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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-01-23 · 4 (23.1.1891) · p. Seite 61

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
4 (23.1.1891)
Date
1891-01-23
Page
Seite 61 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 4. Hesteneichifche Wochenschrift Seite 61 bei der die Kranken gleich den Wölfen des Nachts auf Gräbern und abgelegenen Orten heulend herumstreiften. Im späteren Mittelalter und in der neuen Zeit (16. und 17. Jahrhundert) war der Glaube an Wehrwölfe sehr verbreitet, und die Fälle, in welchen Geisteskranke auf allen Vieren durch die Felder streiften, sich in Wölfe verwandelt glaubten und sich selbst beschuldigten, Kinder getödtet und aufgezehrt zu haben, wurden beobachtet. Man hielt diese Selbstbeschuldigungen für einen Beweis, daß es wirklich Wehrwölfe gebe, man erkannte nicht, daß es sich um Seelenstörung handelte, sondern nahm dämonische Einwirkung an, und da diese unglücklichen Geisteskranken alles zngestanden, was man in sie h i n e i n e x a m i n i r t e, so kam es, daß man nach einem scheinbar ganz exakten Beweisverfahren diese vermeintlichen Wehrwölfe zum Fenertode verurtheilte. Im 16. Jahrhundert kam die Lykanthropie auch epidemisch vor. 1573 wurden die Bauern in der Umgebung von Dole in Frankreich durch einen Parlamentserlaß autorisirt, auf die Wehrwölfe Jagd zu machen. 1598 bis 1600 herrschte die Lykanthropie vermischt mit Teufelcultus epidemisch im Jura, und ein dortiger Richter Boguet soll sich am Ende seiner Wirksamkeit gerühmt haben, mehr als 600 Lykanthropen und Dämonomanen zum Tode vernrtheilt zu haben. In Constantinopel sollen 1542, als Soliman die Herrschaft antrat, so viele Wehrwölfe gewesen sein, daß über 150 Wehrwölfe erlegt wurden, und in Polen sollen sie zu Tausenden vorgekommen sein. Erst am Ende des 16. Jahrhunderts fing man endlich an, einzusehen, daß die Wehrwölfe auch Geisteskranke sein können. Das Parlament schickte 1598 einen Verrückten, der sich als Wehrwolf bekannt hatte und deshalb vom Gericht in Angers zum Tode vernrtheilt war, in's Irrenhaus, weil wie das Erkenntniß sagte, mehr Tollheit als Zauberei und Bosheit in dem Unglücklichen steckte. Trotzdem hat 5 Jahre später (1603) das Parlament zu Bordeaux einen blödsinnigen 13jährigen Knaben (Jean Grenier) wegen Lykanthropie zu lebenslänglicher Einsperrung in einem Kloster und zur Todesstrafe im Falle seiner Entweichung verurtheilt. Die Verwandlung der Wölfe war nicht der einzige Thierverwandlungswahn der Geisteskranken, sondern manche hielten sich für Hunde und bellten, oder für Katzen und miauten. Auch die andere Form der Dämonomanie, der Hexenwahn, kann mit Recht unter die Geisteskrankheiten gestellt werden. Sie herrschte in der That epidemisch, was schon daraus hervorgeht, daß nach einer Berechnung nahezu eine halbe Million ihr zum Opfer gefallen sein sollen. Die Geschichte des Hexenwahns ist das schwärzeste Blatt der christlichen Culturgeschichte. So groß auch die Curven der Sittengeschichte in den verschiedenen Zeiten sind, so gibt es doch keine tiefere Stufe der Cultur und keine höhere Verirrung des menschlichen Geistes als die Hexengeschichte. Wenn man sich fragt, wie es möglich war, daß drei Jahrhunderte hindurch der Hexenaberglaube bestehen und tausende von Geisteskranken als Hexen gefoltert und verurtheilt werden konnten, so ist die Antwort einfach die, daß es an wissenschaftlicher Aufklärung fehlte. Es gab keine psychiatrische Wissenschaft. Selbst die Aufgeklärtesten hatten keine Idee davon, daß Sinnestäuschungen durch körperliche Krankheit erregt werden können, daß die Teufel, nichts waren als Sinnestrug, daß das stereotype Delirium der Hexen nichts war als ein methodisch verarbeiteter Wahn, ausgehend von abnormen Empfindungen und Sinnestäuschungen, ausgehend von dem Zwiespalt in der Seele. Mit Recht sagt ein Autor (Schindler): Der Begriff der Gesetzmäßigkeit der Natur und der unwandelbaren ewigen Weltordnung war noch nicht in's Volksbewußtsein gedrungen. Active, intelligente Mächte waren zwischen Gott und die Menschen gestellt, und da man das Böse in der geistigen Welt ebensowenig mit Gottes Güte vereinigen konnte als die zerstörenden Gewalten in der äußeren Natur, so glaubte man an jene dämonischen Mächte, welche mit Gott um den Besitz der Menschenseele stritten und als Urheber alles Bösen und Schändlichen galten. *) Und es fehlt auch in unserer Zeit nicht an religiösen Nachtstücken, an mystischen Richtungen in Wissenschaft und Glauben. Kleinere psychische Epidemien find auch in unserem Jahrhundert dagewesen, z. B. die besessenen Kinder im Waisenhause zu Elberfeld 1861. Im Januar 1861 wurden die Kinder des Waisenhauses in Elberfeld infolge des vielen Betens von Seelenangst gequält, und bald darauf brachen bei denselben Krämpfe aus, wobei sie unter lautem Schluchzen Gott um Verzeihung ihrer Sünden anflehten. Binnen Kurzem waren 60 Kinder von religiösem Wahnsinn ergriffen. Ein 17jähriger Knabe, dem der Satan den Mund zugehalten, wenn er beten wollte, wurde mit aller Gewalt von den Anwesenden zum Beten aufgefordert, damit der Satan ihn nicht lebendigen Leibes hole. Die Stadtverordneten von Elberfeld machten der Sache ein Ende, indem sie die Amtsentfetzung des Waisenhausvorstehers anordneten. Erinnern wir uns ferner des Mesmerismus, des odisch-magnetischen Zaubers, der Hellseherei, der Revivals und Convulsionäre, der tanzenden Tische und klopfenden Geister, des sogenannten Spiritismus, der Salutisten und des neuesten Geisterspuks in Resau! Alle diese Verirrungen sind Zeichen des antisemitischen Zeitalters. Der Aberglaube lebt eben heute noch in tausend Formen. Aber eben deshalb ist es gut, wenn wir von Zeit zu Zeit die Geschichte des Wahnsinns und des Aberglaubens studiren. Man kommt da zu überraschenden Wahrnehmungen und Ergebnissen. Wie im Mittelalter die religiöse Exaltation auf die Ausbreitung geistiger Epidemien förderlich einwirkte, so in unserer Zeit die übertriebene Bedeutung, welche man den nationalen Ideen beilegt. Die politischen Demonstrationen der nationalen Universitäts-Juge n d in Wien und Prag, in Budapest und Agram hatten ihre Vorbilder in den Kinder- Kreuzzügen des Mittelalters. Es ist oft ausgeführt worden, wie der exclusive Nationalismus zum Racenstaudpunkte und zum Antisemitismus führen mußte. Es ist kein Zufall, daß der Antisemitismus zuerst in Deutschland aufiam, der der nationalen Idee seine staatliche Einigung zu danken hatte, und es ist wieder kein Zufall, daß er in Oesterreich so günstigen Boden zu seiner Fortpflanzung fand, wo die nationale Empfindlichkeit auf's äußerste gesteigert ist. Die nationale Ueherreizung hatte die Bevölkerung für die Aufnahme jener pseudo-wissenschaftlichen Theorien empfänglich gemacht, welche aus der Verschiedenheit der Rasse, die Lehre vom Wirths- und Gaftvolke ableiteten. Das war der für die Halbgebildeten prüparirte Irrwahn, der sich epidemisch ausbreitet. Für die Ungebildeten kam ein anderes wirksames Moment in Betracht: Die wirthschaftliche Stagnation der letzten zwanzig Jahre und die Fabel von den unermeßlichen Reichthümern der Juden. Man war nur zu Leicht geneigt, beide Momente mit einander zu verquicken, und während es historisch feftsteht, daß die Juden zu allen Zeiten die Opfer und Dupes ihrer arischen „Wirthe" waren, wurde nun die Meinung eine allgemeine, daß die Juden das christliche Volk ausbeuten, und daß die wirthschaftliche Roth auf diese Thatsache zurückzuführen sei. *) Bergleiche Schindler. Der Aberglaube des Mittelalters. Breslau 1858.

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