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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-01-23 · 4 (23.1.1891) · p. Seite 60

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
4 (23.1.1891)
Date
1891-01-23
Page
Seite 60 (sequence 6)
Language
German
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Hesterreichische Wochenschrift Nr. 4 begreift man auch, daß die Ueberlebenden von der größten Panik gepackt wurden, und der Bußgedanke in jener Selbstzüchtigung seinen Ausdruck fand. Die sogenannten Kreuzbnider, welche auf ihrer Bekleidung rothe Kreuze trugen, bildeten eine Geißlersecte, welche nach Art der Brüderschaften organisirt war. Sie verbreiteten sich von Ungarn aus nach Deutschland und in die französischen Provinzen, welche Länder sie, in verschiedene Rotten getheilt, unter besonderen Führern durchzogen. Ihr Gebühren erscheint als eine etwas rohe, religiöse Exstase, welche für die Stimmung der damaligen Zeit passend und ausdrucksvoll war, aber nicht als wirkliche geistige Störung angesehen werden darf. Ein pathologischer Zug war freilich auch bei manchen dieser Geißlerschwärme nicht zu verkennen, weshalb denn auch der Kanzler Gerson in seiner dem Concil zu Constanz am i8. Juli 1417 vorgelegten Schrift gegen die Geißler bemerkte: „Wie ein alter Mann im Schlafe phantasire, so erleide die alternde Welt Phantasien falscher Wunder." In naher Beziehung zu den Wandersuchten stehen die T a nzwuth-Epidemien, nur find bei ihnen tiefere Störungen des Nervensystems und der Seele zu erkennen. Der krankhaft gereizte Bewegungstrieb führt hier nicht bloß zum Wandern, sondern auch zu convulsivischen Bewegungen, zu Krämpfen, bei denen das Bewußtsein erloschen oder gefälscht war. Dahin gehören der St. Johannistanz, der Veitstanz, der Tarantismus und andere Formen der Tanzplage. Die erste größere Epidemie der Tanzwuth wurde in Deutschland und den Niederlanden 1574 beobachtet und als St. Johannistanz benannt. Es ist nicht bekannt, wo und wie diese Epidemie zuerst entstanden war. Prädisponirende Momente lagen in der Rohheit der Gesinnung und Gesittung der damaligen Zeit. Die Schrecken des schwarzen Todes waren noch nicht ganz vergessen, die Pest war kurz vorher, 1371, in Regensburg wieder ansgebrochen. Materielle Noth war aber nicht vorhanden; denn gerade die Jahre 1373/74 waren durch große Fruchtbarkeit ausgezeichnet, und vielleicht war der Umstand, daß in gesegneten Jahren die wilde Tanzfeier des Johannistages wieder in Aufnahme gekommen war, von Einfluß auf die Entstehung der Tanzplage. Am 16. Juli 1374 kam, wie ein Zeitgenosse erzählt, nach Aachen eine sonderbare Art besessener Menschen, welche halb entblößt, die Köpfe bekränzt, auf den Straßen, in den Kirchen und in den Häusern Tänze aufführten und dabei nie gehörte Namen des Teufels ausriefen. Nach vollendeten Tänzen quälten die Teufel sie mit den heftigsten Brustschmerzen, so daß sie mit schrecklicher Stimme schrieen, sie müßten sterben, wenn man sie nicht mit Binden mitten um den Leib stark zusammenschnürte. Vom September bis Oktober wuchs ihre Zahl zu vielen Tausenden an, und täglich strömten neue Tänzer herbei. Sie zogen nach Utrecht und Lüttich, wo viele gesunde Zuschauer plötzlich von derselben Tanzsucht ergriffen wurden. Die Aerzte erklärten die Tänzer für Kranke, welche wegen ihrer heißen Natur oder aus anderen natürlichen Ursachen in die Tänzerei verfallen wären, aber die Meister der Schrift meinten, sie wären vom Teufel besessen. Sie stellten Beschwörungen dagegen an, und als diese Cur mehrmals gelungen war, so kam, wie unser Berichterstatter naiv bemerkt, der Klerus von Lüttich in einen guten Geruch. Bei höheren Graden der Krankheit begannen die Anfälle mit fallsüchtigen Zuckungen, die Kranken sielen bewußtlos und schnaubend zu Boden, dann sprangen sie auf und hoben ihren Tanz an mit unheimlichen Verzerrungen des Gesichts. Oesters hatten sie während des Tanzes Visionen, erblickten Geister oder sahen den Himmel offen. Manche sagten nach dem Anfall, sie wären sich vorgekommen, wie in einen Strom von Blut getaucht, weshalb sie so hätten springen müssen. Zur nämlichen Zeit sah man die Tanzsucht auch in Köln und in Metz. Einer zweiten Tanzwuth-Epidemie begegnete man 1418 in Straßburg. Diesmal hieß die Krankheit Sauet Veitstanz. Nach dem Berichte einer ungedruckten Chronik wurde am 14. Juli eine Frau von der Tanzplage befallen, welche der Magistrat zu der Capelle des heiligen Veit nach Zabern bringen ließ, wo sie sich beruhigte. Aber binnen 4 Tagen brach das Nebel bei 24 Personen beiderlei Geschlechtes aus, welche, vom Sinnentaumel ergriffen, nach dem Sackpfeifer auf den Straßen tanzten. Der Magistrat verbot infolgedessen Trommeln und Pfeifen, und die Befallenen wurden ebenfalls dem heiligen Veit zugeführt. Binnen wenigen Tagen erhob sich aber die Zahl der Befallenen auf 200. Die Chronik hat darüber folgende Reime: „Biel Hundert fingen zu Straßburg an Zu tanzen und springen. Frau und Mann Am offenen Markt, Gaffen uttb Straßen Tag und Nacht ihrer viel nicht aßen, Bis ihnen das Wüthen wieder gelag. St. Veitstanz ward genannt die Plag." Der heilige Veit galt als Schutzpatron gegen die schon früher bekannten tanzühnlichen Krämpfe. Der Taranteltanz oder Tarantismns hat Anrecht auf den Namen einer psychischen Störung. Man glaubte, daß die Krankheit von dem Stiche einer in Apulien häufigen Erdspinne, der Tarantel, herrühre. Die vermeintlich Gebissenen verfielen in Trübsinn oder Betäubung. Dabei war eine außerordentliche Empfindlichkeit für die Wirkungen der Musik. Einzelne sprangen bei den ersten Tönen einer beliebten Melodie auf, jauchzten vor Freude und tanzten, bis sie erschöpft und halb leblos niedersanken. Andere weinten beständig und blieben melancholisch, wieder andere wurden vom Liebesrausch ergriffen. Gegen die Folgen des Tarantelbisses gab es nach der Volksmeinung kein anderes Mittel als die eigentlichen Weisen der „Tarantella". Der Tarantismus begann in Italien in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, und im Anfang des 17. Jahrhunderts erreichte das Vorkommen des Tarantismus seine Höhe. Es ist kein Zweifel, daß man die übereinstimmenden Angaben über den Tarantismus auf eine melancholische Störung beziehen muß, welche vielleicht aus Angst der von Jnsecten Gestochenen entstanden sein dürfte. Es bestand der Wahn, daß die von der Tarantel Gebissenen tödlich erkranken, aber nur durch Tanz genesen könnten. Deshalb sollen zur Zeit des Tarantismus viele Spielleute in Italien herumgezogen sein, welche die Heilung der Taranteltänzer besorgten. und da die Frauen die Spielleute für die von der Taraniel-Melancholie Befallenen bezahlten, so nannte man diese Zeit den kleinen Carneval der Frauen. Der Tarantismus war also eine besondere Form von Melancholie, eine weitere Form sehen wir in den T h i e r- Verwandlungen, in der L y k a n t h r o p i e und Zoanthropie. Man versteht unter Lykanthropie die Wahnvorstellung geisteskranker Menschen, in Wölfe, sogenannte Wehrwölfe, verwandelt zu sein. Der Aberglaube, daß Menschen in Wölfe verwandelt werden können, ist ein uralter. Schon bei Herodot kommt dieser Aberglaube zur Sprache und Ferdinand Wolf meinte, daß derselbe germanischen Ursprungs sei, während Plinius den Glauben an Wehrwölfe aus Arkadien ableitet, wo dem Lykäischen Zeus in einem unantastbaren Heiligthum Menschen geopfert wurden und diejenigen, welchen es oblag, das Opfer zu vollbringen, in einen finsteren Wald fliehen und dort 9 Jahre lang als Wölfe leben mußten, nach welcher Zeit der Frevel gesühnt war und sie ihre frühere Menschengestalt wieder bekamen. Als Krankheit oder Epidemie kam die Lykanthropie im Alterthum nicht vor. Wohl aber kannte man die Lykanthropie als eine besondere Art der Melancholie bereits im 4. Jahrhundert. Ein Arzt der damaligen Zeit, Mmeellus aus Sida, beschreibt diese Uelaneüoli» errabunda,

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