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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-01-16 · 3 (16.1.1891) · p. Seite 51

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
3 (16.1.1891)
Date
1891-01-16
Page
Seite 51 (sequence 13)
Language
German
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Nr. Z Oesterteichische KochmfchM ,^amilienblatt. Wochen- Jänner 1891 Sch'wath 5651 Kalender Freitag 16 7 Samstag 17 g Sonntag 18 9 Montag ly 10 Dienstag 30 11 Mittwoch 21 12 Donnerstag 22 13 Freitag 23 14 Ost-westlicher Gnitirr-Fortschritt. Seitdem der Czar durch Staatsgesetze Geheiligt jüngst hat die Judenhetze „Zum Segen für das Menschengeschlecht", Erwart' ich von Tag zu Tag die Kunde - Verliehen sei aus gleichem Grunde Dem deutschen Antisemitenbunde Das russische Ehrenbürgerrecht! X. 8. 0. Amno«. Trauerspiel in fünf Aufzügen von Bernhard Löwy- Leszlönyi. Men. (Im Selbstverläge des Verfassers.) Der Leidensgeschichte der Juden, deren Schicksale seit dem Beginne der Diaspora bis zu unseren Tagen eine gewaltige Epopöe leiblichen und seelischen Martyriums bilden, hat der Wiener Schriftsteller L e s z l 6 n y i die Grundzüge für ein Drama entnommen, das wegen seines dichterischen Gehaltes, wie wegen seiner Actualität eine beachtenswerthe Erscheinung genannt zu tverden verdient. Das Trauerspiel versetzt uns in das letzte Drittel des 13. Jahrhunderts, ein Zeitalter, dessen Ansichten über das Wesen der Juden zu den hauptsächlichsten Bildungselementen vieler unserer Zeitgenossen gehören. Der Schauplatz der Handlung ist Mainz. Der spanische Jude A m n o n begibt sich auf Geheiß des Königs Alfons von Castilien an den Hof des Erzbischofs von Mainz, Werner v. E P p e n st e i n, um dessen Leibarzt zu werden. Des Erzbischofs Mündel Adelheid macht den Arzt liebeskrank und Werner, der die Beiden beim Austausch des ersten Kusses überrascht, weist Amnon, an dem er volles Gefallen gefunden, in launig-ernster Auseinandersetzung die sittliche Pflicht nach, den letzten Schluß der Herzensneigung zu ziehen. Die Erfüllung der hiefür selbstverständlichen Vorbedingung: die Taufe Amno ns, erscheint dem Kirchenfürsteu bei der Geistesrichtung des jüdischen Arztes als etwas, das keiner weiteren Verhandlung bedarf. Um den Anstand, nicht so sehr als Jude, denn als Denker zu wahren, gibt Amnon durch etwas farblos zweiflerische Bemerkungen den Einschlag für eine Disputation, die mit dem Siege des Verfechters des Christeuthums über den für alle Glaubenslehren gleich unempfänglichen Skeptiker, der — nichts verficht, abgeschlossen wird. Nun tritt der dramatische Wendepunkt ein, indem Amnon Zeuge eines neuen Capitels der jüdischen Martyrologie wird. Der verkommene Ritter Gerbald Ring (nebenher bemerkt, ein abgewiesener Freier um Adelheids Hand) wurde von dem Bettelmönch Schweikart belehrt, daß für verspieltes und verlottertes Geld durch eine Judenplünderung sich leicht Ersatz gewinnen ließe. Das leuchtet dem Ritter und seinen Kneipgenossen, den Kleingewerbetreibenden E n g e b a r (Schneider) und W o l f g a r (Waffenschmied) ein, Gerbald Ring fand bald das erforderliche todte Kind, dessen Blut die Mainzer Juden zur Würzung ihrer Osterbrote verwendeten („sie m ü s s e n s brauchen" sagt der Bettelmönch, ohne dieses, durch! die ihm innewohnende Evidenz überzeugende Axiom zu begründen) und die Mainzer Bevölkerung zieht zu einem fröhlichen Judengemetzel aus. Die Juden fliehen Hilfe suchend zur erzbischöflichen Pfalz, wo sie der edle Kirchensürst mit warmer menschlicher Liebe aufnimmt, sie aber . gleichzeitig mit apostolischer Milde für den christlichen Glauben zu gewinnen sucht. Da ihr Leben ihnen solchen Preises nicht werth ist, verlassen sie todesbereit den Hof der bischöflichen Pfalz. Amnon, durch den Anblick dieser Vorgänge, nicht an seinen confessionellen Zusammenhang, aber an seine untilgbare Stammesgemeinschaft mit dem ewigen Märtyrervolke mächtig gemahnt, wird in seiner Bereitwilligkeit zur Erfüllung, d h. zur Duldung der Formalität der Taufe schwankend. Auf dem Wege zur Kirche, den er zögernd langsamen Schrittes macht, stößt er auf den bluttrunkenen Gerbald Ring, der ihn als Juden und glücklicheren Nebenbuhler doppelt haßt und Amnons Uebertritt znm Christenthum als jüdische Schlauheit zur Abwehr der Gefahr auslegt. Dieser Hohn erweckt in A m n o n den Mann, er stellt sich dem Raubmordritter und streckt ihn fechtend in den Sand. Er wird des Bewußtseins inne, daß die Taufe, mag er sie auch vor Beginn^ des Judengemetzels beschloffen haben, in diesem Angenblicke die demüthigende Deutung R i n g's thatsächlich doch rechtferttgen würde, er fühlt mit einem Male die ganze Gewalt der unlösbaren Bande, die ihn mit seinem Bolksstamme verknüpfen, und eilt, die flehenden Bitten der sich ihm in den Weg stellenden Adelheid abwehrend, in die Synagoge, um gemeinsam mit den Mainzer Juden den Flammentod zu sterben. Die Möglichkeit, daß dem Berfaffer bei der Schaffung des Trauerspieles Anspielungen auf Erscheinungen der jüngsten Gegenwart nicht vorschwebten, daß er eine Tendenzdichtung nicht beabsichtigte und nichts als ein dramattsches Bild aus düsterer Vergangenheit malen wollte, kann nicht schlechtweg verneint werden; der Phantasie des Lesers aber drängen sich diese Anspielungen unabweisbar auf und die Tendenz liegt, gewollt oder nicht gewollt, in den Figuren des Dramas selbst. Erleben wir doch das vorgeführte Stück des dreizehnten Jahrhunderts zum großen Theile heute wieder in aller Thatsächlichkeit; die feudalen Ritter mit den volkswirlhschaftlichen Anschauungen Gerbald R i n g's über die besondere Beschaffenheit der jüdischen Capitals, die Kleingewerbetreibenden mit dem Verstände und dem Herzen der E n g e b a r und W o l s g a r, die Bettelmönche von der christlichen Gesinnung und dem Bildungsgrade des S ch w e i k a r t, für welche das jüdische Blutrituale axiomatische Gewißheit hat, wandeln ja unter uns, und auch das Gegenstück: die Kirchenfürsteu von der Art Werners, denen unter der Soutane ein allen Menschen gegenüber warmsühlendes Herz schlägt und welche die hohe Bedeutung der jüdischen Glaubenslehre als ursprünglicher Grundlage des Christenthums begreifen, fehlen nicht auf unserer wirklichen zeitgenössischen Bühne. Der literarische Gehalt und Werth des Dramas wäre jedoch selbstverständlich ein geringer, wenn diese Actualität das einzig hervorstechende Moment desselben bildete. So häufig aber auch Personen unserer Tage den mittelalterlichen Figuren über die Schulter blicken, entspringt die Antheilnahme, zu welcher das Werk Leßlenyi's zwingt, doch vornehmlich den Quellen ästhettschen und psychologischen Interesses „Amnon" ist eine Dichtung, welche schon durch den Ernst ihres Styls und die Sorgfalt der künstlerischen Arbeit der Kritik Anerkennung abringt. Volles Lob gebührt der Sprache, welche sich in schönem jambischen Rhythmus bewegt, von der Exaltation, zu welcher Tragiker sich so leicht verführen laffen, frei ist, und durch ihre Natürlichkeit besticht. Der gedankliche Inhalt des Werkes erhebt dasselbe weit hinaus über dramattsche Fabriksarbeit; die Zwiegespräche zwischen Erzbischof Werner und dem philosophischen Arzt Amnon, sowie die Monologe des jüdischen Skeptikers verrathen einen Geist, dem die großen Probleme der Menschheit nicht fremd geblieben sind. In dramatischer Hinsicht hasten dem Werke zwei Mängel an. Zunächst ist Einzelnes nur skizzenhaft angedeutct, das nach breiter Ausführung verlangt, so daß an mancher Srelle blos das Knochengerüst ohne Fleisch vorhanden ist. Des Weiteren krantt die Hauptfigur selbst an dramatischer Schwindsucht. Amnon ist ein allzu passiver Held, dem das Denken die Willensmusculatur erweicht hat. Sein Handeln besteht bis zum Abschluffe der dramatischen Peripetie, wo er aus einem thatenscheuen Helden zu einem leidenden wird, in der Vermeidung allen Handelns. Seine Philosophie hat ihm nicht nur die Entschlußkraft geraubt, sondern auch sein Gemüth verdünnt. Er zaudert unentschieden mit dem Uebe^tritt zur katholischen Kirche, obgleich er sich im ersten Augenblicke mit der Zumuthung 1 es Erzbischofs Werner rasch abgesunden zu haben scheint, und erst der Hohn Gerbald Rings befreit das Ethos Amnons aus feiner Gebundenheit. Trotz all dem schlägt aber ein dramatischer Puls in dem Werke und bekundet der Dichter Gestaltungsvermögen. Der aufgeklärte humane Werner von Eppenstein ist eine Figur von greifbarer Wirklichkeit; der hochherzige, weltkluge Kirchenfürst, dem nichts Menschliches fremd ist, beherrscht die Scene, so oft er aus ihr erscheint, und er verläßt sie nur für kurze Zwischenzeiten. Der Austtitt in der Weinschänke, wo Gerbald Ring, Engebar, Schweikart und Genossen die Auffindung eines von Juden getödteten Kindes — beschließen, ist vortrefflich geführt, der individualisirende Ton für diese Personen getroffen und das sprachliche Colorit des Zeitalters, ohne erzwungene und falsche Mittelalterlichkeit, glücklich angedeutet. Voller dramatischer Athem aber weht aus den zwei letzten Aufzügen. Hier sieht und hört man die Handlung. Das Auftreten der Judenältesten von Mainz im Hofe der erzbischöflichen Pfalz, ihre Auseinandersetzung mit Werner, das dreiste Eingreifen des Bettelmönchs und seine scharfe Zurechtweisung durch den hoheitsvollen Kirchenfürsten, der Abzug der Juden, denen der Erzbischof keinen sicheren Schutz gegen die entfesselte Bolkswuth zu bieten vermag, und die Begegnung Amnons auf dem Wege zur Kirche mit dem bluttriefenden Gerbald — all' diese Vorgänge spielen sich mit der Raschheit des dramattschen Tempos ab, welche eine der Lebensbedingungen der für die Bühne bestimmten Dichtungen bildet. Vollends die letzten Auftritte, wo Amnons letzter Gang, der ihn zur Kirche führen sollte, sich zu einem wahren Passionswege nach der Judensynagoge wandelt, sind wahrhaft dichterisch gestaltet; hier erhebt sich die Sprache zu ttagischer Gewalt. Wie eine Selbsterlösung aus dem Zustande skeptischen Schwankens klingt es, wenn Amnon sagt: „Ich tauge nicht zum Christen, nun wird's klar Und offenbar in mir. In arger Täuschung Befangen, meint ich' meiner Herr zu sein Und könnte frei verfügen aber mich. Ich bin es nicht! ich kann es nicht! Der Jude

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