Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 1 (2.1.1891)
- Date
- 1891-01-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Hesterreichifche Wochenschrift Nr. 1 geschah Es mag der Gedanke den Schöpf.ern der gegenwärtigen Schule vorgeschwebt haben, mit der Vogel-Strauß- Politik werde bei der kommenden Genergtion der Judenhaß aus der Welt geschafft sein, wenn die Jugend nämlich in der Schule das Wort Jude nicht hört, müsse die alte Spannung gegen Juden aufhören. Daß diese aber zu Hause wachgehalten wird und die Kinder in derselben großgezogen werden, ohne nur zu ahnen, daß es nicht so sein soll, ohne Gewiffensscrupel, wenn die Spannung zur Verfolgungssucht wird, weil sie in der Schule — wo ihnen doch sonst Alles gelehrt wird — nichts davon erfahren haben, das begriffen die Politiker der Neuschule nicht So konnte die aus dieser Schule hervorgegangene Generation antisemitisch werden, jo konnten auch die Lehrer dieser Schule Antisemiten sein, denn es zwang sie kein Lesestück dazu, Liebe zu Juden zu heucheln. Aus dieser Unterlassungssünde der Neuschule ist naturgemäß wieder eine reactionäre Strömung in der Schule selbst entstanden, wie nach der Kabbala aus der Selbstschwächung Dämonen entstehen. Weil in den bisherigen Lesebüchern des Juden nicht zum Guten erwähnt wurde, sind nun Lesebücher entstanden, die des Juden zum Hasse erwähnen. Schwärmen doch die Lehrer, die Autoren solcher Lesebücher, obenauf in der antisemitischen Zeitströmung! So enthält das jetzt im Gebrauche stehende deutsche Lesebuch für österreichische Gymnasien, herausgegeben von Dr. Karl Ferd. Kummer, k. k. Landesschulinspector, und Dr. Karl Stejskal, k. k. Professor, I. Band, Auflage 1886, das Rückertsche Gedicht „Vom Bäumchen, das andere Blätter gewollt," in dem ursprünglichen Text mit dem Verse: „Aber wie es Abend ward, ging der Jude durch den Wald rc. rc. Selbst in den Lesebüchern der C o n c o r d a t s s ch u l e, in welchen dieses Gedicht ebenfalls Aufnahme gestruden hatte, wurde das Wort Jude in Mettler umgeändert, und in der heutigen interconfessionellen Schule im dritten Decennium des Heils der Staatsgrundgesetze ist es wieder in Jude umgewandelt worden. Allerdings war Rückert trotz der Anwendung des Wortes Jude in diesem seinem Gedichte ein Judenfreund; aber Rückert verband mit dem Begriffe Jude daspersouificirte Elend, das indengoldenenBlättern des Baumes seine Erlösung fand, unsere antisemitische Zeit verbindet jedoch damit den Typus der Geldgier und Raubsucht, und als solcher soll der Jude in diesem Gedichte hingestellt werden. Und nicht genug an dem. Wie man uns aus einer Provinzstadt schreibt, müssen die jüdischen Kinder des dortigen Gymnasiums dieses Gedicht in dieser Form d e c l a m i r e n. Kann der Hohn gegen das Judenthum weiter getrieben werden? War das Mittelalter darin erfinderischer? Die Compagnie eines k. k. Landesschulrathes und eines k. k. Professors lagert ihren Judenhaß in einem Buche ab, das Buch wird als Schulbuch approbirt, und wenn le sultan s'amuse, müssen die jüdischen Kinder zum Gaudium des Lehrers daraus gerade das Judenhaß athmende Lesestück declamiren. R«Nlsche Jude« in London. Die hervorragenden Juden Englands sind mit lobeuswerthem Eifer bemüht, das Los ihrer unglücklichen Stammesgenossen in Rußland zu verbessern. Das englisch-jüdische Comite hat eine Broschüre Herstellen lassen, in welcher nicht nur die gegenwärtig in Rußland in Krast stehenden Gesetze gegen die Juden auf Grund amtlicher Actenstücke zusammengestellt sind, sondern auch an einzelnen Beispielen nachgewiesen wird, wie diese Gesetze ausgeführt werden. Zahlreiche aus Rußland ausgewiesene und nach London gekommene Juden werden von dem Jewish Board of Guardians vernommen und dort kann man erfahren, in welcher Weise die russischen Behörden die barbarischen Gesetze ausstihren. Die „Times" schildert eine solche, zwei Stunden dauernde Sitzung des Jewish Board iit London folgendermaßen: Die erste vorgerusene Person war ein Landarzt, welcher seine Geschichte in gebrochenem Französisch erzählte. Er war in Kowno, als innerhalb des den Juden in Rußland zugewiesenen Rayons geboren. Er hatte in Königsberg studirt, und auch dort das Examen gemacht. Als der russisch-türkische Krieg ausbrach, kehrte er nach Rußland zurück, und da er in dem Glauben bestärkt wurde, daß an Aerzten Mangel sein werde, machte er auch in Rußland das Examen, allein als der Krieg zu Ende war, wurde ihm mitgetheilt, daß er nur unter der Bedingung, daß er Christ würde, als Militärarzt zugelassen werden könne, als Jude könne er nicht angenommen werden, und der Chef des Medicinaldepartements in Petersburg beredete ihn zum Uebertritt. Er lehnte jedoch ab. „Wenn ich und Sie ewig leben würden, könnte die Sache anders sein. Aber Sie können morgen sterben, ehe Sie mir den versprochenen Platz geben, und ich mag vorher sterben, ehe ich ihn erhalte. Es ist am besten, an Gott zu denken." Er wurde aus Petersburg ausgewiesen, durfte dann einige Zeit auf Grund einer Erlaubniß der Behörden in Moskau prakttciren, wurde schließlich aber auch dort als Jude ausgewiesen. Er zog nun von Stadt zu Stadt und prakticirte in jeder einige Monate lang, bis ihn überall dasselbe Schicksal ttaf. Er wanderte aus und kam nach Frankfurt, erhielt dort aber keine Erlaubniß zur Praxis, weil er russischer Unterthan und fremder Jude war. So gelangte er nach London — ein Mann mittleren Alters, ohne Verbindungen und ohne Mittel. Diesem folgten andere gleichen Alters. Insbesondere die Schulmeister haben durch die schärfere Anwendung der Gesetze viel zu leiden. Der eine hatte in einer Staatsschule in Odessa 12 Jahre lang gelehrt, und nachdem 1884 der Befehl ergangen war, daß kein Jude in Staatsschulen lehren dürfe, behielt er noch vier Jahre durch Gunst seinen Platz; allein im vorigen Jahre besuchte der Unterrichtsminister Odessa, und die Folge war, daß der harmlose Lehrer seine Stelle verlor, obgleich in der Schule 180 jüdische neben nur 12 christlichen Kindern waren. Ein jüdischer Lehrer darf auch keine Privatstunden Christen geben, und obgleich er Freunde und Verbindungen unter den Christen hatte, wagten letztere nicht, ihn zu beschäftigen. Die ihm bekannten Juden aber waren zu arm, und so wanderte er nach Deutschland aus, wurde dort aber als russischer Jude ausgewiesen. 120 Lehrer sollen unter ähnlichen Verhältnissen Odessa verlassen haben; mit 15 derselben ist er persönlich bekannt. Ein rumänisch-beßarabischer Lehrer hatte in Czenstochau 9 Jahre lang in einer Gemeindeschule gelehrt — dann wurde er 1888 als stemder Jude ausgewiesen und erhielt nur, weil er gute Zeugnisse hatte, einen Aufschub auf acht Wochen. — Diese ruhig und geschäftsmäßig vorgebrachten Erzählungen, in denen auch viel von der Noth der Frauen und Kinder die Rede war, machten einen tiefen Eindruck, wie einer nach dem andern sich vorstellte, aber die Zahl der Hilfesuchenden verminderte sich kaum. Die Einen kamen, um die Anderen, um Rath zu erbitten. Unter den letzteren befand sich ein Student der Medicin, welcher um Bücher bat. Er war aus Petersburg ausgewiesen worden, weil er sich als Handwerker hatte eintragen lassen und seine Studien zu vollenden suchte, statt als Handwerker zu arbeiten. Alle bedeutenden höheren Schulen sind in Petersburg, und gerade dort dürfen die nicht privilegirten Juden sich nur als Handwerker oder Diener niederlassen. Ein Pantoffelmacher, ein wirklicher Handwerker, bittet um Hilfe. Er hat in Riga gelebt, ist aber ausgewiesen worden, weil der Gildenmeister plötzlich entdeckte, daß seine Arbeit unbestiedigend war. Der Gildenmeister ist natürlich ein Christ und Concurrent. Ein Metzger aus Jekaterinoslaw hat 17 Jahre sein Handwerk ausgeübt, allein die Erhöhung der Steuer auf koscher geschlachtetes Fleisch hat ihn ruinirt. Bor acht Jahren hatte der Ort, in welchem er lebte, dafür