Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-01-16 · 3 (16.1.1891) · p. Seite 39

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
3 (16.1.1891)
Date
1891-01-16
Page
Seite 39 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020851--00045-3024014
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

v 3. Mira, iti. fätttuc ISSl. Iö= Leulralorgan für dir grsammlen Interessen des Iudenthnm«. M . — -#- K. k. Postsparcasienamt Clearingverkehr Nr.810.978 h'etwtioii und Administration: Wien, l, Rothenthurmstraße 39. =äl ia= Eigenthümer: Reichsraths-Abgeordneter Dr* Bloch. Erscheint jeden Freitag. - i°:= Man abonmrt bei allen' Poftaustatten des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl.! Einzelexemplare SS kr. Anzeigen: Die 4mal ge-! spaltene Petitzeile 13 kr.! Inhalt: Leitartikel: Wilhelm Ritter von Guttmann — Präsident der Wiener israelitischen Culttlsgemeinde. Zur Volkszählung. Ueber Sanct Luegers geplanten Raubzug gegen die Inden. Die Guidhall-Bittschrift an den Zar. R. Wagner und Meyerbeer. Dr. Samuel Lncca. — Correspondenzen: Wien. Ottakring. Prag. Lemberg. Tarnopol. Tctschen a. d. E. Frankfurt a. M. London. Petersburg. — Vermischtes: Wien. Ottakring. Hora/.diowetz. Stanislau. Budapest. Berlin. Mainz. Würzburg. Cöln. Paris. London. Rom. San Francisco. — Familienblatt: Amnon- Ueber den Erfurter Maler und Knnstgelehrren Manasse Unger. Literatur. Brieftasten. Inserate Milhelm Ritter v. Gutmann — Präsident der Wiener israelitischen Cnlinsgemeinde. Das Ereigniß der jüngsten Woche, bedeutsam nach Außen und Innen, ist die Wahl des Herrn W i l h e l m v o n Gutmann zum Präsidenten der Wiener israelitischen Cultusgemeinde und die Bedeutung dieser Wahl ist womöglich noch erhöht worden durch das weitausgreifende Programm, lvelches der neue Präsident nach erfolgter Wahl in der ersten Vorstandssitzung mit beredtem Munde entwickelte. Dieses Programm bildet den Gegenstand lebhafter Discussion in allen jüdischen Kreisen der Residenz Es ist eine schwere Zeit, in welcher Herr Wilhelm von Gutmann berufen wurde, die Führung der größten jüdischen Gemeinde in Oesterreich, ja der größten jüdischen Gemeinde Europas, zu übernehmen; Aller Augen sind auf ihn gerichtet, mögen die Hoffnungen sich erfüllen, welche an seine Amtswirksamkeit sich knüpfen. Die erste und vornehmste Amtsaufgabe des neuen Präsidenten dürfte es zweifellos sein - entsprechend den in den Wählerversammlungen der letzten Jahre so oft lautgewordenen Wünschen und Forderungen — bei den hohen Behörden für das österreichische Judenthum jenen leider bis nun vermißten Schutz nachdrücklichst zu reclamiren, auf welchen wir im Grunde der bestehenden Verfassung und der geltenden Gesetze einen vollen Anspruch haben. Wenn die Aufreizung zu Haß und zur Verachtung gegen Nationalitäten und Confessionen ein Verbrechen ist, welches das österreichische Gesetz mit Strafen ahndet, dann soll und muß das Gesetz auch Anwendung finden gegen jene Bande von Hetzern, welche Tag um Tag die tiefsten Schichten der Bevölkerung mit einem wilden Haß gegen uns erfüllen, den Bürgerzwist schüren, die niederen Jnstincte und Leidenschaften reizen, mit Hilfe von Lüge und Verleumdung die Gemüther vergiften. Gelingt dem n"uen Präsidenten diese seine erste und vornehmste Mission, dann wird sein Name in die Geschichte des österreichischen Judenthums mit goldenen Lettern eingezeichnet werden. Herr Wilhelm Ritter von Gutmann hatte bereits des Oefteren Gelegenheit, in das Geschick des Judenthums in Oesterreich wohlthätig einzugreifen. An eine einzige Episode sei hier erinnert. Er war es, der bei der Einleitung des Processes Rohling-Bloch sich bereit erklärte, die gesammten Kosten der Proceßführung aus eigenen Mitteln zu tragen und der es übernommen hat, einen der bedeutendsten Rechtsgelehrten in Oesterreich dem Angeklagten als Vertheidiger zur Seite zu geben. Wenn jener Proceß einen glänzenden Verlauf und Ausgang genommen, daß die gerichtlich geschöpften wissenschaftlichen Resultate bei späteren Anlässen von Gerichtshöfen des Auslandes wiederholt herangezogen und verwerthet worden sind, so danken wir das zunächst dem derzeitigen Präsidenten der Wiener israelitischen Cultusgemeinde. Wie nach Außen, so harren des neuen Präffdenten auch nach Innen große Aufgaben und hohe Pflichten. Der Zusammenschluß der Vororte mit Wien, das Nnfügen der vorortlichen Cultusgemeinden in die große Muttergemeinde der Residenz, die Auseinandersetzung mit der türkisch-israelitischen Cultusgemeinde, die Ausgestaltung des neuen Statutes entsprechend diesen neuen Verhältnissen, bedingen eine Fülle von Arbeiten, erfordern eine Umficht und einen Fleiß, daß derjenige, welcher alle diese Aufgaben glücklich löst, sich um das Wiener Judenthum exceptionelle Verdienste erwirbt. In welcher Art aber und mit welchen Intentionen der neue Präsident an die großen Aufgaben tritt, hat er in seiner Programmrede klar genug angedeutet. Er betrachtet es als seinen höchsten Ehrgeiz die Einheit der Gemeinde zu schützen und dauernd zu erhalten, ein ftiedliches Nebeneinanderleben der widerstreitenden religiösen Ueberzeugungen, der verschiedenen Fractionen und Parteien innerhalb derselben Gemeinde zu ermöglichen. Für diejenigen Parteien in der Gemeinde, welche das Bedürfniß nach einer mehr modernen Ausgestaltung des Cultus empfinden, welche Gebete in der Muttersprache, die Orgel reclamiren, möge ein neuer Tempel in der inneren Stadt Wien sich erheben. Dem conservativen Juden darf aber die Gelegenheit nicht genommen werden, seinen Cultus in altgewohnter Art zu üben, nach der Sitte der Väter zu beten; er soll sich nicht beklagen, daß man ihm seine Synagoge in einen Tempel verwandelte, um den Ansprüchen und Ideen der Reformer gerecht zu werden. Eine zweite brennende Tagesftage, deren Lösung unmöglich länger verzögert werden darf, bildet die Ausgestaltung oder Neugestaltung des Religionsunterrichtes. Die Gemeinde befindet sich hier in einem argen Dilemma, aus welchem der Ausweg beinahe unmöglich scheint. Seit Jahren werden in Wählerversammlungen Klagen und Anklagen laut, daß der jüdischen Jugend nicht bloß die religiöse Gesinnung und Stimmung, sondern auch die Kenntniß der Religion, vor Allem das Verständniß ftir die Gebetsprache, abhanden gekommen ist. Unsere Kinder haben nicht mehr Hebräisch lesen gelernt und sind schon deshalb nicht in der Lage am öffentlichen Gottesdienste theilzunehmen. Immer nachdrücklicher und energischer fordern die Wähler eine Vertiefung des Religionsunterrichtes und eine erhöhtere Pflege des hebräischen Sprachunterrichtes. Wir müpen der Jugend die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.