Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 2 (9.1.1891)
- Date
- 1891-01-09
- Page
- Seite 25 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Hesterreichifche Wochenschrift Seite 25 Simon enuncirt das Wahlresultat und übergibt den Vorsitz an den neugewählten Präsidenten, welcher in einer längeren, vielfach vom Beifalle unterbrochenen Ansprache, die Wahl anzunehmen erklärt und sein Programm entwickelt: „Sie haben mir eine sehr große Ehre erwiesen und ich fühle mich dadurch besonders geehrt. Bor mir wirkten an dieser Stelle Männer von hohen Verdiensten, deren vornehmste j und höchste Sorge war, daß, ungleich den Vorgängern in den I großen Genieinden in dem benachbarten Ungarn und des Deutschen Reiches, innerhalb der Wiener israelitischen Cultusgemeinde die Eintracht und die Einheit gewahrt bleibe. Wir sind glücklich über dieses Resultat, weil die Uneinigkeit unter den eigenen Familienmitgliedern ein Anzeichen der Verkümmerung und des Niederganges bildet. Diese Eintracht legt uns Verpflichtungen auf, für die religiösen Bedürfnisse der verschiedenen Parteien mit gleicher Sorgsamkeit Rechnung zu tragen." Der Redner betont, daß der Bau eines neuen Gotteshauses ein unabweisliches Bedürfnis geworden. Ob dieser neue Tempel auf Kosten der Gemeinde oder mit Hilfe der Munificenz wohlthätiger Privatpersonen errichtet werden soll, das ist eine Frage, über welche in gemeinsamer Berathung Beschlüsse gefaßt werden sollen. Der Redner bespricht sodann ausführlich die Modalitäten, die Einkünfte der Gemeinde zu erhöhen, damit sie den vielen neuen Aufgaben und Pflichten, die ihrer harren, gewachsen sein soll. Nach dem Gottesdienste ist das Thorastudium die vornehmste Aufgabe einer jüdischen Cultusgemeinde, das Thvrastudium ist die Basis des Judenthums. Redner erinnert sich mit Stolz der Zeit, da er dem Studium der Thora seine Muße widmete. Es genügt nicht, daß der Cultnsvorstand in einem oder zwei Bezirken eine Bibelschule unterhält; derartige Schulen für den freiwilligen Besuch der jüdischen Jugend müssen in allen Bezirken errichtet werden, damit diejenigen Eltern, welche es als heilige Gewissenssache ansehen, ihren Kindern einen gründlichen hebräischen und Religionsunterricht ertheilen zu lassen, dazu Mittel und Gelegenheit haben. Es gilt auch eine Pflanzstätte für die jüdische Wissenschaft in Wien zu schaffen; der vor Jahren mit dem Bethamidrasch unternommene Versuch entspricht nicht den hohen Aufgaben, welche die Wiener Cultusgemeinde im Interesse des österreichischen Judenthums zu erfüllen hat. Ein großes Institut zur Pflege der jüdischen Wissenschaft muß in Wien erstehen, und wenn man mit Eifer und Energie an die Aufgabe schreitet, so wird es auch an den Mitteln nicht fehlen. Redner bespricht ausführlich die Aufgaben des Cultusvorstandes nach Außen, die Vertheidigung des Judenthums gegen alle feindlichen Angriffe, und schließt mit den Worten des großen deutschen Dichters: „Die Liebe ist Gott auf Erden." Mit der Liebe zum Judenthum und zur Wiener israelitischen Cultusgemeinde und mit dem Enthusiasmus, welcher ein Kind der Liebe ist, wollen wir uns den großen Aufgaben widmen. Er rechnet auf das Entgegenkommen und die Collegialität der Vorstandsmitglieder und hofft auf das Gelingen des Werkes, denn: „Wie man sich vornimmt, so hilft Gott." (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Der Präsident Herr Wilhelm Ritter von Gutmann schreitet sodann zur Wahl der Obmänner der einzelnen Seelionen. Es erscheinen gewählt für die I. Section als Obmann Herr H i l d b u r g h ä u s s e r. als Stellvertreter Herr Architekt Max Fleischer; für die II. Section als Obmann Herr Dr. Gustav Kohn, als Stellvertreter Herr Gemeinderath Dr. Stern; für dieIII. Section als Obmann Herr Gemeinderath Gustav Simon, als Stellvertreter Herr Gemeinderath Ritter von G o l d s ch m i d t; für die IV. Section als Obmann Herr M o r i z Karpeles, als Stellvertreter Herr Hofrath Ritter ö o u Pfeiffer; für das Friedhofcomite wurde als Obmann Herr Gemeinderath und k. u. k Baurath Wilhelm Stiaßny, zum Stellvertreter Herr Gemeinderath Gustav Simon gewählt. Aus der Mitte der Obmänner wird sodann der Bicepräsident der israelitischen Cultusgemeinde gewählt. Die Wahl fiel niit Stimmeneinhelligkeit auf den Gemeinderath Gustav Simon. Derselbe dankt zunächst für seine Wahl zum Obmanne der III. Section. Wohlthätigkeit ist eine der vornehmsten Aufgaben der Cultusgemeinde. Diese heiligen Pflichten zu erfüllen nach bester Ueberzeugung, dies bildet sein stetes Bestreben und er entspricht damit dem eigenen Herzensdrange. Als Bicepräsident der Cultusgemeinde wünscht er nie in die Lage zu kommen, den Mann vertreten zu müssen, welchem man heute die Bürden des Präfidiums übertragen hat, der, indem er ein großangelegtes, hochherziges Programm vor uns aufrollte, gezeigt hat, daß er ein edler Mensch und ein warmfühlender Jude zugleich ist. Möge die Vorsehung seine Gesundheit schützen, die Aufgaben seines Amtes mit jugendlicher Kraft zu erfüllen Sollte Redner berufen sein, einmal in Verhinderung des Vorsitzenden das Präsidium zu führen, so verspricht er mit Objectivität die Verhandlungen zu leiten und die weitestgehende Redefreiheit zu wahren. „Meinen besten Willen bringe, ich Ihnen entgegen." (Lebhafter Beifall.) Nachdem noch sämmtliche neugewählten Obmänner die auf sie gefallene Wahl mit Dank anzunehmen erklärten, schließt der Präsident die öffentliche Sitzung, nachdem der Alterspräsident noch vorher zur Kenntniß gebracht, daß der der kaiserliche Rath und Kammerrath Herr H e i n r i ch K l i n g e r , im Vorstandscollegium zu verbleiben erklärt hat. Die Generalversammlung des israelitische» Tempelvereins für Mariahilf «. Uenda«, Dienstag den 30. December, Abends 7 Uhr, fand im Hotel zum Englischen Hof, Mariahilferstraße 81, die siebzehnte ordentliche Generalversammlung des israelitischen Tempelvereines Mariahilf und Neubau unter Vorsitz des Präsidenten Architekten Max Fleischer statt. Vom israelitischen Cultusvorstand waren anwesend die Vorstandsmitglieder S alo Cohn und M. Karpeles. welche Gelegenheit hatten wahrzunehmen, wie dieser Verein nach jeder Richtung stetige Fortschritte macht, seine Finanzen consolidirt, seine Einnahmen vermehrt durch eine besondere Opferwilligkeit der Mitglieder, seine Ausgaben verringert durch stete Schuldentilgung und dabei Cultuseinrichtungen unterhält, welche für viele Gemeinden mustergiltig geworden sind. Stolz auf seinen herrlichen Tempel, welcher eine Zierde der Residenz bildet, auf seinen Gottesdienst, der eine Anziehungskraft geworden ist, dürfen die Männer, welche diesen Verein mit Zähigkeit und Ausdauer von den kleinsten Anfängen bis zu dieser Höhe emporgetragen haben, mit voller Befriedigung auf das Resultat ihrer Wirksamkeit blicken. Der Vorsitzende eröffnete die Versammlung um V*8 Uhr. begrüßte die Cultusvorsteher und die Ehrengäste und nahm das Wort, um in der Form eines Rechenschaftsberichtes über die Vereinsthätigkeit im abgelanfenen Jahre Mittheilungen zu machen. Er widmete zunächst dem Angedenken des jüngstverstorben.m Cultusvorstehers Herrn Michael Biach, welcher als eifriger Gönner und Förderer des Tempelvereines sich stets erwies, dem unvergeßlichen im letzten Jahre Heimgegangenen Sangmeisters Zions, Professor Salomon Sülzer, dessen Verdienste um die künstlerische Ausgestaltung des jüdischen Cultus der Redner in schwungvollen Worten feiert, sowie endlich dem verstorbenen Vereinsmitglied Herrn Aron Jsac B a r b e r, der stets mit Wärme dem Vereine anhing, ehrende Nachrufe. Die Versammlung ehrte das Andenken dieser Männer durch Erheben von den Sitzen. Die Zahl der diesjährigen Vereinsmitglieder beträgt 245, und zwar 2 mit einem jährlichen Beitrag von je