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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-01-16 · 3 (16.1.1891) · p. Seite 44

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
3 (16.1.1891)
Date
1891-01-16
Page
Seite 44 (sequence 6)
Language
German
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Seite 44 Hesterreichische Wochenschrift Nr. 3. qualmten, davon giebt ein Brieflein Zeugniß, das am 27. Jänner 1891 zu Berlin in der Mohrenstraße 53 unter den Hammer kommen wird. Bis dahin liegt es zur Einsicht auf. Es ist geradezu unglaublich, zu welcher Schweifwedelei, zu welcher bauchkriecherischen Selbsterniedrigung ein Mann von der Bedeutung Wagners sich hergeben konnte! Wenn das am grünen Holze des Antisemitismus geschah, wer will dann das dürre Reisig schelten. Aber hören wir einmal das Briefchen selbst: Paris, 26. Juli 1840. „MögtenSie um des Himmels Willen nicht zu ungütig aufnehmen wenn Sie abermals mit der Erinnerung an meine unbedeutende Person belästige. Ob Sie noch ein geringes Theil Lheilnahme für mich bewahrt haben weiß ich nicht und kann es allerdings umso weniger hoffen, da ich immer mehr zu dem Bewußtsein gelange, wie wenig ich Ihrer Werth bin . . ." Er hört, daß Leon P i l l e t nach Ems reist, um Meyerbeer dort zu treffen. „Ob Sie gestimmt sein würden die Verpflichtung dieses Herrn gegen Sie vielleicht zu einer geneigten Erwähnung eines armen Aspiranten meines Gleichen zu benutzen, bin ich ebenfalls nicht im Stande vorauszusehen. — Nur die eine Bitte wage ich: sollte es Ihrer höheren Einsicht so wie dem Grad Ihres Interesses, das Sie vielleicht noch für mich hegen, angemessen und genehm sein, so ersuche ich Sie in tiefster Demuth ein gutes Wort für mich und meinen „geflügelten Holländer" (1. Act) fallen zu lassen, von dem ich einige Nummern zur Audition fertig habe. Er ist jetzt fleißig, beabsichtigt seinen „Rienzi" zu vollenden und auf eine deutsche Bühne zu bringen und erbittet den Schutz seiner „mächtigen Hand" für Berlin. Am Schluß versichert er ihn seiner „gränzenlosen Verehrung" und unterzeichnet „Ihr unterthänigster Scolare (so) Richard Wagner." Wir empfehlen dem „Deutschen Volksblatt", seinem Musikrefeienten die Schriftstücke zur überreichen. . . „Unbedeutende Person" — „tiefste Demuth" — „w i e wenigich Ihrer werth bi n" — „höhere Einsicht" — — Wotan wo bist du! Nusieus Dr. Samuel Kncca. Wir haben in der letzten Nummer unserer „Wochenschrift" den Tod eines der verdientesten und ältesten Aerzte Oesterreichs angezeigt. Dr. Samuel Lucca hat über ein halbes Jahrhundert als Brunnenarzt in Marienbad erfolgreichst gewirkt und den damals noch weniger bekannten Curort durch seine balneologischen Schriften emporgebracht. Er zählte auch seinerzeit, durch seine auf lyrischem und dramatischen Gebiete bekannten Gedichte, zu den angesehenen deutschböhmischen Poeten. Es wird uns ein Gedicht von Ludwig August Frankl, das er an den achtzigjährigen Studiengenossen gerichtet hat, zur Verfügung gestellt. Es mag als Immortelle auf sein Grab gelegt werden. Das Gedicht lautet: Der die Aerzle beschützt, ist auch der Dichtenden Schutzgott, Und so hat Dich Apoll' zwiefach mit Lorbeer geschmückt: In der Jugend rührtest Du die klingenden Saiten. Doch hat der Menschen Weh' später Dich tiefer gerührt, Und mit der Nymphe des Quells vereint in dem herrlichen Waldthal, Halb Jahrhundert schon, spendest Du Segen und Heil. Ter aus der Schulbank einst mit Dir saß, Dich grüßet Dein Freund heut Aus dcn Bergen Tirols, wo er jetzt Deiner gedenkt. Treulos warf er den schlangenumwundenen Stab aus den Händen Und hat der Lyra Ton, prüfend, zu stimmen versucht. Wenn Du, im Jubelchor, der Dich heute mächtig umbrauset. Hörst einen rhythmischen Laut, welcher zu Herzen Dir dringt, Denke: Das ist des Freundes Stimme, die aus der Ferne Dich, erinnerungsvoll treuen Gemüthes, begrüßt! (Lorrespondenzen. Wien. (Der vergeßliche Herr Bürgermeister.) Ein Dichter hat einst den tiefsinnigen Ausspruch gethan: „Die Menschen könnten niemals glücklich sein, wenn ihnen nicht die Fähigkeit gegeben wäre, zu — vergessen". Im Bürgermeisteramt der Stadt Wien scheint es demnach sehr glückliche Menschen zu geben. Man sollte es gar nicht für möglich Hallen, was alles diese glücklichen Menschen so im Handumdrehen ohne alle Anstrengung zu vergessen imstande siild. Voriges Jahr als der Herr Dr. P r i x in seiner Eigenschaft als Bürgermeister von Wien einen Empfangsabend veranstaltete, dachte man bei der Verschickung der Einladungen an alle officiellen und nicht officiellen Persönlichkeiten, die hier in Betracht kommen konnten. Man hatte eine Reihe von katholischen und protestantischen Würdenträgern geladen und diese waren auch alle erschienen; man hatte aber — o glückliche Gabe des Vergessens — vergessen, auch nur an ein e i n z i g e s M i t g l i e d der jüdischen Seelsorge eine Einladung zu senden, und richtig war auch kein einziger Rabbiner oder Prediger der israelitischen Cultusgemeinde von Wien am Empfangsabend erschienen. Als sich dann später sehr viele Leute erinnerten, daß cs in Wien doch hervorragende geistliche Vertreter der Juden gebe, da hieß es verschämt — ein Beamter habe vergessen, diesen Herren die Einladungskarten zu senden. O der vergeßliche Herr, den diese Geschichte anging, muß aber ein ausgezeichnetes Gedächtniß haben, denn auch gelegentlich des Empfangsabendes des Bürgermeisters in diesem Jahre, erinnerte sich der Treffliche sehr wohl, daß bei der Versendung der Karten die jüdischen Prediger in Wien — vergessen werden müssen. Man vergaß auch heuer pünktlich die geistliche Repräsentanz der Juden, und man wird auch wieder zu dem bequemen Entschuldigungsmittel greifen, daß vergessen menschlich sei — oder wie der Dichter so schön sagt, der Mensch überhaupt nicht glücklich sein könnte, wenn er nicht die Gabe des Vergessens besäße. Herr Dr. P r i x, der derzeitige Bürgermeister von Wien hat übrigens gleich beim Antritte seines hohen Amtes, das ihn in gleichem Maße zum Repräsentanten aller Bürger in Wien macht, mögen sie welche Religion immer haben — vorausgesetzt, daß dieselbe, wie z. B. die jüdische, gesetzlich anerkannt ist — eine Probe der Vergeßlichkeit gegeben. Er hat in seiner damals vielbemerkten Antrittsrede von allem Möglichen und wohl auch manchem Anderen gesprochen; er versprach in dieser Rede die Wahrung aller Interessen des Dentschthumes, aber er vergaß, auch nur mit einem Worte der Gleichberechtigung der Bürger zu gedenken, die von einer Meute haßerfüllter Bezirkspolitiker, zum Hohne der Gesetze und des Rechtes und zur Schmach der Humanität und der Fortschrittes in Frage gestellt wird. Das hat der Herr Bürgermeister Dr. Prix in seiner Rede vergessen, aber dafür vergaß man nicht zu seinem Empfangsabend den Herrn Dr. P a t t a i zu laden, der in den Prachtsälen des neuen Rathhauses vielleicht die nicht erschienenen Dr. Güdemann und Dr. I e l l i n e k vertreten sollte. Wir sind nur neugierig, was Herr Dr. Prix gesagt hätte, wenn die Juden in Wien gelegentlich der Wahlen vergessen hätten — in jeder Weise — für die liberale Sache zu kämpfen. Was würde der Herr Bürgermeister zu dieser Vergeßlichkeit gesagt haben? Freilich, freilich, wäre in dem Falle vielleicht Herr Dr. Prix dann nicht — Bürgermeister von Wien geworden.?? Men. (Fünfundzwanzig Jahre in Sibirien.) Ein ergreifendes Stück menschlicher Leidensgeschichte ist es, das uns gestern ein Mann erzählt hat, der volle fünfundzwanzig Jahre als politischer Verbannter in Sibirien verbrachte, dem es aber nach drei mißglückten Versuchen vor etwa zwei Jahren gelungen ist, aus dep Eisgefilden

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