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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-01-23 · 4 (23.1.1891) · p. Seite 66

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
4 (23.1.1891)
Date
1891-01-23
Page
Seite 66 (sequence 12)
Language
German
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J5SJLU3 J9ULUUL il. «me 66 Gesterreichische Wochenschrift ^cr. 4. einiger in Petersburg lebender einflußreicher Engländer zu überreichen, diese aber lehnten das Ansinnen ab Das Comite überlegt jetzt, auf welchem anderen Wege dem Zaren die Petitiou unterbreitet werden könnte; an die Bittschriften- Commission hat sich das Comite bisher noch nicht gewandt. Die „Kölnische Zeitung" schreibt: Der plötzliche Umschwung der „Nowoje Wremia", welche heute erklärt, man müsse das Niveau der Sittlichkeit unter den Juden zu heben suchen, um sie zu guten Bürgern zu machen, sei auf einen Umschwung zum Bessern für die Juden in den allerhöchsten Petersburger Kreisen zurückzuführen. Bisher habe das genannte antisemitische Blatt stets für die schärfsten Maßregeln gepredigt. Wien. Grillparzer an Rothschild. Es ist bekannt, mit welcher Herzlichkeit sich Grillparzer seiner Familie annahm. Ein Beweis hievon ist auch das nachfolgende Empfehlungsschreiben, welches der Dichter Ende der sechziger Jahre an Baron Anselm Rothschild richtete, um einem Schwiegersöhne seines Bruders eine Stellung zu verschaffen. Dos erwähnte Schreiben hat folgenden Wortlaut: „Hochwohlgeborener Freiherr! Der Unterzeichnete erlaubt sich, beiliegendes Gesuch Ihrer gütigen Berücksichtigung zu empfehlen. Der Bitffteller ist der Gatte von einer der drei Nichten des Unterzeichneten. Er ist ein Tiroler aus guter Familie, hat sämmtliche Gymnasialstudien zurückgelegt und ist, nachdem er längere Zeit im Tiroler Jägerregimente gedient, als Bauingenieur bei der Eisenbahnbau-Unternehmung der Gebrüder Klein in Dienste getreten, mit Ende des Jahres 1868 aber nach Beendigung der Baurechnungen entlassen worden. Der Unterzeichnete kann sich für den Fleiß, die Redlichkeit und Geschicklichkeit desselben verbürgen. Die Zeugnisse, überdies Alles, habe ich selbst aus dem Gesuche herausgenommen, da ein möglicher Verlust ein beinahe unersetzlicher wäre. Ich selbst bin gewohnt, in Oesterreich auf Freundlichkeit und wohlwollendes Entgegenkommen zu treffen. Möge man einen Theil der guten Meinung, die man von mir hat, auf den Bittsteller übertragen, für den ich mich verbürge. Mit Hochachtung ergebenster F. Grillparzer, k. k. Hofrath." Die in diesem Schreiben erwähnte Nichte ist heute der noch einzig lebende Sproß aus dem Familienkreise Grillparzer's, nämlich die Tochter Marie feines Bruders Karl; sie ist verehelicht mit Herrn Leo von Schmuck, derzeit Südbahnbeamter. Wien. (Der antisemitische Hausherr.) Der in Fünshaus bekannte reiche Hausbesitzer und Fleischhauer Josef Wienner hält es mit seinem Antisemitisnms ganz gut vereinbar, in seinem Hause, Fünfhausgasse 8, auch Parteien israelitischer Confession Zins zahlen zu lassen. Zu diesen gehörte auch die Buchhaltersfamilie W e i n r e b. Aus einem wahrhaft geringfügigen Anlasse, bei welchem Frau W e i n r e b ihr gutes Recht geltend machen zu können glaubte, fiel Amalia W i e n n e r, die Gattin des Fleischhauers, mit einer Fluth nicht wiederzugebender Echimpfworte und Schmähausdrücke, welche eben nur das antisemitische Lexicon kennt, über die Frau, deren Gatte abwesend war, her und provocirte einen Scandal, der sämmtliche Wohnparteien aus ihren Wohnungen lockte. Als die Hausfrau im Bewußtsein ihrer Zahlungsfähigkeit ausries: „Mir liegt an dö fünf oder zehn Gulden nix, die die G'schicht' kosten wird!" fielen zwei Frauen, Agnes Korntheuer und Marie W i t t g e verständnißinnig in das Geschrei ein und secundirten wacker. So lange jedoch nur die Weiber schimpften, war keine Gefahr; ernster wurde die Sache für Frau W e i n r e b als W i e n n e r in eigener Person die Treppe hinaufstürmte, die versperrte Thür der Weinreb'schen Wohnung mit Gewalt ausreißen wollte, den Glockenzug abriß und mit der Drohung: „Ich muß die Juden brut erschlage n" gegen das auf den Gang gehende Küchensenster mehrere Schlüge führte. Frau W e i n r e b führte auch in der durch ihren Vertreter Dr. Jacob Friedländer veim Bezirksgerichte Fünfhaus überreichten Klage die wahrhaft lächerlichen Gründe an, welche diese Scene herbeigeführt hatten. Die Angeklagten, das Ehepaar Wienner, Agnes Korntheuer und Marie W i t t g e, leugneten bei der gestrigen Verhandlung jede Schuld, wurden jedoch durch zwei Zeugen vollkommen überwiesen. Der Richter Dr. H o e r n e s verwies dem geklagten Fleischhauer die Verdächtigung, als hätte Frau Weinreb diese Zeugen erkauft, mit aller Sttenge und hob es hervor, daß einer der Zeugen, der ganz unparteiisch der Sache beiwohnte, Christ sei. Dr. Friedländer betonte es, daß in Deutschland jüngst ein Regierungserlaß erschienen sei, der die Ahndung von Ehrenbeleidigungen, welche der Gehässigkeit gegen eine Confession entsprungen seien, durch die Staatsanwaltschaften anordne. Er beantragte, wegen der Statuirung eines Exempels, die Verhängung einer Arreststrase. Josef Wienner erhielt eine Arrest st rase in der Dauer von acht, Amalie Wienner, Agnes Korntheuer und Marie Wittge Arrestst r a i e n v o n j e d r e i T a g e n. In der Begründung des Urtheils sagte der Richter Dr. H o e r n e s, daß hier von einer Geldstrafe Umgang zu nehmen und eine Arreststrase auszusprechen gewesen sei, weil aus der Handlungsweise der Angeklagten eine besondere Gehässigkeit gegen eine Confession hervorgehe und hiedurch eine Brutalität und Rohheit erzeugt werde, welche empfindlich gestraft werden müsse. ßzernorvitz. Es ist gewiß ein C u r i o s u m sondergleichen zu nennen, daß in österreichischen Landen eine Mittelschule existirr, in welcher absolut kein Religionsunterricht ertheilt wird. Freilich befindet sich diese Lehranstalt, welche sich in so unrühmlicher Weise auszeichnet, nicht im Centrum des Reiches, auch nicht in der Nähe des Wirkungskreises der unterschiedlichen Liechten- und anderer Steine des Anstoßes für jeglichen Fortschritt, die mit der Uhr in der Hand des Momentes harren, wo sie der Jungftau Schule das Nonnenkleid des Klerikalismus anziehen können, sondern im fernen Osten der Monarchie, in der Bukowina. Bon diesem Laude, daß wirklich ein Stiefkind des Reiches genannt werden kann, hört man nur selten etwas, nämlich in der Regel nur dann, wenn dort eine himmelschreiende Ungerechtigkeit vorgefallen ist. In der Bukowina also, und zwar in dem einstigen moldauischen Krönungsstädtchen S u c z a w a ist ein Obergymnasium, an welchem kein Religionsunterricht ertheilt wird. Es dürfte nicht uninteressant sein, zu constatiren, daß die Mehrzahl der Schüler dem mosaischen Glaubensbekenntnisse angehören, da circa 200 Schüler, also 60 Procent Juden sind. Es gibt Leute, welche in diesem Umstande nicht ein Spiel des blinden Zufalls erblicken wollen, sondern die Thatsache, daß an einer Schule mit überwiegend jüdischen Zöglingen kein Religionsunterricht ertheilt wird, als eine ganz neue, recht merkwürdige Spielart des Antisemitismus ansehen und sie verweisen zur Bekräftigung ihrer Anschauung darauf, daß in einer Zeit, wo auf das „religio s" in dem Ausdrucke „religiös-sittliche Erziehung" ein ganz besonderer Nachdruck gelegt wird, ein solcher Vorfall eigentlich unmöglich sein sollte. Jedenfalls sieht es sich recht sonderbar an, wenn in den von dieser Anstalt ausgestellten Zeugnissen Rubrik „Religionslehre" die Bemerkung zu lesen ist: Hier kein Unterrichtsgegenstand", umso sonderbarer, als in Suczawa zwei Religionslehrer (darunter ein geprüfter) ansäßig sind. Es wäre interessant zu erfahren, ob die Landesschulbehörde der Bukowina von diesem Sachverhalt Kenntniß hat. Daß man im Cultus- und. Unterrichtsministerium hievon absolut nichts

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