Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 3 (16.1.1891)
- Date
- 1891-01-16
- Page
- Seite 45 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Hesterreichifche Wochenschrift Seite 45 Sibiriens zu entkommen und nach Europa zu flüchten. Jacob K o t o n — dies der Name des Mannes — war der Sohn eines wohlhabenden Mühlenbesitzers in Lawkowo in Russisch-Polen. Als das Jahr >863 kam, nahm Koton, damals 19 Jahre alt, an 'der polnischen Jnsurrection theil. Bei einem Scharmützel in der Nähe seines Heimaisortes erhielt er einen schweren Schuß in d?n linken Fuß; er wurde von den Russen gefangen genommen, nach Wilna transportirt und dort durch Murawieff zu lebenslänglicher Verbannung nach Sibirien verurtheilt. In Tomsk wurde Koton einem Trupp Verbannter beigesellt, und in einem nahezu acht Monate lang währenden Fußmarsche durch die endlose Steppe ging's nun über Krasnojarsk, wo die Deportirten photographirt wurden, über Irkutsk, Jakutsk nach Tarbogotai, einer kleinen Ansiedlung Ouluss, wie es im Russischen heißt. Hier blieb der Verbannte, der darauf angewiesen wurde, sich als Jäger den Lebensunterhalt zu erringen. Bald aber erfaßte ihn in der schrecklichen Einöde, deren Klima ihn auf ein mehrmonatliches Krankenlager warf, das Heimweh, und allen Gefahren zum Trotz wagte er einen Fluchtversuch'. In Tomsk aber wurde er ergriffen und zu drei Monaten Festungshaft verurtheilt. Ein zweiter Versuch führte ihn bis Moskau, ein dritter bis Grodno; sechs Monate und schließlich ein Jahr Festungshaft waren die Strafen des Flüchtlings, der jedesmal wieder nach Tarbogotai zurücktransportirt wurde. Koton gab nun vorerst den Gedanken an weitere Fluchtversuche auf, er arbeitete darauf hin. sich eine Summe zu erwerben, um dann mit größerer Chance nochmals sein Heil zu suchen. Im Frühjahre 1888 hatte sich der Verbannte ungefähr viertausend Rubel, die Frucht zwanzigjährigen Jagdfleißes, erspart, und nun sann er neuerdings auf Flucht. Bei Nacht und Nebel verließ er Tarbogotai, von einem Ouluss zum andern, fernab von den Straßen, kreuz und quer über Eisfelder gelangte er nach monatelanger beschwerlicher und gefährlicher Reise, die ihn drei Viertel seines kleinen Vermögens kostete, über den Ural nach Jekaterinenburg, von da nach Petersburg und endlich über Helsingfors nach Stockholm. Nirgends aber fand der Flüchtling Ruhe, er ging nach Kopenhagen. Lübeck. Hamburg, Berlin und von da endlich nach Paris. Dort aber waren seine Mittel zu Ende gegangen und die französische Regierung stellte ihn an die belgische Grenze. Nun führte ihn sein Leidensweg nach Holland. Aber auch dort war seines Bleibens nicht; man lieferte ihn an die deuffche Grenze. Und nnn ist Koton in langwöchentlichen Märschen über Köln und München zu Fuß nach Wien gekommen, wo er krank und gebrochen anlangte. Der Mann, dessen Eltern aus Gram über das unglückliche Los ihres Sohnes längst gestorben und deren Vermögen eingezogen wurde, ist ganz hilflos, und wie die vorstehende Leidensgeschichte, die er uns unter Vorweisung authentischer Documente in schlichter Weise vortrug, zeigt, einer Hilfe würdig. Dieselbe wird ihm auch gewiß nicht ausbleiben; vielleicht aber findet sich auch Jemand, der dem vielgeprüften Manne die Möglichkeit einer gesicherten Existenz bietet. . . Wie«. Der soeben im Drucke erschienene Jahresbericht des Israelitischen Frauen-Wohlthätigkeitsvereines für Wieden und Margarethen über das Vereinsjahr 1890 zeugt von der gedeihlichen Entwicklung dieses Vereines. Nicht weniger als 241 arme Witwen und Wöchnerinnen haben von dem Vereine Geldunterstütznngen erhalten und 74 Schulkinder sind von ihm mit completer Winterbekleidung bedacht worden. Allerdings würde dieser Verein bei all' dem Wohlthätigkeitssinne seiner Mitglieder nicht die Mittel zu solchen großartigen Leistungen aufbringen, wenn er nicht auch Gönner hätte, die in Anerkennung seiner hohen und edlen Ziele ihm thatkrästigst zur Seite stehen. Unter diesen Gönnern zählt auch die Erste österreichische Sparcasse, die ihm im verflossenen Jahre 50 fl. spendete. Eine schöne Einnahmsquelle hat der rührige Vorstand auch mit der Veranstaltung von Vereinskränzchen geschaffen, bei denen durch Ueberzahlungen für Eintrittskarten den Vereinszwecken namhafte Summen zugeführt werden. Das gegenwärtige Bereinsvermögen beträgt 2888'03sl. Bei der am 10. d.M. stattgefundenen Generalversammlung wurde dem Borstande für die ausgezeichneten Erfolge des abgelausenen Jahres der Dank votirt. Die Wahlen ergaben folgendes Resultat. Wiedergewählt wurden die Damen: Amalie T r e b i t s ch, Präsidentin, Caroline Hofmanu, Stellvertreteriu, ferner die Damen: Charlotte Lichtblau, Mina Hahn, Fanni W i e s n er; neugewäalt die Damen: Auguste Frey und Frau Dr. W e ch sb e r g. Dieselben berechtigten Erwartungen, die in den Eifer auch des neuen Vorstandes gesetzt werden, wenden sich auch an die weitere warme Theilnahme der Mitglieder und Gönner um das Gedeihen dieses wahrhaft Humanitären Vereines zu fördern. Wien,!4. Jänner. (Wiener Gemeinderath.) Herr Vetter hat wieder einmal die Schleusen seiner Beredtsamkeit geöffnet. Er hat bei Gelegenheit der Debatte über die viermalige Aufführung von Grillparzers „König Ottokars Glück und Ende" im Deutschen Volkstheater und über die unentgeltliche Vertheilung von Karten an mittellose Arbeiter und Studenten selbst eine „Vorstellung im Gemeinderathe" inscenirt, welche, wie es schien, den vollen Beifall des Galeriepublicums fand. Natürlich mußten in dieser „Vorstellung" zu Ehren des großen Dichters einige Inden geschlachtet werden, und dieser Aufgabe unterzieht sich Herr Vetter ja stets mit ebensoviel Liebe als Grazie. Freilich, eine Novität zu bieten, ist er nicht mehr imstande. Sein Repertoire: Der Mord in Damascus, Montefiore und, wenn Grillparzers Erwähnung geschieht, „Die Jüdin voll Toledo" sind schon ziemlich abgebraucht. Heute begnügte er sich damit, die Nasen zu kritisiren, welche die Besucher des Freilheaters in die Vorstellung mitbringen würden, und nebenbei den Trägern derselben, wie schon öfters, Vaterlandslosigkeit vorzuwerfen. GR. S t i a ß n y fand ein schneidiges Wort der Erwiderung, das den Angreifer in solche Wnth versetzte, daß er mit der ganzen Comparserie eine lärmende Volksscene darstellte, welcher übrigens der Vorsitzende bald ein verdientes Ende bereitete, indem er dem ersten Darsteller und Regisseur durch einen Ordnungsruf wieder zur Vernunft brachte. Wenn ein anderer Darsteller in dieser traurigen Komödie noch der Befürchtung Ausdruck gab. daß die Darstellung Grillparzers im Volkstheater eine ungenügende sein werde, nachdem man „König Ottokars Glück und Ende" nicht einmal im Burgtheater entsprechend besetzen könne, so müssen wir hoffen, daß die Besucher des Freitheaters nicht mit den hochgespannten Erwartungen des Redners in den Musentempel einziehen werden. Diese Herren sind freilich strenge Kritiker, denn — Komödie zu spielen verstehen sie! Wien. Die antisemitische Firma Schellh a m e r & Schattera. die sich den Generalbetrieb der Armenlotterie der Stadt Wien zuzueignen wußte, versendet Circulare mit beigeschlossenen Losen dieser Lotterie nach allen Richtungen, unterläßt es aber wohlweislich. ihre Firma unter das Circular zu setzen, sondern blos „General-Losvertrieb der Wiener städtischen Armen- Lotterie", damit ihr auch Juden auf den Leim gehen. Ein probates Mittel, sich vor der Belästigung von dieser Firma zu schützen, ist das Folgende von mir angewendete. Die Firma sandte in einem recommandirten Briese mir im Anschlüsse an ihr Circulare zehn solcher Lose. Um bei der Rücksendung der Lose ein Recepisse zu bekommen und kein Porto für Recommandation oder Francatur auslegen zu müssen, habe ick die Lose unter Werthangabe von fl. 10 in ein Geldconvert verpackt und als G e l d b r i e f unfrankirt retour gesandt. Wenn das jeder Jude so macht, so wird sich diese famose Firma wohl hüten, Juden zu belästigen, weil ihr das zu viel Porto kosten würde. Ich