zu trennen, „Was" — fügte er wie triumphirend hinzu — „es ist doch schade um den Vater, und wenn er auch ein Trunkenbold war? Und wie war es, als er noch gesund war! Für nichts wurde der alte Vater gehalten, Ihr habt besser als er spielen können, nicht wahr? Und wenn es einmal vorkam, daß der Alte das Maß überstiegen hatte, wurde er ein Trunkenbold genannt. Pfui, Kinder! nie soll man seinen Vater beschimpfen und verlachen, und wenn er auch einige Fehler hat — aber seid unbesorgt und ohne Angst, ich werde nach dem Tode nicht kommen, um Euch zu würgen, ich — ich verzeihe Euch Alles, denn auch das liegt in der Geige, in der Natur des Musikanten — vielleicht habe ich auch einst so gehandelt." Der Kopf des Kranken siel matt aus das Kissen zurück. „Mirel," sagte er erschöpft, „rufe mir jetzt einen Nachbar mit dem Gebetbuch herein." Krampfhaft weinend ging Mirel hinaus. „Ihr Kinder," sagte wieder der Kranke, „hört das letzte Mal auf den Rath Eures Vaters." Die Söhne näherten sich tief erschüttert dem Bett des Sterbenden. „So, nun habe ich noch eine letzte Bitte an Euch und wünschet Ihr sollt dieselbe erfüllen, weinet nur nicht, nehmt Eure Geigen und spielt mir zum letzten Male etwas vor — ich will hören, wie die Capelle ohne mich spielen wird." Die Söhne zögerten. „Ich befehle es Euch," schrie er, „thut schnell, was ich gesagt habe. Verstanden?" Als Mirel mit dem Nachbarn zurückkam, hörte sie die Probetöne der Instrumente. „Gott, was thut Ihr!" schrie die erschrockene Frau. „Störe sie nicht, Mirel," unterbrach der Kranke, „sie haben nicht Schuld, ich habe es ihnen befohlen, und sie sollen thun, was ich will. Höret, Kinder, mein letztes Wort," sagte er, sich an die Spielenden wendend, „ich gehe einen langen Weg, von dem ich nie znrückkommen werde, Ihr sehet mich heute das letzte Mal, aber meine Worte ssollen ewig in Euch leben. Treu sollt Ihr Eurem Gotte, der nur der einzige ist, bleiben, keine Schuld soll Euer Gewissen belasten. Daß Ihr keine Zizith trägt, Butter mit Fleisch esset — das thut nichts, damit thut Ihr weoer Euch, noch irgend einen! Menschen was Schlechtes, und au solche Dinge glaube ich nicht. Unser Gott ist zu hoch, daß er auf solche Kleinigkeiten achten sollte. Bleibt nur immer ehrlich — Ihr sollt nicht durch Betrug, sondern durch redliche Arbeit Euer tägliches Brod verdienen. Liebet den Nächsten — stützet den Armen, — und sättigt den Hungrigen, ohne darauf zu achten, welcher Religion er angehört. Auf jedem Schritt und Tritt denket daran, daß Ihr einen guten Namen erwerben sollt. Das sind die Werke, mit welchen man Gottes Gnade erwerben kann. Nie sollt Ihr einen armeu Mechuten mißhandeln, nie eine arme Kalle auslachen, denn Armuth ist keine Schande. Die Mutter, die Euch mit Thränen und Kummer erzogen und gepflegt hat, sollt Ihr bis zum letzten Moment ihres Lebens verehren. Nie soll ihr Auge eine Thräne des Schmerzes durch Eure Schuld füllen. Achtet darauf, daß ihr nie etwas fehlt, denn sie hat Eure Achtung und Liebe verdient, und Gott sagt es: Ehre deine Eltern, damit du lange und glücklich leben sollst — und jetzt spielt mir noch die Widuj (das Sündenbekenntniß) in Moll vor . . . ," Nach einer Weile erfüllten das kleine Zimmerchen die traurigen in Moll gespielten Töne jener uralten Melodie, auf deren Schwingen sich die Seele des armeu Musikanten in eine bessere Welt ewiger Harmonie erhob. Hiol». Bon Jda F. Verleumdung sprach vor Gottes hehrem Throne Des Klägers nimmermüder Lästermund. „Glück gabst Du Hiob" sagte er mit Hohne, Drum ist er jetzt ergeben Deinem Bund,

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