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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-01-09 · 2 (9.1.1891) · p. Seite 22

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
2 (9.1.1891)
Date
1891-01-09
Page
Seite 22 (sequence 4)
Language
German
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Sette 22 Hesteneichische Kochenschrift Nr. 2 ein Schritt gedeutet werden, für den besondere Gründe maßgebend gewesen, und aus der allgemeine Schlüsse sich nicht ziehen ließen. Die sehr schnell darauf erfolgte Beförderung des Landgerichtsraths M o s s e zum Oberlandesgerichtsrath in Königsberg aber schließt einen Zufall aus. Beide Beförderungen zusammen betrachtet thun leicht erkennbar dar, daß mit der Ausschließung der Juden aus der höheren Richtercarriere gebrochen worden ist. Die Schranken, welche sich ihnen in den Weg stellten, sind um eine wesentliche vermindert worden. Nachdem Stöcker entlassen worden, ging es allgemein an ein Deuten seiner Verbannung aus dem Dome. Nicht gering war die Zahl derjenigen in allen Lagern, welche als Hauptursache seines Falles, sein Verhalten auf der Generalsynode und sein Frondiren gegen die Krone betrachteten. Man nahm ganz allgemein an, daß er nach wie vor Hofprediger sein würde, wenn er sich in der Frage der Berufung, des Vorschlagsrechts und der Bestätigung der theologischen Professoren an der Universität nicht zu weit vorgewagt hätte. Jedenfalls waren die Antisemiten davon überzeugt, denn mit Stöckers Ausscheiden aus dem Amte nahm ihre Agitation einen neuen Anlauf. Nicht allein, daß sie ihrem Führer Ovationen bereiteten, die in einigen Reden eine sehr deutliche Spitze gegen die allerhöchste Stelle hervorkehrten, sie veranstalteten auch wieder häufiger antisemitische Versammlungen, und in ihnen gab es, wenn das noch möglich war, eine Steigerung des zügellosen Hasses. Die Ernennung von zwei Juden zu Oberlandesgerichtsräthen, die in ihrem Range mit Landgerichtsdirectoren gleich stehen, muß wie eine Bombe in ihr Lager hineingeplatzt sein. Wie hoch einige von ihnen auch gesellschaftlich stehen, ihre völlige Ohnmacht muß ihnen zum Bewußtsein gekommen sein. Jetzt erst sind die vollen Consequenzen der Entfernung Stöckers gezogen. Der Lauf der menschlichen Entwicklung sollte zurückgeschraubt werden, und sie müssen es erleben, daß während ihrer wüsten Agitation in der Frage der Gleichberechtigung aller Staatsbürger ein bedeutsamer Schritt vorwärts gethan worden ist. Wenn sie überhaupt uoch einen Sinn haben sollen, so muß das Thema der Antisemitenresolutionen jetzt verändert werden. Nicht mehr um Aufhebung der Emancipation und der jetzigen Zustände dürfen sie bitten. Sie müssen schon zufrieden sein, wenn es beim jetzigen Zustande verbleibt. Und auch nach Rußland hin mögen diese Ernennungen und die veränderte Haltung der Regierung die Bedeutung einer Meinungsäußerung gegenüber den dort beabsichtigten Judenverfolgungen sein. Jedes Land gibt seine Anschauungen aus die ihm gewohnte Weise zu erkennen. In England sind in Volksversammlungen Beschlüsse gefaßt worden, die dem Zaren überbracht werden sollen; in Washington hat das Repräsentantenhaus Anlaß genommen, einen Beschluß in demselben Sinne zur Debatte zu stellen. In Deutschland würde es angesichts des eigenen rühmlosen Verhaltens eines Theiles des Volkes und bei der Anwesenheit eines halben Dutzend Antisemiten im Reichstag nicht möglich sein, ähnliches zu thun, ohne sich von Rußland eine sehr pointirte Antwort zu holen. Aber den Schritt u n s e r e r R e gier u n g w i r d die dortige Regierung sehr wohl verstehen und daraus lesen, daß das Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. vonder Barbarei weder dort noch hier mehr etwas wissen will. Doch ob die neue Aera ihre Spitze nun hauptsächlich gegen die Unduldsamkeit im eigenen Lande oder beim Nachbarn richtet, Deutschland hat alle Veranlassung, sich darüber zu freuen, daß von seinem Ansehen wieder ein Fleck weggewaschen wird, der es im Auslande verunschönte. Der Druck, der anderhalb Jahrzehnte auf unserm guten Namen gelastet, Vorkämpfer mittelalterlicher Bestrebungen gewesen zn sein, fängt an zu weichen. ___ Die FiNscherliattde. Der religiöse Judenhaß des Mittelalters erzeugte Wahngebilde, unter denen die Juden unsäglich litten; aber die Leute, in deren Köpfen diese Wahngebilde entstanden und die sie weiter verbreiteten, glaubten wenigstens selbst daran. Allerdings war es Aberglaube, doch verleiht die Religion auch in der häßlichsten Entartung noch eine gewisse sittliche Kraft. Allein der heutige Antisemitismus erzeugt bewußte Lügen über Juden und Judenthum, und die sie weiter erzählen, wissen ebenfalls ganz gut, daß es nur Lügen sind, und damit machen sie die Lüge zur Herrscherin im Umgänge und Verkehre, daß die Führer, obwohl bekannt als die elendsten Schufte, es doch nicht scheuen, im Namen der Religion und der Moral zu sprechen und zu schreiben, wenn sie dabei auch wie die römischen Auguren lachen. Das Volk aber findet daran gar nichts sonderliches, wenn es diese Phrasen von Religion und Moral hört und liest, obwohl es seine Führer genau kennt, nur daß es dabei lacht und mit Befriedigung sich sagt: „Sind das aber „verfluchte Kerle!" Ist es da ein Wunder, wenn Glaube und Sitte schwinden und Staat und Gesellschaft auf einer schiefen Ebene schreiten? Was klagt und schreit Ihr Frommen! Haben doch Eure Verbündeten, die Antisemiten, diese Welt zur Lügenwelt gemacht, und Ihr lasset von den schuftigen Subjecten die Fahne der Religion und Moral tragen, ohne ihnen zuzurufen: Ihr Lumpen, hinweg! Ihr entweiht ja diese Heiligthümer! Da bringt das Blatt des mit allen Attributen officiell Gebrandmarkten in seiner Sonntagsnummer einen Artikel mit der Ueberschrift: „Die Berechtigung des Antisemitismus", worin im Namen der Moral und Religion gegen die „jüdische Presse" gedonnert wird. Müssen Moral und Religion nicht bei Nennung ihrer Namen in den Spalten dieses Blattes erröthen! Erst wenige Tage vorher, zur Feier des Weihnachtsabends, beging Ernst V e r g a n i das Bubenstück, ein längst von amtswegen als Falsificat stigmatisirtes Schriftstück, in welchem das Andenken eines verdienstvollen österreichischen Staatsmannes verunglimpft wird, nur um den Baron Hirsch zu verdächtigen, als echt zu reproduciren und mußte sich hierauf selbst in einer Berichtigung von der Staatsanwaltschaft über Aufforderung des k. k. Ministeriums des Aeußern, als tendenziöser Fälscher bezeichnen und von seinem eigenen Gesinnungsverwandten, dem „Vaterland" eine Verurtheilung gefallen lassen. Und mit diesem auf der Stirne gezeichneten Gesichte, wagt es ein V e r g a n i im Namen der Moral und Religion ein Verdict über die „jüdische Presse" zu fällen. Allerdings, bei Vergani ist dieser Hohn auf Moral und Sitte am deutlichsten ausgesprochen; aber er ist doch nur ein Mitglied einer von den Antisemiten organisirten internationalen Fälscherbande, zu der auch das „Vaterland" gehört, die das Fälschen im großen Style betreibt, von deren bekannten Arbeiten wir nur folgende hervorheben: Eine Synode von Rabbis in Krakau im Jahre 1840, auf welcher Moses Montefiore die Anregung gegeben haben solle, daß die Judenherrschast nur durch die Presse zu erlangen sei; eine Rede Cr^mieux' bei Eröffnung der Alliance israelite universelle im Jahre 1872, worin er am Schluffe gesagt haben solle: „Die Reichthümer der Völker gehören uns"; eine Broschüre, welche im In- und Auslande unter den Juden circuliren und den Titel führen solle: „Wie gewinnt Israel die Macht und die Herrschaft über alle Völker der Erde, die ihm gebührt;" eine unter den Juden Galiziens und Ungarns circuliren sollende schriftliche Belehrung der Allianzen Israelite, wie der Grundbesitz in die Hände der Juden zu bringen sei; und noch viele andere Falsificate, abgesehen von den Erfindungen und Erdichtungen falscher Talmudcitate. Die Fälschungen werden von dieser Bande handwerksmäßig fabricirt, wie von jeder

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