Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 2 (9.1.1891)
- Date
- 1891-01-09
- Page
- Seite 27 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Hesterreichifche Wochenschrift Seite 37 Tempelbesucher, den abermals gebesserten Stand des Vereines in materieller Beziehung ersehen, wobei weise Sparsamkeit in der Verwaltung dazu beitrug, dieses Resultat zu erzielen. Es ist wünschenswerth, daß in diesem Sinne weiter gearbeitet wird, einer meiner hervorragenden Wünsche ist es jedoch, daß unser Gotteshaus vom wahren und echten jüdischen Geiste mehr wie bisher durchwärmt werde. Die durch vierwvchentliche Krankheit geschwächten Kräste zwingen mich zu schließen. Mein Arzt rechnet mich bereits zu seinen Reconvalescenten, dennoch glaube ich, daß die volle Wiederherstellung meiner Gesundheit Wochen, vielleicht Monate in Anspruch nehmen dürfte. Ich kann es daher nicht wagen. Sie direct um die Erneuerung meines Mandates als Vorstandsmitglied zu ermchen; uur für den Fall, a^s sich kein Besserer um dieses Amt bewerben sollte, könnten Sie es vielleicht wieder mit mir versuchen. Im Falle der Wahl würde ich nach meinen Kräften im bisherigen Sinne weiter wirken; ob oder was ich bisher geleistet, dies zu bezeugen, ist vielleicht einer meiner Herren Collegen in der Lage. Ich kann nicht mehr schreiben und muß schließen." Redner bemerkt, im Sinne der Versammlung spreche er den Wunsch nach einer baldigen Wiederherstellung und Genesung des Collegen aus, auf dessen ersprießliche und segensreiche Mitwirkung der Verein nimmermehr verzichten darf. (Lebhafter Beifall.) Betreffend feine eigene Candidatur, bemerkter, daß er stolz ist, an der Spitze eines Vereines zu stehen, welcher vermöge der Intelligenz, der socialen Stellung und der Opferfreudigkeit seiner Mitglieder innerhalb der jüdischen Gemeinde einen achtunggebietenden Rang sich erworben hat (Lebhafter Beifall) und daß er diese seine Wirksamkeit als eine hohe Auszeichnung betrachte Vereinsvorsteher Herr Nagel präsentirt sich für die fünfte Wahlperiode den Vereinsgenossen; er verzichtet darauf von seiner Wirksamkeit zu sprechen, weil Alles was geschaffen wird, das Werk gemeinsamer Arbeit aller Vorstandscollegen ist. Redner bedauert die geringe Theilnahme der Vereinsgenossen an der Generalversammlung als ein Resultat eines allzu übergroßen Optimismus, welcher an Stelle der ehemaligen pessimistischen Auffassung der Vereinsverhältnisse getreten ist. Die Aufgabe, welche der Verein sich gestellt, löst er in befriedigender Weife, und wenn die Vereinsgenoffen auch für die Zukunft seine Mitwirkung wünschen, so will er sich der Aufgabe nicht entziehen. (Lebhafter Beifall.) Bei der hierauf vorgenommenen Wahl wurden die Herren S- E i s e n b e r g e r, Max Fleischer, Wilhelm Nagel und Isidor Preis mir nahezu Stimmeneinhelligkeit wiedergewählt, worauf der Vorsitzende Herr Friedrich P o l l a k mit einem Danke an die erschienenen Vereinsgenoffen die 17. ordentliche Generalversammlung für geschloffen erklärt. Zur Entstehungsgeschichte des Hatacha. Die Tostfta. nach der Reihenfolge der Mifchnajot geordnet und mit einem Commentar versehen, von Dr. Adolf Schwarz, Rabbiner in Karlsruhe. 1. Theil, Ordnung Seraim, erschienen in Wilna 1890. Das vorstehende Buch ist eine Arbeit von rühmenswerthem Fleiß und vieler Gründlichkeit, jede Seite legt Zeugniß ab von der Belesenheit des Autors auf dem Gebiete der talmudischen Literatur. Aber bei aller Achtung vor dem gelehrten Verfasser müssen wir uns gegen das Verfahren aussprechen, welches derselbe in der Behandlung des Textes der Tosifta einschlägt. Dieses Verfahren mußte Bedenken erregen, selbst wenn die Ansicht Schwarz' über Anlage und Entstehung der Tosifta keinem Zweifel unterworfen wäre, was thatsächlich nicht der Fall ist, da Manches sich gegen diese Ansicht einwenden läßt. Die Fragen über Alter, Ursprung und Zweck der Tosifta werden in der Einleitung nur flüchtig gestreift, da Schwarz sich vorbehält, darüber ausführlicher in der Einleitung zu handeln, die er der vollständigen Ausgabe der Tosifta folgen lassen will. Es heißt einen verkehrten Weg einfchlaoen, meint derselbe, wenn man lange historisch-kritische Abhandlungen über die Tosifta schreibt, bevor ma^ in das Innere derselben eingedrungen und sich mit allen ihren Theilen vertraut gemacht; es fei hierauf anwendbar der talmudische Spruch: „Wehe aber demjenigen, der kein Haus hat, aber einen Eingang zu einem solchen macht". Wir lassen die Richtigkeit dieser Bemerkung im Allgemeinen gelten, aber der angeführte Satz hat auch feine Kehrseite; es ist auch schlimm, wenn man ein Haus hat, und keinen Eingang zu demselben macht; wir wollen auch nicht durch eine Hinterthüre ins Haus gelangen. Bei der radicalen Umgestaltung, welche Schwarz mit dem Text der Tosifta vornimmt, hätte er uns doch über seine Absicht näher belehren müssen. Will er uns eine neue Tosifta vorlegen, oder will er die alte in ihrer ursprünglichen Gestalt Herstellen? Das Letztere ist jedoch ausgeschlossen, das Aussehen, welches Schwarz der Tosifta gibt, kann sie in Wirklichkeit nie besessen haben, da sie nach seiner eigenen Ansicht nicht das einheitliche Werk Eines Verfassers ist, sondern aus den Boraitasammlungen des R. C h ija und R. Oschaja zusamtnengefloffen ist. Eine Wiederherstellung der Tosifta in ihrer ursprünglichen Gestalt wäre es. wenn Schwarz gerade den entgegengesetzten Weg eingeschlagen hätte, wenn er anstatt aufzubauen, die Tosifta in ihre ursprünglichen Bestandtheile zergliedert und nachgewiesen hätte, was an unserer Tosifta Antheil R.'CH i j a's und was Antheil R. Oscha ja's, und welche Zusätze einer späteren Zeit angehören — vorausgesetzt, daß dies sich noch ermitteln ließe, was wir jedoch sehr bezweifeln. Hier würde also ein bekannter Ausspruch zutreffen. Auseinandernehmen ('j-j-)^-0) lü“rc gleichbedeutend mit einem Wiederaufbauen (^*3) während die Reconstruction gerade das Gegentheil bedeutet. Schwarz meint (Einleitung S. XV), derjenige welcher die Boraitasammlung des R. C h i j a und R. Oschaja zu einem Ganzen vereinigte, habe offenbar keine geschickte Hand besessen, daher die Unordnung in der Tosifta. Vielleicht hat der Sammler sich von der Rücksicht leiten lassen, die zwei verschiedenen Sammlungen, so weit als es ging, in ihrer ursprünglichen Gestalt zu wahren und wollte nicht die einzelnen Halachas völlig auseinanderreißen. Wir wollen damit nicht irgendwelche Behauptungen aufstellen und meinen blos, daß es nicht gerechrserrigt ist, die Tosifta, wie sie uns vorliegt, als ein bloßes Material zu benützen, um aus derselben ein neue Tosifta zu construiren. Wozu die Tosifta zur Tosifta? Davon abgesehen, ist auch die Voraussetzung, von welcher Schwarz ausgeht, nicht so sicher und über allen Zweifel erhaoen: ob R. A k i b a^ neben seiner Mischnasammlung auch eine Tosifta angelegt, ist fraglich, trotzdenl es vielfach behaupret wird: ganz unwahrscheinlich klingt das, was in der Einleitung S. IX. über das Zustandekommen der Tosifta R. N e ch e m i a's gejagt wird. Dieser soll gerade diejenigen Halachas, die R. M a i r aus seiner Sammlung ausschied, in seine Tosifta aufgenommen haben und ein gleiches Verfahren sollen R. C h i j a und R. O s ch a j a in Bezug auf die Mischna Rabbis eingeschlagen haben. Warum soll dann aber R. N e ch e m j a gerade diejenigen Halachas gesammelt haben, die R. M eiet verwarf? Woher dieses Princip der Arbeitstheilung? Warum soll denn R. N e ch e m j a sich auf die Stelle beschränkt haben, die Brosamen aufzulesen, die vom Tische R. Meiers absielen? Wir finden nirgend einen Anhaltspunkt für ein solches Abhängigkeitsverhültniß des R.' N e ch e m j a von R. M e i e r. Ebenso erscheint es zweifelhaft, ob die Sammlungen R. C h i j a s und R. O s ch a j a s einen fortlaufenden Commentar zur Mischna Rabbis bildeten. Der Ausdruck FiVZVfS' welcher in Bezug auf diese Sammlungen gebraucht wird, weist darauf hin, daß dieselben weiter angelegt und umfangreicher waren als die Mischna Rabbis, und läßt eher auf einen gewiffen Gegensatz zur letzteren schließen, als darauf, daß sie die Mischna Rabbis genau im Auge behielten und sich derselben eng anschloffen. Wenn daher auch die Tosifta in ihrer heutigen Gestalt die Existenz der Mischna voraussetzt, so beweist dies noch nicht, daß sie in ihren ursprünglichen Bestandtheilen nichts anderes war. als ein Conglomerat von Zusätzen zur Mischna. Selbst wenn R. Chija und R. Oschaja hie und da die Mischna Rabbis im Auge hatten, so folgt noch nicht daraus, daß sie nicht selbstständig ihren eigenen Weg gingen und den Lehrstoff in anderer Weise vortrugen als Rabbi. Schwarz geräth übrigens theilweise mit sich in Widerspruch, wenn er Terumor II Note 25 bemerkt, die Ergänzungen zu den Mifchnajot daselbst seien im dritten Abschnitt des Tractates Sabbat zu suchen, weil diele Mischnajo»