Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 3 (16.1.1891)
- Date
- 1891-01-16
- Page
- Seite 52 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 52 Hesterreichische Wochmschrlft Nr. 3 Mit seinem starken Nacken reckt sich auf In meiner Brust. Wie Samuel emporstieg in Ejndor, Durch Zauber ausgerufen dort von Saul, So steigen auf vor meinem geistigen ringe Die Tobten meines Volkes dieser Stund'. . . . Aus Myriaden Gräbern quillt's Und drängt in dichten Schaaren um mich her. Sie reißen aus die weißen Srerbekleider, Sie decken ihre blut'gen Schwären bloß; Ich hör' sie sprechen: „„Sohn Israels, du! Wir gingen in den Tod für unfern Glauben; Die Welt hat keine Marler, keine Pein, Die nicht uns zugemessen ward vollauf: Der Menschenwitz hat keine Qual erfunden, Die wir erduldet nicht viel tausendfach. Du weißt es, Sohn, wie wir durch's Leben zogen, So ziehen uns're Sprossen heute noch: Bon jedem Munde höhnisch angegrinst — Bon jeder Faust im Uebermuth geschlagen — Bon jedem Fuß getreten ohne Schuld; Kannst Du die Sterne zählen, die am Himmel steh'n, Die Wundenmale Judah's zählst Du nicht. Wir harrten aus im Schrecken der Vernichtung — Es war zu tragen nicht — wir trugen's treu; Und du willst hingeh'n und die Brüder lassen, Verleugnen dein Geschlecht und deine Art Und betten dich auf wohlig weichem Pfühl, Jndeß dein Volk aus tausend Striemen blutet — Amnon! Amnon!"" Ihr Manen meiner Väter, kehrt zur Ruh' Ich folg' Euch willig. Ich will nicht bleiben außer meinem Volke, Ich eil' dahin, wo seinem Gott es stirbt." Nachdem die Erkenntniß, daß die Volksgemeinschaft auch Leidensgemeinschaft auferlegt, ihn überwältigt hat und der Entschluß, Blutzeuge des durch alle Jahrhunderte verfolgten Judenthums zu werden, ihn mit Sturmesgewalt zum Tempel treibt, kann ihn das schmeichlerische, beschwörende Wort des geliebten Weibes, das ihn an sich, an's Leben fesseln möchte, nicht aushalten. Während er Adelheid abwehrt, zieht das ergreifendste Bild an unserem Auge vorbei. Judenfamilien eilen mit dem Rufe: Die Würger kommen! zur Synagoge, aus welcher schon Flammen herausdringen. Der furchtbare Ruf des Widderhorns ertönt, Amnon eilt zu der großen Opferstätte, und während das feurige Element das Gotteshaus mit tausend Armen umfaßt, erklingt aus demselben, auf's tiefste erschütternd, wie ein gewalttges, feierliches Triumphlied des alle irdischen Mächte besiegenden, über aller menschen - mordenden Grausamkeit erhabenen nationalen Glaubensidealismus, der Ausruf: Jissgadal wejisskadasch schmeh rabbah! ß. Weber den Erfurter Maler und Kunstgelehrte« Mauaste Wäger. Von Dr. Albert Pick Vortrag, gehalten im Verein für Geschichte und Alterthvmskunde von Erfurt, den 6. December 1889. (Fortsetzung.) Eine Episode, welche in die Zeit fällt, da die große Armee Napoleons nach Rußland zog, will ich mtt den eigenen Worten des Erzählers wiedergeben: . „Biele Regimenter zogen wieder durch Erfurt. Ich stand an einer Ecke und besah mir die stattlichen Reiter mit ihren großen Küraffen und beschweiften Helmen. Der Zug wollte gur nicht enden und man hörte nichts weiter, als das Getrappel der Pferde und das zufällige Raffeln der Säbel; kaum, daß sich diese Krieger in der ihnen fremden Stadt umsahen,-Da sprach ein alter Landmann, der neben mir stand, still vor sich hin: „DiePferdehängen alle die Köpfe. — da kommt Keiner wieder," und ging ruhig seiner Wege. Ich sah ihm nach, er trug einen langen, blauen Tuchrock mit stählernen Knöpfen; ein dreieckiger Hut bedeckte seinen Kopf, deffen langes, schlichtes Haar sorgfältig hinter die Ohren gekämmt war." Einige Tage danach wurde von den Franzosen auf der Citadelle ein Deutscher erschaffen, ein junger, schöner Mann in französischer Cavallerie-Uniform, welcher sich an einem Officier vergangen haben sollte. Ung er wohnte der Hinrichtung bei, und der Zufall wollte, daß dieselbe gerade unter dem Baume stattfand, auf welchen der Knabe vorher geklettert war, um sich einen höheren Standpuntt zu sichern. Die Folge dieses aufregenden Vorganges war, daß er in ern heftiges Fieber verfiel, welches ihn wochenlang an's Bett und monatelang an's Zimmer fesselte. Nach der Schlacht von Leipzig herrschte in unserer Stadt der Typhus auf eine verheerende Weise. Neue Leiden brachte die Belagerung Erfurts durch die preußischen Ttuppen und die dabei zu Tage tretende Gewaltsamkeit der Franzosen. Das Einschlagen von Granaten in's eigene Haus, veranlaßte die Familie unseres Erzählers, ihre arg gefährdete Wohnung zu räumen und einige Straßen weiter bei einer befreundeten Familie ein Unterkommen zu suchen. Jedermann scheute sich, sich auf den Straßen blicken zu lassen, weil man befürchten mußte, auf die Festung transportirt und zu den Löscharbeiten gezwunaen zu werden Besonders waren die Franzosen bemüht, die Salzmagazine zu erhalten, die aber auch ein Raub der Flammen wurden. Infolgedessen ward der Mangel an Salz schwer enrpfunden und die Bürger mußten statt deffen Schießpulver zur Würze der Speisen v rwenden. Fortwährend zogen Patrouillen durch die Stadt, die alle Lebensmittel in Besitz nahmen, deren sie habhaft werden konnten, und nach der Festung führten. Man sah sich daher genöthigt, alles derartige zu verstecken, wobei sich während der Haussuchung der Franzosen wunderliche Vorfälle ereigneten. So hatte eine arme Frau ihre Ziege retten wollen, durch die sie^hauptsächlich ihr Leben fristete, indem sie dieselbe, als man deshalb bei ihr nachsuchte, für ihren kranken Mann ausgab. Sie hatte das Thier mit verbundenein Kopfe in's Bett gelegt, und schon wollten die Soldaten das ärmliche Zimmer verlassen als der vermeintliche Patient zu meckern begann, worauf man ihn erbarmungslos hinwegführte. Die Priesterhäuser neben dem Dome, in deren einem der Canonicus Würschmidt wohnte, wurden zerstört, und dabei fand, wie berichtet wird, eine eigenthümliche Lebensrettun^ statt. Am frühen Morgen des Bombardements kam der Haushahn nach dem Fenster der Schlafstube eines Canonicus geflogen, der, davon erweckt, ausstand, den Hühnern, wie immer, das Futter zu geben. In demselben Augenblicke zerschmetterte eine Kanonenkugel die eben leer gewordene Bettstelle. Die von dem Bombardement in der Nähe des Domes verschont gebliebenen Häuser wurden eingerissen und das Holz dem Volke preisgegeben. Dabei gab es herzzerreißende Scenen, indem manche sich von der Stätte ihres friedlichen Glückes nicht trennen mochten und dem raubsüchtigen Pöbel, welcher das Holz der eingerissenen Häuser fortschleppte, mit Gewalt entgegentraten. Endlich schlug die Stunde der Befreiung. Die Vorgänge beim Einzug der preußischen Truppen sind zu bekannt, *) als daß ich sie hier zu wiederholen brauchte, nur das Eine will ich daraus erwähnen, daß auch Unger sich stolz zu jenen Knaben zählte, welche den auf dem Anger — unfern der Stelle, wo jetzt das Luther-Denkmal sich erhebt — errichteten Napoleons-Obelisken zerstört haben. Diese Scene dürfte Ihnen allen aus Janssens trefflichem Bilde in unserem Rathhaussaale bekannt sein. Die Kinderjahre näherten sich ihrem Ende, und um so wichtiger erscheint uns jede Spur einer Entwickelung dessen, was sich später in dem Manne so bedeutend offenbarte. Ich denke hier an seine Neigung zur Malerei. Auf Veranlassung eines Freundes des elterlichen Hauses wurde der begabte Knabe in eine Zeichnenschule geschickt, und bald erkannte der diestn unterweisende Lehrer den Eifer des Zöglings und suchte denselben durch fein Lob rege zu erhalten. In kurzer Zeit kam der angehende Kunstjünger zur Zeichnung von Köpfen, und kaum konnte er die Zeit erwarten, bis er eine vollendete Zeichnung mit Schattirung zu liefern im Stande war. Große Freude machte es ihm, als ihm der Lehrer auf vieles Bitten gestattete, ein Rubens'sches Brld, die F-iedensstiflung zwischen den Römern und Sabinern darstellend, in Farben zu copiren. Die Nachbildung fiel über Erwarten gut aus, und obgleich er sah, daß noch viel daran fehlte, um einen Vergleich mit dem Borbilde aushalten zu können, so ließ er sich doch die Bewunderung von Jung und Alt gern gefallen. Von einein anderen Bilde, welches Unger angefertigt haben soll, erzählt Lucä: es war eine in schivarzer Tusche ausgeführte, große, figurenreiche Composition — „Luther, die päpstliche Bannbulle verbrennend." Von sonstigen Bildern aus unseres Künstlers Jugendzeit weiß der alte Freund nur noch eine Anzahl Studienblätter zu nennen, unter denen besonders viele anatomische Zeichnungen durch den Fleiß, mit welchem sie ausgeführt waren, überraschten. Unger selbst erwähnt noch aus feinen Kunstübungen der frühesten Zeit eine Madonna, die er nach einem guten Kupferstiche in Oel gemalt hätte, und welche ihm die frommen Schwestern eines Erfurter Klosters gern abgekauft hätten, wenn sie ihm feil gewesen wäre. Neben der Malerei, welche der Heranwachsende Schüler vorläufig nur als Dilettant betrieb, beschäftigte ihn in feinem von den Eltern ihm angewiesenen Bodenstübchen, einen großen Tyeil des Tages über die Geometrie des Euklid, jenes elastische Buch, durch dessen Herausgabe und Berwerthung für den Schulunterricht sich fein ältester Bruder im Jahre 1833 so sehr verdient gemacht hat. Dieser wachte auch sorgsam darüber, daß keine verderblichen Bücher in die Hände des wißbegierigen Jünglings kamen. Viel Vergnügen bereiteren diesem die Parabeln von K rummache r, welche ihn nach dem Lande der Palmen versetzten. Dann aber führten ihn Theodor Körners Lieder nach dem lieben Vaterlande zurück und entflammten sein *) Bergl. Constantin Beyer, Neue Chronik von Erfurt, S. 560 bis 563.