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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-01-23 · 4 (23.1.1891) · p. Seite 65

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
4 (23.1.1891)
Date
1891-01-23
Page
Seite 65 (sequence 11)
Language
German
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'J(l. 4. Hellerreichische WochenjchrUt ©eite 65 unterbrochen wurden. Eine der verlogensten Behauptungen sei es, den an der Börse gepflogenen für capitalistische Unternehmungen geradezu unentbehrlichen Verkehr als Spiel hinstellen zu wollen. Wenn Dr. Lueger die Staatspapiere, welche im Verkehre stehen, als unreelle, fictive Werthe bezeichne, so klinge dies im Zusammenhalte mit der gleichzeitigen Behauptung, daß die Börse den Credit des Staates rüinire, sehr sonderbar. (Beifall.) Fast keine Börse habe so nüchterne Grundsätze wie die Wiener und doch würde man in keinem Lande die Börse so insultiren lassen, wie sie gerade in Wien insultirt worden sei. Man denke sich einmal die Börse weg. Wer würde den Ausgleich der Werthe und die Vermittlung des Geldes auf dem Capitalsmarkte besorgen? Das Sinken des Zinsfußes, die Hebung desHypothekarcredits, welche größtentheils aus den Einfluß der Börse z u r ü ck z u f ü h r e n sind, gereichten dem Staate gewiß nicht zum Nachtheile. Neben allen diesen Momenten müsse man sich aber noch Dor Augen halten, daß die Börse nicht etwa, wie man zu behaupten beliebt, steuerfrei, sondern ganz immens besteuert sei. Den sechsten Th eil der Gesammtsteuer Wiens, das ist rund 2,-« 00.000 fl., zahle die Börse, selbst der Gallopin noch werde zur Steuerleistung herangezogen, und aus die 599 Börsebesucher repartirt, betrage die Steuer per Kopf 432 fl. 40 kr. Es zahlen in Wien per Kopf: Advocaten. 180 fl. Bäcker. 215 Fleischer. 240 „ Spediteure, Exporteure. 282 „ Börseeffectenhändler. 440 „ Geldwechsler. 460 „ Börse- und Wechselsensale .... 490 „ Commissionsgeschüft-Jnhaber . . . 965 fl. Wechselescompteure. 1030 „ Bankiers. 5110 Der kleinste Börsebesucher zahlt so viel Steuer die Juwelen- und Goldschmuckhändler, welche 106 sl. Steuer zahlen. Ganz abgesehen von den enormen Steuerleistungen der großen Banken (die Creditanstalt zahlt 446.(00 fl., die Länderbank 338.000 fl, die Oesterreichisch - Ungarische Bank 980.000 fl., die Sparcasse 261.000 fl. u. s w.). Die Börseaner, ohne die Bankiers, zahlen im Durchschnitte 432 fl. 40 kr Steuer, und da wagt man es, an die Börse mit Vorwürfen heranzutreten, von denen man weiß, daß sie erlogen sind und nur zur. Aufhetzung des ohnehin aufgewiegelten Volkes dienen. Wir haben zu lange geschwiegen, aber jetzt ist es an der Zeit, die Lügen zu widerlegen. (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Es sprachen noch hierauf die Herren: Pachernegg, Karl K u h n i tz e r, Emanuel Feigenbaum und W a l t u ch. Herr Franz Pachernegg wies darauf hin, daß der Mißbrauch von Schlagworten zum Zwecke der Wirkung auf die Massen bei der Partei des Dr. Lueger besonders beliebt sei. Habe Dr. Lueger eine Ahnung davon, daß der Börsebesucher ehrlich sein müsse, um Börsebesucher bleiben zu könneu, daß auf der Börse auf das bloße Wort hin Tausende anvertraut werden? Ehrlichkeit und Vertrauen bilden die Grundpfeiler der Börse, und darum seien die Börsebesucher verpflichtet, gegen die Beschimpfungen Verwahrung einzulegen. Herr Em. Feigenbaum versuchte eine Chnrakterisirung der Gegner, indem er unparteiisch über deren moralischen Werth die Aussprüche der engeren Gesinnungsgenossen zu citiren unternimmt. Die Ausdrücke, mit denen die Antisemitenführer sich gegenseitig tractiren, erachtet der Vorsitzende als dieser Versammlung unwürdig, und so verzichtet denn der Redner auf weitere Citate. Stürmisch acclamirt ergreift der Börserath, Herr S. Cohn, das Wort, um dem Wunsche Ausdruck zu geben, daß dasjenige, was eben in diesem Saale zur Sprache gekommen sei, wirklich einmal „zum Fenster hinausgesprochen" sein solle. Dann würden wohl die ewigen Schmähungen und Nergeleien gegen die Börse aushören. „Ich kenne," ruft Redner unter dem stürn^schen Beisalle der Versammlung, „keinen einzigen Börseaner, welcher ein Geldprotze ist. welcher über seine Verhältnisse lebt, wohl aber gar viele, die nach einem Menschenleben harter, mühevoller Arbeit für sich und ihre Kinder nicht das trockene Brot zu verschaffen irr stände sind." Mit der einstimmigen Annahme der oben im Wortlaute mitgetheilten Resolution schloß die Versammlung. Wien. (Gegen den Antisemitismus in der Schule!) Angesichts der bevorstehenden Wahlen und der wilden, scrupellosen Agitation, welche die antisemitischen Parteihäupter auch unter der Lehrerschaft entfesselt haben, die sie in ihre dunlle Bewegung hineinzuziehen bemüht sind, erscheint der im Folgenden veröffentlichte Erlaß der Bezirksschulräthe an die Wiener Schulleiter von höchstem Jntereffe. Der Erlaß lautet: „Der k. k. Landesschulrath hat in (Erledigung des Berichtes» womit das Resultat der Erhebungen über die zu Beginn des Jahres 1890 in der ..Wiener Sonn- und Montagszeitnng" veröffmtlichle Artikelserie „Antisemitismus in der Schule" hochdorthin bekanntgegeben worden ist, eröffnet, daß er bei diesem Anlaffe und im Hinblick aus die hochgehende antisemitischeBew e g u n g sich bemüssigt sieht, den Bezirksschulrath zu benachrichtigen, die Wiener Lehrer überhaupt unter Androhung der schärfsten Disciplinar st rasen nachdrücklich vor einem Verhalten zu warnen, wodurch ihre Wirksamkeit als Erzieher und Lehrer geschädigt wird." Wien. (Die Lage der russischen Juden.) Die Petitionskommission am k a i s erliche ii Hose in Petersburg sandte an den Lord mayor d i e Petition gegen die Judeuaustreibung mit der Motivirung zurück, diePetition nicht annehmen zu können, weil derartige Mittheilungen von auswärts keinesfalls dem Zaren vorgelegt werden dürfen. An diese Mittheilung anknüpfend, erzählt ein Correspondent aus Petersburg die folgende, wie er versichert, vollständig begründete Geschichte: „Durch alle möglichen Anstrengungen und Opfer gelang es einem Reichen und gebildeten Juden, eine Denkschrift über die Lage der russischen Juden dem Zaren vorzulegen. Die Denkschrift bewies die Nothwendigkeit, den Judenverfolgungen Einhalt zu thun. Der Zar las sie höchst aufmerksam. Als er die Lectüre beendigt hatte, schrieb er aus das Schriftstück: „Diese Denkschrift ist sehr hübsch abgefaßt. Sie enthält vortreffliche Argumente, erhebt sich stellenweise zur Beredsamkeit und deckt entsetzliche Sachen auf, man sollte aber niemals vergessen, daß die Juden unseren Herrn Christus kreuzigten und sein theures Blut vergösse n." Die zum Christenthum bekehrten Afrikaner fielen bekanntlich einst über die christlichen Missionäre her mit dem gleichen Schlachtruf: „M o r d e t sie alle, denn die W e i ß e n haben unseren Herrgott gekreuzigt! Ein Vertreter der Londoner Agentur des Depeschen- Bureaus „Herold" interviewte den Secretär des in der Guildhall abgehaltenen Meetings gegen die russische Jude »Hetze in Bezug auf die den Londoner Blättern zugegangenen Petersburger Depeschen über die Zurückweisung der an den Kaiser von Rußland gerichteten Petition des Meetings nach London. Der Secretär erklärte die Nachricht für unrichtig. Das hiesige Counts beabsichtigte, die Petition dem Zaren durch Vermittelung

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