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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-01-16 · 3 (16.1.1891) · p. Seite 40

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
3 (16.1.1891)
Date
1891-01-16
Page
Seite 40 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4Ö HefterreichLsche Wochenschrift Nr. 3 überkommenen nationalen. Geistesschätze erschließen, ihr die Möglichst gewähren, unsere herrliche religiöse Nationalliteratur zu erfassen und zu bewundern. Noch zur Zeit als der unvergeßliche Julius Ritter v. Goldschmidt die Wählerversammlungen leitete, haben die achtbarsten Gemeindemitglieder dem Vorstande die Wiedereinführung des hebräischen Unterrichtes dringend nahegelegt; der damalige Vorsitzende dagegen warnte vor der Ueberbürdung der Jugend, an welche die Neuschule ohnehin mit der Fülle und Ueberfülle des Unterrichtsstoffes die größten Ansprüche stellt. Später änderte man die Taktik in der Abweisung jenes Antrages, man erklärte es als eine unmögliche Leistung für einen Lehrer, bei einem zweistündigen Unterricht per Woche in einer Classe von 50 bis 60 Kindern dev Schülern eine gründliche Kenntniß der hebräischen Sprache, ein geläufiges Verständniß der Bibel beizubringen. Dazu kommen Ethik und jüdische Geschichte, welche ja nicht minder wichtige Unterrichtsgegenstände bilden und die ebenfalls in jenem zweistündigen Unterrichte per Woche berücksichtigt werden müssen. Die Wortführer dieser Anschauung erüärten deswegen, es sei nicht Aufgabe des Vorstandes, sondern der Eltern, durch häuslichen Unterricht das zu ersetzen, was die Religionsschule verabsäumt und was sie bei dem gesetzlich normirten Unterrichtsmaximum von zwei Stunden absolut nicht leisten kann. Wahr ist es, daß auch die Familienväter die Pflicht haben, für die religiöse Erziehung ihrer Kinder Sorge zu tragen, und einzelne erfüllen auch diese Pflicht mit den größten Opfern. Andere aber, die Tag und Nacht eingespannt sind in der Tretmühle des Geschäftes nnd Gewerbes, können beim besten Willen diese Pflicht nicht erfüllen, ihr Geist ist in Anspruch genommen von dem schweren Kampfe um's Dasein, um für Weib und Kind Brot zu schaffen; für diese muß der Vorstand eintreten. Seine Sorge ist es und muß es sein, die heranreifende Jugend dem Judenthume und das Judenthum der Jugend zu erhalten. Aus diesem unerquicklichen Dilemma herauszukommen, erklärt der neue Präsident der Wiener israelitischen Cultusqemeinde es für die Aufgabe des Vorstandes, neben der Versorgung des Religionsunterrichtes an den öffentlichen Unterrichtsanstalten, in allen Bezirken der Stadt Wien hebräische Sprach- und Bibelschulen zu errichten. In jedem Bezirke soll den Eltern die Möglichkeit geboten werden, ihren Kindern einen gründlichen hebräischen Unterricht unentgeltlich ertheilen zu lassen. Gelingt es, diesen Gedanken zu realisiren, so wird ein langjähriger Zwist, welcher die Gemüther in steter Erregung hält, gebannt sein und der Cultusvorstand wird sich um die Zukunft des Wiener Judenthums ein hohes Verdienst erworben haben. Die Errichtung einer Rabbinerschule oder einer jüdisch-theologischen Facultät in Wien bildet seit Jahren die stete Sehnsucht der Besten und Edelsten innerhalb des österreichischen Judenthums. Der Mangel an jüdischen Theologen wird immer empfindlicher, es fehlt an einem theologischen Nachwuchs, welcher wissenschaftliche Bildung, mit gründlicher Kenntniß der rabbinischen Literatur vereinigt. Zum Zwecke der Errichtung einer Rabbinatsschule hat Herr Wilhelm von Gutmann fl. 200.0)0 aus eigenen Mitteln zur Verfügung gestellt und in seiner Programmrede bekundete er den festen Willen, die Realisirung dieses Werkes zu beschleunigen. Bekanntlich war auch die Gründung des Beth-hamidrasch ein Werk der Brüder G u t m a n n! Zur Führung der Wiener israelitischen Cultusgemeinde ist ein Mann berufen von hoher socialer Stellung, dessen Name einen Klang hat weit über die Gemarkungen Oesterreichs hinaus, dessen Sümme bei den Behörden und im Rathe der Staatsmänner mit Achtung vernommen wird, ein Mann, der nicht innerhalb kleiner finanzieller Verhältnisse gebannt ist, solchem auf jener gesellschaftlichen Höhe steht, welche einen freien Ausblick gewährt auf die höchsten Aufgaben und größten Leistungen. Mit einem Budget von 100.000 fl. jährlich kann der Wiener israelitische Cultusvorstand seine Pflichten nicht erfüllen. Die Aufgabe des neuen Präsidenten wird es sein, auch das Budget der Gemeinde zur Höhe der Zeitbedürfnisse emporzutragen. Möge es ihm gelingen, der freiwillig übernommenen Mission und den sich gestellten großen Aufgaben voll und ganz gerecht zu werden; er wird seinen Namen mit der Geschichte dieser Gemeinde unlöslich verknüpfen. Zur Volkszählung. Bon Rabbiner W. Reich in Baden. Es ist wohl eigenthümlich, jedoch nicht minder wahr, daß fast jede moderne gesetzliche Einrichtung, die als eine Errungenschaft der Neuzeit hochgepriesen wird, sich wenigstens in ihren Spuren schon, mehr oder minder ausgebildet, bei den alten Hebräern und ihren späteren staatlichen Vorkehrungen vorfindet. Es ist „nicht ohne", das Geschrei der Antisemiten, daß die moderne Welt „verjudet" sei, sie ist es von der Religion angefangen bis zu den Idealen der Zukunftsträumer, von der staatlichen Culturspitze bis zu der gemeingiltigen Arbeitseintheilung. Ja! die moderne Welt, sie ist verjudet; vom Scheitel bis zur Zehe von semitischen Blutkügelchen durchzogen, wenn auch die übergroße Zahl der civilisirten Menschheit arischer Abstammung sein sollte. Sie ist es; der Gott, der angebetet wird, die Krone, die mit dem Salböl geweiht, die Kirche mit ihren Festen und auch der Staat mit seinen Einrichtungen. Die allgemeine Volksbewaffnung von 20 Jahren aufwärts, sie findet sich zu allererst in der Bibel; der gesetzliche Ruhetag in der Woche, im Dekalog; die achtjährige obligate Schulpflicht — mit einer kleinen Abänderung von 5 bis 13 Jahren — am allerfrühesten in der Mischna; dieWohlthätigkeit, die zur Pflicht gemacht wird, oder mit anderen Worten; die obligate Armenjteuer, in den mannigfachsten Anordnungen von Bibel und Talmud; die socialen Bestrebungen in ihrer Widersetzung gegen die Anhäufung von Besitz, sind in den Verordnungen, über Erlaß — und Jubeljahre, im Kerne schon vorhanden. Die modernste Wissenschaft ist nun die Statistik, die spielt heutzutage eine große Rolle. In unserer Zeit wird Alles gezählt und berechnet. Geburten, Sterbefälle, Schulbesuch, Handel, Verkehr, Bildung, Wohlthätigkeitsanstalten, Berufsarten, Naturerzeugnisse, die Zahlen werden zusammengestellt, geordnet, verglichen, um aus denselben die geheimnißvollen Gesetze der schweigenden Natur abzulauschen, nach denen sich die Länder und Völker, die Staaten und Stämme bilden und erhalten, auflösen oder zu Grunde gehen. In der Volkszählung findet die Statistik ihr bestes Instrument und auch dieses ist — o weh! — semitisch. „Zehnmal wurde Israel gezählt", lautet eine jüdische Tradition. „Bei seinem Einzuge in Egypten, bei seinem Auszuge, bei der allgemeinen Musterung in der Wüste, bei der Lagerordnung nach seinen Fahnen, von Josua bei der Tbeilung des Landes, zweimal bei Saul, einmal bei David, bei der Rückkehr aus Babylon von Esra und einmal wird es einst in Zukunft gezählt werden". Wir Juden haben uns übrigens über den Mangel einer Volkszählung, selbst bis in die neueste Zeit hinein, nicht zu beklagen; wenn wir uns nicht zählen, so zählen uns desto aufmerksamer unsere Gegner. Die Resultate der Statistik sind oft genug in corrumpirter Weise als Kampfmittel gegen uns ausgebeutet worden. Zahlen sprechen und imponiren, und es ist dem Laien schwer den richtigen Einblick zu gewinnen, wie sie sich zusammenfügen, in den Urgrund ihrer Entwicklung mit Verständniß einzudringen.

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