Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 3 (16.1.1891)
- Date
- 1891-01-16
- Page
- Seite 41 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 5. Hesterreichische Wocheuschrrst Gerte 41 Mit Statistik wurde schon lange gegen uns operirt mit derselben wurden wir als wissenschaftliches Object, nach unseren Eigenschaften und Eigenarten zerlegt, zerfasert, zergliedert, da wurden statistische Beweise erbracht, daß bei uns die Sterbefülle weniger, die Geburten mehr, die Ehen häufiger, die Lehranstalten frequentirter seien, als bei anderen Völkern, Vorwürfe die doch nicht auf Laster zurückzuführen sind, sondern auf stetige uralte Culturarbeit und Sittenstrenge. Doch werden sie künstlich zugestutzt zu politischen und socialen Spitzhaken, die, als Bedrohung der Mitbewohner, Gefährdung des allgemeinen Volkswohles, Verdrängung und Verschiebung der! natürlichen Verhältnisse dargestellt werden, um den Haß erwecken, den Neid zu stacheln, die Habsucht zu entzünden. „Dies ist einer von uns, dies ist ein Fremder!" So sprechen Niedere Seelen. Die Welt ist nur ein einziges Haus. So sprach ein Dichter, der Geistlicher und Deutscher war, aber in der humanistischen Zeit lebte. Das Wohlbefinden des Einen muß deshalb noch nicht das Mißbehagen des Andern Hervorrufen; die Austreibungen der rührigen Juden haben immer noch dem eigenen Lande den Todesstoß gegeben — so Spanien: die Toleranz gegen die Juden noch immer dem Staate, der sie walten ließ, ein allgemeines Wohlbefinden gebracht — so Holland. Das sind lebende Zeugen der Geschichte. Die menschliche Gesellschaft ist eine zusammenhängende Kette, ob die einzelnen Glieder aus diesem oder jenem Erzschachte gegraben, die Festigkeit des einen Gliedes kommt unmittelbar auch dem andern zugute und die Lockerung eines einzigen Ringes muß unwillkürlich den Zusammenhang des Ganzen gefährden. Wenn auf der einen Seite alles Recht, auf der andern alles Unrecht gesucht wird, kann nur ein Zerrbild entstehen, dauernd kann ein solches sich nicht erhalten, wenn noch so viele künstliche Mittel angewendet werden. Dieses vieltausendjährige Unrecht, welches an Israel verbrochen wurde, hat es doch nicht um's Leben bringen können. Was lehrt uns doch die statistische Zusammenstellung der Zahlen, die vom jüdischen Volke, seit dem Beginne seiner Entwicklung bis heute bekannt ist? Sie lehrt uns mit sprechenden Ziffern, daß nicht diese, nicht die Menge, sondern die feste Zusammengehörigkeit, die innige Gemeinschaftlichkeit, der Volksgeist, die unverwüstliche Kraft bilden. Beginnen wir mit den Zahlen, die die jüdische Geschichte uns bietet: Siebzig Personen stark zogen unsere Väter nach Egypten, nach wenigen hundert Jahren waren sie den Sternen gleich an Menge, 600.000 waffenfähige Männer — eine beiläufige Zahl von zweieinhalb Millionen, trotzdem sie unmenschlich geknechtet worden sind. Zur Zeit Davids, also wieder einige hundert Jahre später, zählen sie 1,300.020 Männer, beiläufig siebeneinhalb Millionen, trotz der unaufhörlichen aufreibenden Kämpfe, die sie zu bestehen hatten. Die zehn Stämme wurden nach fast zweieinhalb Jahrhunderten von den Assyrern weggeführt, bei der ersten Zerstörung Jerusalems, die anderthalb Jahrhunderte nachher erfolgte, Massen getödtet, aus Babylon kehrten nur noch Wenige zurück; im Kampfe gegen die Syrer starben dann Tausende den Heldentod, Unzählige kamen um im Dienste Alexanders und Cüsars, Viele wurden zerstreut in den römischen und griechischen Provinzen — und doch zählte man unter König Agrippa zwei Millionen, die das Passahfest in Jerusalem feierten, und die Provinz Galiläa allein hatte im' Kampfe gegen Titus, nach dem Referat des Josephus, eine Bevölkerung von dreieinhalb Millionen. Wie viele Millionen mußten da noch auswärts leben! Bei der zweiten Zerstörung Jerusalems allein verloren eine Million Juden das Leben, 900.000 wurden weggeführt, bei Bethar kamen 600.000 Menschen um; dann erst die Blutgelage, die sich die Völker mit den Juden machten, bei den bekannten frommen Zügen in's Morgenland, bei der schwarzen Pest, bei der Völkerwanderung, bei der Austreibung aus Spanien, bei den Verfolgungen in Deutschland, den vielen Metzeleien in einzelnen Städten und trotz der vielen Einschränkungen in Luft, Licht, Verkehr und Lebensweise zählt Israel wenigstens nach den bekannt gewordenen Zahlen 7 bis 8 Millionen auf Erden und überall ist der Jude zu Hause und überall wird über ihn als wichtigen Factor verhandelt. Es ist dies eine einzig dastehende Thatsache unter den Völkern in der Geschichte, die nicht genug wiederholt werden kann, dem Israeliten zur Ermuthigung, dessen Feinden zur Entmuthigung. Diese Statistik, die wir uns machen, diese Volkszählung, die wir unter uns vornehmen, lehrt uns, daß nicht die Zahl, nicht die Menge die Kraft eines Volkes ausmachen, sondern der Geist der es beseelt. Diesen Geist uns zu erhalten, den echt semitischen, der mit jedem Fortschritte der Zeit sympathisirt, jede Reaction verpönt, mit keinem Nationalgotte pactirt, und die Erde als eine Welt betrachtet, die in ihrem Ganzen zusaminenhängt und nicht bestimmt ist, in Kerkerzellen eingetheilt zu werden, nach den alterthümlichen heidnischen Specialgottheiten; den Geist, der jedem Individuum seine freie Entwicklung, jeder Nation ihre vorzügliche Eigenthümlichkeit der Sprache und Sitte, aber auch der ganzen Menschheit ihre innige Zusammengehörigkeit erhält, diesen wollen wir in uns weiter hegen, pstegen, warten und erhalten, wie immer auch die Resultate der Volkszählungen sich darstellen sollten, in ihren Bewegungen und Schwankungen nach Innen und nach Außen. Die Volkszählungen sind — wie wir gesehen haben — in ihrem Ursprünge semitisch, gleich so vielen andern modernen Einrichtungen der Zelt, und auch ihre Resultate können nur diesem menschenfteundlichen semitischen Geiste zu statten kommen, der die Menschheit zusammenschließr, einigt, verbindet, nicht aber trennt und scheidet! Kleber Sankt Luegers geplanten Uanbxng gegen die Inden. Der niederösterreichische Landtag berieth die vorige Woche in drei Sitzungen über den Entwurf eines Arukengesetzes, den der Landesausschuß Schöffel aus Mödling ausgearbeitet, und der, nebst mehreren lächerlichen Einnahmequellen für den Armenfond, wie z. B. die Besteuerung der Kanarienvögel, hauptsächlich der Wiener Effectenbörse, obwohl Wien selbst von diesem Landesgesetze ausgeschlossen bleiben soll, ohne jede Rechtsbasis eine Eontribuuon von fl. zOO.OOO zu diesem Zwecke auferlegen will. Die Majorität des Landtages wie der Vertreter der Regierung, Statthalter- Graf Kielmannseg g, haben sich daher trotz ihres eifrigen Wunsches zur Schaffung eines solchen Gesetzes gegen diesen Gesetzentwurf ablehnend verhalten. Das war aver ein rechtes Fressen für die Herren auf den Bänken der Antisemiten gegen die Juden loszuziehen. Besonders Doctor Lueger hat einen N a t u r t o n angeschlagen, in dem uns das ganze Mittelalter mit seinen Schrecken entgegengrinste. „Ich glaube", sagte er, „die zweimalhunderttausend Gulden sollen getheilt werden, und wenn das zu w e n i g i st, s o l l m a n d en B e t r a g e r h ö h e n. Da liegt ja nichts daran. Aber thellen wir christlich. Wie früher die großen Herren Juden steuern gemacht haben, so nehmen wir jetzt von den Juden und tlf eilen es nach der Kopfzahl der Einwohner, und