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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-01-09 · 2 (9.1.1891) · p. Seite 28

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
2 (9.1.1891)
Date
1891-01-09
Page
Seite 28 (sequence 10)
Language
German
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Sette 28 Gesterreichische Wochenschrift Nr. 2 in der Sammlung R. Meirs wahrscheinlich dort ihren Platz hatten. Da nun Rabbi diese Mischnajot in der Ordnung Seraim nutergebracht, habe er sie im Tractat Sabbat nicht wiederholt, der Berfasier der Tdsifta jedoch, dem noch die Sammlung R. Meirs vorlag, habe feine Ergänzungen an der ursprünglichen Stelle angebracht. Wenn nun der Autor der Tosifta an einer Stelle die Mischna R. Meiers vor Augen hatte und sich dieser anschloß, wer bürgt uns dafür, daß es nicht noch in v'.elen anderen Stellen geschehen ist? Vielleicht würden uns viele Halachot in der Tosifta in einem ganz bestimmten Zusammenhang erscheinen, wenn wir einen Einblick hätten in die Mischna R. Meirs? Die bloße Reihenfolge der Halachas in unserer Mischna berechttgt demnach keineswegs zu solchen weitgehenden Aenderungen, wie sie Schwarz vornimmt; dafür müßten schon in jedem einzelnen Falle entscheidende Gründe sprechen, die aus der Tosifta selst hergeholt sind. Schwarz polemisirt auch in der Einleitung gegen eine Ansicht Blochs und meint: ist die Voraussetzung, von welcher Bloch ausgeht, richttg, daß die Mischna und Tosifta in der Anzahl der Traktate und Abschnitte übereinstimmt, dann ist auch die Behauptung richtig, daß Mischna und Tosifta im Grunde genommen identtsch seien und alle Verschiedenheüen nur von der mündlichen Fortpflanzung des Tradttionsstoffes herrühren: erweist sich aber diese Voraussetzung als unrichtig, dann fällt natürlich auch die Schlußfolgerung. Wir haben nicht gefunden, daß Bloch die äußere Uebereinstimmung zwischen Mischna und Tosifta zu einem wesentlichen Stützpunkt seiner Ansicht gemacht hätte, mit dessen Beseitigung die ganze Theorie fallen muß; wenn aber die Nichtübereinstimmung ein Argument gegen die Ansicht Blochs sein soll, warum nicht auch gegen die Ansicht Schwarz', daß die Tosifta aus lauter Zusätzen zur Mischna bestehe? Die Nichtübereinstimmung zwischen Misckna und Tosifta ist also ebensowenig ein Beweis für die Ansicht Schwarz' wie sie die Ansicht Blochs widerlegt. Trotz dieser Bedenken gegen das radicale Verfahren in der Versetzung einzelner Mischnajot und ganzer Partien der Tosifta. müssen wir die Vorzüge der Schwär z'schen Arbeit rückhaltlos anerkennen. Jedem Abschnitt der Tosifta geht eine gedrängte Uebersicht der einzelnen Mischnajot voran, und es wird ain den logischen Zusammen - haug in der Reihenfolge derselben hingewiejen. Der Autor hat das Berständniß der Tosifta wesentlich gefördert und wir sind ihm dankbar für jede dunkle und schwierige Stelle, die er uns erschlossen hat. Mit welchem Aufwand von Fleiß, und mit welcher Liebe zur Sache der Autor seinen Gegenstand bearbeitete, davon kann sich jeder überzeugen, man vergleiche blos die Auseinandersetzung M'aser icheni IV, Anmerkung 191. und Demai VII, Anmerkung 91. Dem Charakter dieser Blätter entsprechend können wir nicht allzusehr auf Einzelnes eingehen und müssen uns mit einigen Andeutungen begnügen. Die große Anzahl von geschickten Einendationen, an welchen der Commentar zur Tosifta reich ist, können wir nicht hervorheben; umgekehrt möchten wir aus einzelne Stellen Hinweisen, wo wir mit dem Autor nicht übereinstimmen. Nicht gelungen scheint uns die Emendation, Demai V. Anmerkung 17, weil der Ausdruck oder gleichbedeutend mit „lau", schwerlich von festen Dingen gebracht sein wird. Ebenso möchten wir Bikkurim III, Anmerkung 46, die Lesart des Babli vorziehen; Challa IV, Anmerkung 21, möchten wir die Lesart ^behalten, in dem gewöhnlichen Sinne, welchem diese Ausdrucksweise zu haben pflegt: man sagte in einer spätern Zeit, und wir sehen keinen zwingenden Grund zu einer Emandation. Nicht einverstanden sind wir auch mit der Art, wie Schwarz Berachot VI, Anmerkung 25, und noch an manchen andern Stellen emendirt. Es geht nicht an, einen ganzen Passus zu streichen, ohne zu sagen, wie derselbe in den Text hineiagekomme u Gezwungen erscheint uns die Auffassung Pea VI, Anmerkung 10. Der Wortlaut der Mischna spiegelt die Anschauung R. I o s u a s wieder; hätte Rabbi die Ansicht R. Eliesers wiedergeben wollen, hätte er dies nicht blos angedeutet durch einen sogenannten pVT Schebiit III, Anmerkung 14, ist übersehen, daß es in der Mischna des Jereschalmi in den Worten R. Simeons anstatt “TtDN ^ißt. Das widerspricht allerdings der unmittelbar vorhergegangenen Ansicht R. Simeons, und ob der Jeruschalmi wirklich so gelesen, ist fraglich; aber auch die Lesart ist auch nicht so einfach, denn man muß nach dem Wortlant der Mischna einen Gegensatz erwarten. Terumot VI, Anmerkung 1, wird auf Ketubot V, 2, hingewiesen, Schwarz hat aber blos den Anfang und nicht das Ende der Mischna gesehen. Zum Schluffe sei uns noch eine Bemerkung gestattet. Wir glauben, daß selbst die Commentirung und Ausgabe eines Traktats der Tosifta — geschweige denn einer ganzen Ordnung — eine solche Fülle von Stoff zu überwältigen gibt, daß es hier jedenfalls gerathen erscheint, langsam zu Werke zu gehen, und daß weniger hier mehr heißt. Berhältnißniäßig leichte Stellen bieten oft bei genauer Vergleichung der Quellen große Schwierigkeiten, uud wenn ein Commentator seine Pflicht thun will, wird er es vorziehen, sich selbst Grenzen zu setzen, als danach streben, äußerlich etwas Vollständiges geliefert zu haben. Man vergleiche beispielsweise Demai II, 4. eine Stelle, die nicht zu den schwierigsten gehört, geht man jedoch auf dieselbe näher ein, so ist sie durchaus nicht so einfach. Danach erscheint uns keineswegs selbstverständlich, was Schwarz daselbst, Anmerkung 185, sagt; ebenso bedarf noch sehr der Erklärung, die (Anmerkung 188) citirte Stelle aus dem Jeruschalmi, wie schon aus der Frage zu ersehen ist, die R. S i m s o n im Commentar zur Mischna aufwirft, da die Antwort, welche dieser gibt, nicht befriedigt. Wir könnten auf mehrere solche Stellen Hinweisen, aber einerseits ist hier nicht der Raum dafür, andererseits wollten wir dem Verfasser blos den Beweis liefern, daß wir uns mit seinem Commentar eingehend befaßt, soweit es uns bis jetzt möglich war. Wir nehmen Abschied vom Verfasser, indem wir seinem Buche die weitgehendste Verbreitung und ihm selbst Glück und Erfolg zur ferneren Bearbeitung der Tosifta wünschen. H. Nachschrift. Die vorstehenden Ausführungen aus der Feder eines der tüchtigsten jungen Theologen in Oesterreich möchte ich durch einige wenige Bemerkungen ergänzen. Das Schwergewicht der von Herrn Rabbiner Dr. Schwarz in Karlsruhe veranstalteten Ausgabe der Tosifta liegt in dem dem Werke beigegebe,ien Commentare, daran eminenter Fleiß, ausgebreitete Sachkenntniß und exegetischer Scharfsinn gleichen Antheil haben. Zur Erschließung des Textinhaltes, zur Enträthselung des Gedankengehaltes, mit einem Worte für die Exegese hat der gelehrte Verfasser Eminentes geleistet. Allein Herr Dr. Schwarz hat sich ein weiteres Ziel gesteckt, er wollte die ursprüngliche Tosifta erneuern, die Tosifta in ihrer Urgestalt wiederherstellen, und um diesen Zweck zu erreichen, hat er hie und da ein Verfahren eingeschlagen, welches nicht allein an sich bedenklich, sondern, und darin stimme ich mit dem Verfasser . des vorstehenden Aufsatzes überein, nach keiner Richtung geeignet erscheint, uns dem erstrebten Ziele näher zu führen. Will man Anschluß gewinnen über die Entstehungsgeschichte des Werkes, die Quellen der einzelnen Bestandtheile ermitteln, so muß man eine. Sonderung vornehmen und nicht eine neue Composition. Herr Dr. Schwarz wendet in seinen Untersuchungen die synthetische Methode an, allein die Kritik gelangt zu sicheren Resultaten nur auf dem Wege der analytischen Methode. Die Bibelkritik mit ihren bewunderungswürdigen Entdeckungen sollte für die Kritik der Halacha Vorbild sein. Nicht das jedenfalls höchstgewagte Beginnen der Reconstruction, sondern die Decomposition ist die erste Aufgabe. Man soll von jeder einzelnen Halacha sämmtliche überlieferte Recensionen gegeneinander halten, die Verschiedenheiten und Abweichungen feststellen, Ursachen und Ursprung der Differenzen zu ermitteln trachten. Betritt man diesen Weg, so gelangt man unwillkürlich zu jener Auffassung von der historischen Entwicklung der Halacha, welche ich in meiner Schrift: „Einblicke in die Geschichte der Entstehung der talmudischen Literatur" (Wien 1884) ausführlicher gezeichnet habe. Die Differenzen und Widersprüche in den verschiedenen Recensionen der uns überlieferten Halacha der Tanaiten verdanken ihre Entstehung einerseits dem Wandel der Anschauungen in verschiedenen Epochen, anderseits dem Umstande, daß die Lehrmeinungen nicht schriftlich verzeichnet, sondern als „mündliches Gesetz" dem Gedächtnisse anvertraut waren. Die Talmudisten versuchten eine logische Ausgleichung dieser naturgemäß entstandenen Widersprüche und gelangten so zum Pilpul.

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