Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 4 (23.1.1891)
- Date
- 1891-01-23
- Page
- Seite 59 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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% 4 Oesterreich ische Wochenschrift :ciit 59 Jnnocens vergebens den König Philipp II. zur Theilnahme anfforderte. Mitten in dieser Agitation trat in Frankreich ein Hirtenknabe als Kreuzprediger auf und entflammte die Jugend zu jenem Unternehmen, welches unter dem Namen des Knaben-Kreuzzugs bekannt geworden ist. Der prophetische Hirtenknabe, welcher sich Etienne (Stephanns) nannte und im Dorfe Cloies bei Vendome an der Loire gebürtig war, versammelte zunächst die Hirtenknaben seines Alters um sich, bald aber folgten ihm große Schaaren von Kindern, welche ihre Eltern verließen und mit ihm weiter pilgerten. Unter dem Gesang: „Herr Jesu Christe gib uns das wahre Kreuz zurück!" folgten sie ihm zu Tausenden, und überall wurden sie vom Volke mit heiliger Ehrfurcht ausgenommen. Auch in anderen Gegenden Frankreichs wirkte das Beispiel ansteckend; alle kindlichen Kreuzfahrer betrachteten aber den Hirtenknaben von der Loire als ihren Herrn und Meister, unter dessen Führung sie die Sarazenen besiegen würden. Die Eltern scheinen an dieser Ekstase theilgenommen und viele ihrer Kinder zur Fahrt in's heilige Land ausgerüstet zu haben. Kinder, welche zurückgehalten wurden, sollen an heftigen Nervenznfällen gelitten oder der schärfsten Bewachung spottend entflohen sein, um sich dem heiligen Hirtenknaben anzuschließen. Auch Mädchen in Knabenkleidung und erwachsene Personen beiderlei Geschlechts schlossen sich den Kinderfahrten an. Der König suchte auf den Rath der Geistlichen die Bewegung zu ersticken und gebot den Knaben in ihre Heimat zurückzukehren. Es scheint aber dieser Befehl nicht ernsthaft vollzogen worden zu sein, denn viele Tausende zogen in feierlichen Processionen nach Marseille an's Meer, von dem sie glaubten, es würde vor ihnen zurückweichen und sie würden trockenen Fußes in's heilige Land gelangen. Viele scheinen schon unterwegs zu Grunde gegangen zu sein, und diejenigen, welche bis Marseille kamen, fielen größtentheils durch Verrath. Zwei Kaufleute, deren Namen die Geschichte aufbewahrt hat, Hugo Ferreus und Guilelmus Porcus, erboten sich nämlich, unentgeltlich um Gottes Willen das jugendliche Heer auf ihren Schiffen nach Syrien zu führen. Von sieben Schiffm, welche die Knaben füllten, scheiterten zwei bei der Insel S. Pietro in der Nähe von Sardinien und gingen zu Grunde, die fünf übrigen landeten in Bugia (Algier) und Alexandrien, wo sümmtliche Kreuzfahrer den Sarazenen als Sklaven verkauft wurden. Die beiden Sclavenhändler fanden später ihren Lohn, als sie mit Mirabelli, dem Emir von Sicilien, eine Verschwörung gegen Friedrich II. eingingen und deshalb den Tod am Galgen erlitten. Von Frankreich aus hatte sich die krankhafte Sehnsucht nach dem heiligen Grabe auch unter den Kindern von Burgund und Deutschland verbreitet. Allenthalben, besonders in den Rheinlanden, erstanden Kinderprediger und erregten den Wandertrieb. Viele Tausende von Knaben und Mädchen, darunter auch die Kinder aus edlen Geschlechtern, denen sich aber mehr als bei den französischen Zügen auch Erwachsene und lüderliche Weiber angeschlossen hatten, nahmen das Kreuz und wallten in Pilgerkleidern mit Stab und Bettelsack von Dorf zu Dorf. Die Anregung zu den deutschen Kinderfahrten wird von Chronisten einem Knaben Nikolaus aus Köln zugeschrieben. Es soll derselbe gewesen sein, dessen personificirtes Andenken noch jetzt als Nikolo in den Kinderstuben eine Rolle spielt. Unter diesem Führer Nikolaus zog eine große Schaar den Rhein hinauf, dann über den Mont Cenis nach Genua, wo sie, nachdem viele unterwegs zu Grunde gegangen waren, noch 7000 Köpfe stark (24. August) ankamen. Die Genuesen wollten sie nicht aufnehmen, weil der Papst die Kinderfahrten mißbilligte und ihnen Cardinäle entgegenschickte, um sie zur Rückkehr zu bewegen. Als sie nach längerer Berathung des Senates in Genua eingelassen wurden, zerstreuten sie sich, viele aber kehrten zurück, andere wurden durch Noth oder Gewalt den Bewohnern dienstbar, andere fanden Gastfreundschaft und wurden später die Gründer angesehener Familien, ein kleiner Rest erreichte Brindisi, wo der Bischof ihre Einschiffung verhinderte. Ein zweites Kinderheer hatte seinen Weg über den St. Gotthard genommen, wurde aber in der Lombardei ebenfalls zerstreut. Die Wenigen, welchen es gelang, wieder in die deutsche Heimat zurückzukehren, wurden mit Spott ausgenommen, und als man sie befragte, weshalb sie fortgezogen seien, versicherten sie, es nicht zu wissen. Aehnliche Erscheinungen wiederholten sich im Jahre 1237 in Erfurt, wo mehr als 100 Kinder springend und tanzend durch das Löberthor nach Arnstadt zogen, ferner 1458, wo in der Normandie Tausende von Knaben nach St. Michael wunderten. Auch gehört hieher die halb sagenhafte Geschichte des Rattenfängers von Hameln 1284. Jedoch streift diese Kinderfahrt schon mehr an den Wahnsinn. Es wird auch berichtet, daß die wenigen Kinder, welche nach Hameln zurückkehrten, krank waren, zum Theil stumm und taub. Daß die Wandersuchteu im 13. und 14. Jahrhundert auch unter Erwachsenen grassirten, beweisen die Geißlerzüge, die Züge der sogenannten Pastorels (1251—1320). Die Geißler oder Flagellanten standen den Geisteskranken bereits näher als die kreuzfahrenden Kinder. Die Geißlerzüge waren ursprünglich Bußsahrten, aus religiöser Begeisterung entstanden und vom Geiste der Versöhnung und des Friedens getragen, sie arteten aber später in Sectenwesen mit wahnwitziger, betrügerischer Grundlage aus. Das Gebühren der Flagellanten ging sogar bisweilen in Geistesstörung über. Sie gingen z. B. halbnackt und barfuß in Schnee und Kälte, warfen sich nach der Geißelung in ihrer Verzückung mit dem ganzen Körper in Schnee und Straßenkoth, sie hatten zahlreiche Sinnestäuschungen und benahmen sich so, daß ihre Zurechnungsfähigkeit jedenfalls ausgeschlossen erschien. Bei den Bußfahrten der Geißler mit weißen Gewändern, den sogenannten Bianchi (1399), war dies am deutlichsten ausgesprochen. Die erste große Geißlerfahrt war im 13. Jahrhundert. Sie begann im September 1260, nachdem die Welfen in der Schlacht bei Monte Aperto von den Ghibellinen auf das Haupt geschlagen und die päpstliche Partei in großen Nöthen war. Es galt, die welfische Partei zu einigen und zu begeistern. Man hoffte den Beistand Gottes durch eine große Bußfahrt zu erlangen. Von einem Eremiten Rainerius kam die Aufforderung dazu, welche bei allen Ständen, vorzüglich aber beim niederen Volke, Anklang fand. Zu Perugia begann die Schwärmerei und verbreitete sich rasch nach Bologna und in den welfischen Orten, vorzüglich in der Lombardei, während Manfred, der Bastard Friedrichs II., und andere ghibellinische Fürsten sie bekämpften. Von der Lombardei gingen die Geißlerzüge über die Alpen nach Bayern, Böhmen, Polen und in die westlichen Gegenden Deutschlands (1262.) Die Geißler wurden später als ketzerische Seele betrachtet und allenthalben verfolgt. Im 13. Jahrhundert kamen dann die Geißlerfahrten nicht mehr zum Vorschein, wohl aber im 14. Jahrhundert, wo die großen Geißlerfahrten der sogenannten Kreuzbrüder, welche 1349 in Folge der Pest in Polen, Ungarn und Deutschland entstanden waren, ferner die Bußfahrten der sogenannten Bianchi in Italien 1399 von historischem und psychologischem Interesse erschienen. Damals traten auch Geißlerzüge in Deutschland (Würzburg. Bamberg. Speier, Straßburg) auf. Ihr Ursprung ist auf die moralische Wirkung des schwarzen Todes, welcher 1346—51 in Europa wüthete, zurückzuführen. Natürlich dachte man zunächst als Buße — die Juden zu vertilgen; in allen Ländern Europas wurden die schauerlichsten Judenverfolgungen inscenirt. Wenn man bedenkt, daß an dem schwarzen Tod in Europa binnen wenigen Jahren 25 Millionen Menschen gestorben sein sollen, so