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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-01-23 · 4 (23.1.1891) · p. Seite 58

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
4 (23.1.1891)
Date
1891-01-23
Page
Seite 58 (sequence 4)
Language
German
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Seite 58 Gelrerrttiytsche ÄSochenfchrrtt -nt 4 eine fast unwiderstehliche contagiöse Kraft besitzt, wenn die moralischen Bedingungen für sein Entstehen und seine Ausbreitung gegeben sind. So wenig sich heute psychologische Processe von den physiologischen Bedingungen des Lebens und Daseins loslösen lassen, so wenig kann man bei ihrer Erklärung von der thierischen Natur des Menschen absehen. Eines der wesentlichsten Merkmale dieser thierischen Natur ist der Nachahmungstrieb, der die Freiheit des Willens und der Handlungen ebenso beschränkt wie der H e e r d e n i n st i n c t. Tritt nun irgendwo und irgendwann eine abergläubische Vorstellung, eine falsche Idee an die Oeffentlichkeit, so findet sie in dem Nachahmungstriebe der Menschen eine günstige Bedingung zu ihrer Fortpflanzung, und die Rapidität der letzteren stebt in gleichem Verhältnisse zu dem Reichthum der Mittel, welche für die Publication zur Verfügung stehen. Die Gefahr geistiger Versuchungen wächst also in dem Maße, als die Möglichkeit und die Behelfe der gegenseitigen Mitteilung zunehmen. Es ist gar keine Frage, daß die Verallgemeinung psychischer Volkskrankheiten mit der wachsenden Entwicklung der Presse gleichen Schritt gehalten hat. Im Mittelalter begegnen wir zahlreichen geistigen Verirrungen, welche ihre Ursache in abergläubischen Vorstellungen haben. Diese Vorstellungen wirtten deletär auf die Vernunft und die Urtheilskraft und machten die Massen aufnahmsfäbig für das geistige Contagium. So sind die sonderbaren Erscheinungen der Wandersucht, welche ihren stärksten Ausdruck in dem Kinder-Kreuzzuge fand, der Geiß elsucht, der Tanzwuth, der Thierverwandlungen, der Besessenheit und des Hexen wahn es zu erklären. Es fehlte an der nöthigen wissenschaftlichen Aufklärung, um gewisse außergewöhnliche und unerklärliche Erscheinungen mit den sinnlichen Erfahrungen in Uebereinstimmung zu bringen. Der Aberglaube steigerte die Aufnahmsfähigkeit für solche Vorstellungen und irrige Begriffe und aus dem Irrwahn wurde eine geistige Maffenerkrankung. Ueberaus drastisch wird dieser Vorgang durch die rasche Verbreitung des Hexenglaubens und des Glaubens an Wahrwölfe illustvirt. Die Kirche lehrte die Existenz von Dämonen, von Teufeln und Gespenstern. Der Glaube beförderte den Aberglauben, und durch den letzteren suchte man außergewöhnliche Erscheinungen zu erklären, die sich dem ungebildeten Volke als übersinnliche darstellten. Einer der berühmtesten Fachärzte, Professor B i e r m e r in Breslau hielt am 12. December 1889 über den Gegenstand einen instructiven Vortag, welcher der Kenntniß aller Gebildeten zugeführt werden sollte. Man rechnet zu den psychischen Volkskrankheilen nicht blos die historischen Beispiele von echtem epidemischen Wahnsinn, sondern auch gewisse geistige Verirrungen im Gebiete des religiösen und politischen Fanatismus, welche sich durch psychische Ansteckung seuchenartig verbreitet haben. Die meisten sogenannten psychischen Epidemien früherer Jahrhunderte waren keine wirklichen Geisteskrankheiten, sondern nur geistige Verirrungen. Der Aberglaube ist auch ein Product seiner Zeit, d. h. er trägt, wie man dies beim religiösen und politischen Wahnsinn ebenfalls sieht, die Spuren seiner Zeit. So z. B. charakterisirt sich der Aberglaube früherer Jahrhunderte durch den Glauben an Dämonen und Teufel, an Hexen, an Thierverwandlungen, Goldmacherei und Sterndeuterei. Es dürfte unschwer nachzuweisen sein, wie diese Wahngebilde mit der religiösen und naturwissenschaftlichen Weltanschauung jener Zeiten zusammenhängen, auch in den historischen Ereignissen dieser Periode reichliche Nahrung fanden. Der Aberglaube hatte nicht blos im Volksglauben seine Wurzeln, sondern wurde auch wie heute der Antisemitismus exoterisch im Ge lehrten st an de gepflegt und sogar in förmliche, mit den Wissenschaften verbundene Systeme gebracht. Zum Beweise braucht man blos an die weiße und schwarze Magie, an die Theosophie, Alchymie und Astrologie zu erinnern. Alle diese Pseudowissenschaften wurden in Klöstern und geheimen Verbindungen von geistlichen und weltlichen Gelehrten bettieben und von da aus der Same vielfältigen Unsinns in's Volk gestreut. Der Aberglaube hat eine große an st eckende Kraft, er pflanzt sich fort wie die geflügelte Fama. Die Ansteckung ist hier natürlich keine materielle, parasitäre, aber die psy ch isch e An st ecku n g wirkt noch viel rascher als jedes Contagium, wenn nur die geistige Verfassung des Volkes dazu disponirt ist. Dieselbe Empfänglichkeit für Thorheiten und Lächerlichkeiten, wie wir sie heute bei der in jeder Saison wechselnden sogenannten Mode sehen, bestand früher für den Aberglauben; ja selbst wirkliche Geistesstörungen pflanzten sich vermöge der dem Menschengeschlecht angeborenen Nachahmungssucht in epidemischer Weise fort. Diese Nachahmungssucht ist eine zweideutige Seite des menschlichen Wesens, sie kann ebensogut zu krankhaften psychologischen Bewegungen wie zu begeisterter Inspiration eines Volkes, also zu großen Thaten führen. Der Aberglaube verhält sich gegenüber dieser bedenklichen Eigenthümlichkeit, welche man auch Sympathie benannt hat, in zweierlei Weise. Er wird durch dieselbe nicht blos verbreitet, sondern er erhöht sie auch, indem die Selbstständigkeit des Urtheils durch verkehrte Vorstellungen verunreinigt und geschwächt wird. Indem aber der Aberglaube den gesunden Menschenverstand verdirbt und die Köpfe mit falschen Ideen füllt, wirkt er präparatorisch für die psychischen Vo lkskran kh eit en. Es ist wohl kein Zweifel, daß einer, der an das „Besessensein" glaubt, viel eher Gefahr läuft, von Dämonomanie befallen zu werden, als ein anderer, der von solchem Aberglauben frei ist. Also der Aberglaube wirkt disponirend für den Irrsinn; er kann die moralische Kraft eines Zeitalters so deprimiren, daß bei der nächsten Gel egen heit größere V o lks t h eile zu wahnwitzigen Handlungen fortgerissen werden. Dies ist e i n e Beziehung, in welcher der Jrrthum zum Irrsinn steht, es gibt aber noch eine andere, nämlich den Einfluß des herrschenden Aberglaubens auf die Formen, in welchen d"r Wahnsinn der einzelnen Zeiten sich ausprägt. Die Erfahrungen in den Irrenhäusern lehren uns, daß Aberglaube und Jrrthümer der Zeit in den Delirien der Geisteskranken eine Rolle spielen.. Die Alienirten entlehnen ihre Wahnvorstellungen aus ihrem Jdeenvorrath. Kein Wunder, daß der Geist der Zeit in den Bildern des jeweiligen Wahnsinns sich wiederspiegelt, daß also z. B. der Wahnsinn in früheren Zeiten durch den Aberglauben au Dämonen, Hexen, Teufel und Thierverwandlungen eine bestimmte Färbung angenommen hat. Ein Beispiel von epidemischer Schwärmerei, welches dem epidemischen Wahnsinn ziemlich nahe steht, sind die Kinderfahrten und Wand ersuchten des 13. Jahrhunderts. Als der IV. oder sogenannte lateinische Kreuzzug unter Bonifacius von Montferrat und Balduin von Flandern verunglückt war, resp. mit der Eroberung Konstantinopels und der Gründung eines lateinischen Reiches dortselbst seinen Ausgang gefunden hatte, bot Papst Jnnocens III. allen seinen Einfluß auf, um einen neuen Kreuzzug zustande zu bringen. Seine Abgesandten verordneten überall Bittfahrten und Processionen, die Kreuzprediger durchzogen alle Länder, aber sie fanden wenig Anklang. Höchstens das gemeine Volk und darunter vorzüglich die Weiber ließen sich begeistern, während Fürsten und Ritter nicht zu gewinnen waren, auch

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