Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 4 (23.1.1891)
- Date
- 1891-01-23
- Page
- Seite 55 (sequence 1)
- Language
- German
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Vlll. Iahrgaritz Sr 4 23. Acinner 1831. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. -^- Eigenthümer: Reichsraths-Abgeordneter Dr. Bloch. Erscheint jeden Freitag. -- K. k. Postsparcassenamt Clearingverkehr Str.810.S7v Redaction und Administration: Wien, I, Stothenthurmstraße SV. Man abonnirt bei allen Postaastaltea des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 st. Einzelexeucplare 35 kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Pharao und Moseh. An das „katholische Bereinsblatt". Psychische Volkskrankheiten. Haben sich die Inden oder die Russen in Rußland eingedrängt? Erinnerungen an Salomon Sulzer. Publicationen des israelitischen Cultusvorstandes in Wien. — Correspondenzen: Wien. Czernoivitz. Tetschen a. E. Proßnitz. Radautz. Berlin. Gießen. Cassel. — Vermischtes: Wien. Budapest. Brody. Kolomeu. Lemberg. Bawitsch. Bucarest. Oswiecim. Berlin. Darmstadt. Stuttgart. Frankfurt a. M. Posen. London. Paris. Amsterdam. Manchester. Gibraltar. Jerusalem. — Familienblatt: Der sterbende Musikant. Hiob. Ueber den Erfurter Maler und Kunstgelehrren Manasse Unger. Briefkasten. Inserate. Pharaoh und Moseh. Bon Dr. D. F e u ch t w a n g. Aus Israels Jugendgeschichle ward an den letzten Sabbathen in unseren Gotteshäusern das älteste Gedenkblatt aufgeschlagen von den frühesten Drangsalen, die wir erlitten, dem ersten Freiheitskampf, den wir und mit uns die menschliche Gesittung durchgefochten. Pharaoh sprach: „Wer ist Gott, daß ich auf seine Stimme hören sollte, Israel zu befreien; ich kenne diesen Gott nicht und werde auch Israel nicht befreien". . . Da ging M o s e h zu Gott zurück und sagte: Herr, warum bist Du übel verfahren mit diesem Volke, warum schicktest Du mich?.Doch der Herr erwiderte dem Moseh: „Nun sollst Du schauen, was ich diesem Pharaoh thue; mit starker Hand soll er sie befreien" . — . — . Und so geschaht. Die Sendung Mos eh's ist für Israel ein Geschehniß von tiefgreifender geschichtlicher Bedeutung. Wie Wahnwitz erscheint dem steinherzigen, eisenharten Egypterkönig das kühne Wort: „Gib frei mein Volk, mir soll es dienen". Wer wird sich wundern, wenn der Tyrann die Freiheit nicht kennen mag, wenn der Gewaltherrscher, der nur Gebieten und Gehorchen als Gesetze der Sittlichkeit anerkennt, hochmüthig jedes Freiheitsverlangen abweist! Es ist ein Zeugniß von erhabener Kenntniß des Seelenlebens, von tiefgründendem Durchblicken historischer Möglichkeiten, daß die Bibel von zehn schweren Plagen erzählt, die über den egyptischen Volksbedrücker gebracht werden müssen, damit er einsehe, daß Menschen Menschen seien. Die reine Höhe dieser Erkenntniß wird nicht leicht erklommen. — Völker und Könige haben auf dem Wege zu ihr getaumelt, und sind gestürzt. Wohl ist es vorgekommen, daß der Landmann vom Pfluge weg den curulischen Stuhl bestieg, daß der Hirtenstab mit dem Königsscepter vertauscht wurde; nie aber hat dieselbe Hand, welche die Geißel und Knute schwang, die Friedenspalme emporgehoben, den Oelzweig der Eintracht und Ruhe dem Bedrängten dargereicht. — Die Sendung Moseh's ist und bleibt eines der wunderbarsten Ereignisse der Weltgeschichte; der Kampf der Freiheit und der G e i st e s m a ch t mit Knechtsinn und G e i st e s n a ch t ist typisch dargestellt in dem Doppelgegensatze: Egypter und Juden, Moseh und Pharaoh; — und ist durch die Bibel zu einem Urgesetze uud unwandelbaren Grundzug der Menschheit hingestellt. Die Gottheit selbst muß Wunder wirken, sie muß vom Himmel steigen, die einfachste, unantastbarste und deshalb um so erhabenere Lehre von Menschenfreiheil zu verkünden. Die Beschränktheit hat seit dazumal dem freien Geist Urfehde geschworen und wir Auserlesene waren und find berufen, einzusehen, daß jeder für sich die „Sendung Mose h's" erhalten, aus Sclaven Freie zu machen. „Pöbel und Zwingherrschast sind innig verschwistert; Die Freiheit hebt ein geläutertes Volk über den Pöbel empor!" Ein freies Volk wandte sich jüngst an die russische Regierung, zu Gunsten der bedrückten Juden. Das war eine edle, herrliche That; wir find überzeugt, viele haben die Engländer darob „Schwärmer" genannt; es ist ja das Los der hohen That, unverstanden zu bleiben und muß es sein, weil die Mehrzahl der Menschheit nicht begreift, was gut sein heißt; die Ideale dienen nur als zierender Aufputz und man hält thatkrästige Tüchtigkeit für unvereinbar mit Edelmuth. Aber wahrlich, es ist keine Enttäuschung, daß Englands Großthat von Rußland unbegriffen blieb, daß man ein Schriftstück, in dem uni das Heil von Millionen gefleht wurde, beiseite schob, wie das Gesuch eines zudringlichen Bettlers. — Wie herrlich ist doch die diplomatische Kunst, die in den Stand setzt, die Bitte eines Volkes für ein Volk zu überhören. „Ueberall, wo Juden gleiche Rechte besitzen, gedeihen die Völker!" — Wie, wenn man einem Heiden sagte: „Es gibt nur einen Gott und Deine Götzen sind stunlme Steine und leblose Holzklötze!" wird er etwa willig glauben und nicht vielmehr den Sprecher Niederschlagen?! Die Gesammtheit des russischen Volkes, insbesondere die Obrigkeiten begreifen und erfassen nicht die heiligsten Lehren der höchsten Gottheit: Menschenrecht und Menschenpflicht, nur die Götzen der Alleinherrschaft und der Unterdrückung werden angebetet und verehrt. Das weiß die ganze Welt so gut, als es die pflichttreuen Beamten wissen, die eine hochherzige Bittschrift, freilich getreu ihrer unerbittlichen Vorschrift, des Landes verwiesen. Sonst zieht man Schutzlinien gegen Krankheit und Pestilenz, dort zieht man eine chinesische Mauer gegen Erbarmen und Recht, Gefühl und Menschlichkeit. „Wer ist diese Göttin Mitleid, von der Ihr sprechet; wir kennen sie nicht, daß wir fteigeben sollten Israel!" Ganz so wie wir es erwartet, so ist es gekommen, und die historisch begründete Ueberzeugung wurde nicht Lügen gestraft; es war nicht anders möglich. Die Genugthuung aber ist den Engländern geworden, daß sie der Welt gezeigt haben, wie man einzutreten habe gegen Gewaltthat und Frevel.