Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 4 (23.1.1891)
- Date
- 1891-01-23
- Page
- Seite 56 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Heßerreichische Wochenschrift Nr. 4 Seite kß Die Juden aber sind nicht enttäuscht und nicht verzagter, als sie waren. Wenn aber die englische „Nation" die „Sendung Moseh's" deshalb vergeblich unternommen, weil ihr der Wunderstab fehlte, dann müsien wir hoffen, die Vorsehung werde dafür Sorge ttagen, daß ein Wunder geschehe —; denn das größte der Wunder wäre es wahrlich gewesen, wenn Englands herrliche That von Erfolg begleitet gewesen wäre. Wir haben zu allen Zeiten dasselbe erfahren; im Alterthum, Mittelalter und Neuzeit. P h a r a o h ist Vorbild uus und unfern Bedrückern. Are das „Katholische Uereinsblatt". Nur herrreinspazzirt, meine Herrschaften, hier ist das größtlebende Ungeheuer der Welt zu sehen; sein Atter autediluvianisch; frißt nur Menschenfleisch, am liebsten Juden; soeben beginnt die Fütterung, die einmal alle vierzehn Tage stattsindet; die ersten Gelehrten der Wett hatten das rothe Tuch, um die Blutgier des Ungethüms zu reizen; zehntausend Denker und Philosophen erwarten die Hetze; es ist aber noch Platz für einige-herrreinspazzirt — Es ist die Bude „Katholisches Vereinsblatt" am Stephansplatz im fürsterzbischöflichem Palais. Der Impresario heißt: Johann H e i n d l. Er stellt sich dem Publicum vor, ausstaffirt mit dem päpstlichen St. Gregorius-Orden, dem Orden vom heiligen Grabe, dem päpstlichen Verdienstkreuze „pro Leelesia et Pontifice“. An der Spitze der Firma steht in fetten Lettern: „Auflage 90.000 Exemplare." Als Mitarbeiter werden die hervorragendsten Hetzcapläne, wie Dechant W i e s i n g e r, Pater S ch e i ch e r unter anderen bezeichnet. Tendenz: Judenfresserei. Um recht Biele in die Bude zu locken, wurde vor Neujahr ein neues amüsantes Programmstück angekündigt, betitelt „Der Talmud", regelmäßige Auszüge aus dem Talmund von „Professor" Wolf.... Die Veröffentlichung wird in einer solchen Weise geschehen, daß die P. T. Abonnenten nach Schluß der Arttkelserie die Auszüge zu einer Handsamen Broschüre zusammenstellen können, also als Hauspostille gebrauchen sollen, um deu Judenhaß keinen Augenblick vergeffeu zu lassen. In der That hat das Blatt bereits mit diesem „Stück" begonnen. Selbstverständlich werden wir uns in keine Kritik der Citate einlassen, denn der „Professor R. W o l f" erweist sich sofort als Ignorant, kann so wenig den Talmud lesen, wie sein Gewährsmann Professor Rohling, den er abschreibt, ttotzdem alle Citate schon hunderte Male von „Gelehrten", von christlichen Gelehrten, durch eidliche Aussagen vor Gericht, als Verdrehungen und Fälschungen gebraudmartt worden sind. Die Tattik, unsere Feinde zu überzeugen, ist eine verfehlte. Sie wollen sich ja nicht überzeugen lassen. Es will uns bedünken, daß das ewige Herumzerren an dem Talmud auf eine den Psychologen bekannte Erscheinung zurückgeführt werden muß, welche die Pädagogen oft vor das Räthsel der bösartigen Natur mancher Kinder stellt, die chre eigenen schlechten Streiche auf andere schieben. Man sollte die bösartigen Angriffe auf den Talmud damit beantworten, daß man ihm die katholisch-theologische Literatur, dem Talmud die Kirchenväter gegenüberstelle, das ganze Mittelalter mit seinem Aberglauben und Vorurtheilen, mit all' seinen Sünden und Lastern, und all' dem Bettug an dem Volke, aufrolle. In der Fabel heißt es, daß der Basilisk nicht anders unschädlich gemacht werden kann, <cks wenn ihm ein Spiegel vorgehatten wird, und es soll ein echter venetianischer Spiegel sein, den wir dem „Acholischen Vereinsblatt" auf seine „Auszüge aus dem Ttckuud" Vorhalten werden. Während den Citaten des Feindes aus dem Talmud das Hauptkriterium der Wahrheit mangelt, weil weder der Citator noch seine 9000 Leser den Originaltext lesen können, werden die Originaltexte unserer Citate dem großen Publicum zur Einsicht und zu Vergleichen offen stehen, denn die Originale sind in noch lebenden Sprachen oder in der allgemeinen Sprache der gesammten Gelehrtenwelt, der lateinischen, geschrieben. Und das Material, das wir hiefür gesammelt haben, ist unerschöpflich. Die bei der Veröffentlichung einzuhaltende Ordnung überlassen wir dem Gegner. Wir werden immer bei demselben Capitel bleiben, welches er gerade behandelt und ihm brühwarm nach jeder Nummer des „Katholischen Vereinsblattes" die congruenten Aussprüche aus seinem Schriftthum austischen. Wenn die katholischen Herrschaften, speciell die Männer aus der Gesellschaft Jesu, über die angeblichen Lehrsätze aus der „Moral des Talmud" sich entrüsten, so ist das eine Heuchelei, eine perfide List. Sie wollen die Aufmerksamkeit von sich auf Andere ablenken, und gleichzeitig jene Leidenschaften anfachen, welche das gesunde Urtheil blenden. „Groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist." Wo die Macht nichts ausrichtet, da thut es die List. Der Jesuit Gury stellt in seinem Compendium der theologischen Moral den Satz auf, daß der zum Katholicismus übergetretene Gatte das Recht habe, von der Gattin fortzulaufen und eine neue Ehe zu schließen. Allerdings erscheine es nicht klug, den beichtväterlichen Rath hierbei einzuholen „wegen der Übeln Folgen." Escobar wirft die Frage auf, wann man verpflichtet sei, eine wirkliche Liebe zu Gott zu haben. Die Einen sagen: am Ende des Lebens, die Anderen: alle Jahre ein Mal, noch Andere alle 3, 4 und 5 Jahre oder 3 Mal im Leben. Der große Moralist entscheidet: Beim Erwachen der Vernunft, in der Todesstunde und dazwischen von 5 zu 5 Jahren. Eine famose Lehre ist auch die der sogenannten Absichtslenkung. Nach dieser darf man einem Andern den Tod wünschen, wenn es nur nicht aus Haß geschieht. Ein Sohn, der seinen Vater im Rausch erschlägt, darf sich über die Erbschaft fteuen. Einen Menschen, der unsere Ehre verletzt hat, darf man tödten, besonders ist dies einem Kleriker erlaubt, wenn seinem Orden unrechtmäßige Verleumdungen nachgesagt werden, besonders, wenn der Betreffende dies vor dem Gerichte auszusagen droht. Uneheliche Kinder darf man aussetzen, wenn dies erforderlich ist, um einer großen Schande zu entgehen. Ein ehrbarer Mann, der lieber sterben will als betteln, darf in Roth recht wohl etwas von fremdem Gut entwenden. Am drastischsten tritt uns diese Art Moral entgegen auf dem Gebiete des 6. Gebots. Was allenfalls in einer Versammlung von Männern gesagt werden könnte, ist eine Kleinigkeit gegenüber dem, was nicht einmal in lateinischer Sprache vorgelesen werden könnte. Und um solche himmelschreiende Sünden zu tilgen, ist die geringste Reue, ja die Erklärung des Beichtenden hinreichend, daß er gern Reue empfände! (nach Filliucius). Die officielle imago primi saeculi rühmt, daß jetzt die Sünden weit schneller vergeben würden, als sie begaugen seien. Ein Jesuit sagt, er wolle auch wohl mit dem Teufel im Beichtstuhl in einer einzigen Viertelstunde fertig werden. Ein Dienstbote, dessen Lohn geringer ist, als die Leistungen, darf sich heimlich durch das Gut der Herrschaft entschädigen. Noch 1872 verkündigte Moufang, der Domcapitular von Mainz, im deutschen Reichstag Sätze von Gury, daß ein Mensch, der sich durch unehrenhafte Speculationen bereichert habe, nicht zum Schadenersatz verpflichtet sei, daß ein desertirter Soldat nicht zurückzukehren brauche, wenn der Krieg ein ungerechter sei, daß Selbstverstümmelung und Betrug des Arztes behufs Befteiung von der Militärpflicht keine schwere Sünde sei u. dgl. m. Uebrigens ist durch den sogenannten Probabilismus dafür gesorgt, daß auch alle jene Besttmmungen ans ftüherer