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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-01-23 · 4 (23.1.1891) · p. Seite 62

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
4 (23.1.1891)
Date
1891-01-23
Page
Seite 62 (sequence 8)
Language
German
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Seite 63 HesterreichWe Wochenschrift Nr. 4 Auch hier fehlte es eben an wissenschaftlicher Aufklärung und es rächte sich schwer, daß die moderne Jugend von der Gesetzmäßigkeit wirthschastlicher Vorgänge, von der Causalität innerhalb einer bestimmten Wirthschastsordnung keine Ahnung hat. Und eben deshalb erwies sich die Jugend für das Gift des Antisemitismus, für das Contagium der Seuche weit empfänglicher als die älteren Leute. Eine populäre Volkswirthschaftslehre, welche den Massen begreiflich machte, daß nicht die Juden, sondern die Verkehrtheit unseres individualistischen Wirtschaftssystems an der materiellen Noch schuld trage, würde zweifellos viel zur Verringerung der Krankheit beitragen. Das Volksbewußtsein muß von den irrigen Vorstellungen abgelenkt und mit realen Begriffen erfüllt werden; es muß zu richtigem Denken erzogen werden, nachdem die Lügenpropheten ihm das Denken überhaupt abgewöhnt haben. Der Judenhaß wird schwinden, wenn einmal die Ueberreizung des Nationalgefühls geschwunden und wenn an unseren Schulen jene auf praktische Kenntnisse und Erkenntnisse gerichtete Methode zum Durchbruche gelangen wird, welcher vor Kurzem erst Kaiser Wilhelm II. einen in seiner Gänze richtigen Ausdruck gegeben hat. Habe« sich die Juden oder die In Rußland eingedrängt? Zu den Anklagen, welche man gegen die russischen Juden erhebt und die zum unberechtigten Vorwände ihrer Bedrückung und Austreibung gelten müssen, gehörtauch die, daß sie Eindringlinge sind. Es verlohnt sich daher wohl der Mühe, dieserhalb eine Untersuchung anzustellen, denn wir haben sichere Beweise dafür, daß die Juden in manchen Gegenden des russischen Reiches früher ansäßig waren, als die Russen. In den östlichen Provinzen fanden sich schon Juden unter der Herrschaft der Moslemen, ehe noch diese Gegenden von den Russen erobert waren. Dies ist auch der Fall in der Krim. Im Kaukasus, welcher erst in der jüngsten Zeit unter russische Botmäßigkeit kam, waren ganz bestimmt die Juden schon früher als die Russen ansäßig. Viele auf die Juden in Rußland bezügliche Facta haben jüdische Gelehrte in arabischen und anderen Chroniken gefunden, aber man hat dieselben in Bezug auf unsere Frage nicht weiter berücksichtigt. Es ist daher wünschenswerth, daß die Chroniken auch zu diesem Zwecke untersucht werden. Es wird allgemein angenommen, daß die slavischen Völker, zu welchen die heutigen Russen gehören, die Ureinwohner des Landes sind, dagegen ist ihre Geschichte nicht so einfach, sondern hat sich sehr eigenthümlich entwickelt. Vor 1000 Jahren waren die Namen Russen und Rußland noch unbekannt, und da sie keineswegs slavisch sind, so sind diese Namen germanischen Ursprungs. Um das Jahr 862 befanden sich die slavischen und finnischen Volksstämme an den Küsten des baltischen Meeres in einer sehr traurigen Lage, geplagt von den Tartaren und gezwungen, den Warägern und deren germanischen Bundesgenossen Tribut zu zahlen. Es muß hierbei bemerkt werden, daß diese Völker noch keine Christen waren und erst viel später sich zum Christenthum bekannten. Ihre Lage war so trostlos, daß einige dieser Stämme sich entschlossen, gegen die Waräger zu revoltiren und erst später sich denselben freiwillig unterwarfen. Sie schickten dieserhalb eine Gesandtschaft an die Waräger, Engländer rc. in Jütland, welche beschlossen, ihnen drei königliche Prinzen, Ruric, Snow und Trouvor zu schicken, welche über sie herrschen sollten. Diese eroberten nun nach und nach den größten Theil des Reiches und nannten sich und ihre Unterthanen Russen." ) Ihre Gesetze waren nach germanischem Muster, während die Slaven besondere Gesetze hatten. Die Waräger oder Russen *) Bon dem schwedischen Stamme Ruß, dem sie entsprossen waren. (Der Uebers.) durchstreiften während einer langen Reihe von Jahren das Land und es gelang ihnen auf diese Weise, ihre Herrschaft von dem baltischen bis zum schwarzen und kaspischen Meere auszudehnen, Sie wurden immer verwegener, überfielen das griechische Reich und befreiten Constantinopel in den Jahren 863 bis 866 und öfter. Hierauf wurden die griechischen Kaiser zu einem lieber - einkommen mit den Warägern gezwungen und Unterzeichneten mit denselben einen Vertrag, auf Grund dessen diese ihnen Hilfstruppen stellten. Erst 955 trat die Königin Olga, verwittwete Schwiegertochter Ruriks, in Constantinopel zum Christenthum über, wobei sie den Namen Helena annahm. Dieser Glaubens- Wechsel rief einen solchen Sturm der Entrüstung unter den nichtchristlichen Warägern hervor, daß der größte Theil derselben Slavonien verließ und sich in den Schutz der griechischen Kaiser begab. Unter diesem verblieben sie bis zur Eroberung Constantinopels durch die Türken und bedienten sich der englischen Sprache. In den meisten Geschichtsbüchern wird behauptet, daß die Waräger zu den Normanen gehörten, von deren Heldenthaten auch die Scandinavier Nutzen zogen. Es ist mir jedoch schon vor mehreren Jahren gelungen, ihre Identität feststellen und geschichtlich Nachweisen zu können, daß sie zu den Varini gehören, welche in Tacitus „Germania" mit den Angli oder Engländern identificirt werden. Ueber ihre Geschichte habe ich in meinen Beiträgen für den „Alterthumsverein" (1849) in der „Levant Quarterly Review“ (1862), im „Journal der Ethnologischen Gesellschaft" 1868) und dem „Journal des königlich historischen Vereins", so wie in Edwin Pears „Belagerung von Constantinopel" Verschiedenes mitgetheilt. Manche fürstliche Geschlechter Rußlands, zu welchen die kaiserliche Familie nicht gehört, sind Nachkommen des Hauses Rurik und stehen dieserhalb in hohem Ansehen. Aus dieser Dynastie stammten die Herrscher Rußlands bis vor 300 Jahren. Die Russen müssen daher ihre Ansprüche bedeutend reduciren und die Geschichte ihres Reiches sowie der verschiedenen Bestandtheile desselben einer sorgfältigen Prüfung unterwerfen; das Ergebwß derselben kann nur ein den Juden sehr günstiges werden. In Astrachan, der Krim und dem Kaukasus haben die Juden viel früher gewohnt als die Russen, und in dem erstgenannten Gebiete haben schon im siebenten Jahrhundert finnische Khozaren zu ihrem Glauben bekehrt. Zweck dieser Zeilen ist, die Aufmerksamkeit jüdischer und nichtjüdischer Gelehrten auf die in Rede stehende Frage zu lenken und die Gelehrten-Kreise zur weiteren Erforschung des Sachverhalts zu ermuntern. (Rahmers „Jüd. Litbl." nach dem „Jewish Chronicle" von Hyde Clarke.) Grinnernnge« a« Salamo« Snizer. Bon Ludwig August Frankl. Am 17. d. M. war es ein Jahr, daß Salamon Sulzer zur Erde bestattet wurde. Er war eine Stimme seines Volkes, denn nicht in dem Tempel in Wien allein wurde sie über ein halbes Jahrhundert vernommen, seine „Zionsgesänge" ertönten in allen jüdischen Gotteshäusern der Erde, in denen sie nicht verhallen werden. Seine mächtige, durch Kunst vollendete Stimme erschütterte, erhob und entzückte aber auch nicht allein seine Glaubensgenossen. Der Erzbischof und Patriarch von Venedig, der auch als Dichter berühmte Ladislaus Pyrker, unterließ es nicht, wenn er nach Wien kam, Sulzer zu besuchen, um ihn Lieder singen zu hören, namentlich aber die S ch ub e r t'sche „Allmacht", damit er nach seiner Aeußerung, „zu tiefer Andacht gestimmt werde". Franz Schubert, der unsterbliche Lieder-

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