Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 1 (2.1.1891)
- Date
- 1891-01-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Hesterreichifche Wochenschrift Leite 5 Räume der Schule betreten, muß ihnen der Spruch des alten römischen Dichters entgegenleuchten: Ein Mensch bin ich und nichts Menschliches ist mir fremd. Ja es ist etwas Schönes um die Menschlichkeit, nur muß man sie auch üben. Wenn aber der Lehrer der Geschichte in breitspuriger Weise den Unterschied zwischen Arierthum mid Semitenthum auseinandersetzt, denselben in ein sogenanntes wissenschaftliches Gewand kleidet, dafür aber nicht einen einzigen wahrhaft wissenschaftlichen Beleg anführen kann, es sei denn, daß er die antisemitischen Zeitschriften als Quelle seiner Belehrung anführt, so wird naturgemäß das Vorurtheil, das nun einmal gegen diejüdischen Schüler bei ihren christlichen Mitschülern sich herausgebildet hat, nicht verschwinden, im Gegentheil, es wird seine höhere Sanction erhalten und sich verfestigen. Was könnten die Lehrer thun und was thun sie wirklich! In ihre Hand ist der bildsame Geist, das jugendliche Gemüth zur Bildung, zur Belehrung, zur Erhebung und Erbauung gegeben, auf ihr Wort lauscht das jugendliche Ohr. ist es nicht ein Frevel, wenn sie ihren Einfluß und ihre Autorität mißbrauchen? Hämische, spöttelnde Bemerkungen über Juden und Judenthum, über jüdische Namen, über Personen unserer heiligen Geschichte, welche doch auch dem Christen heilig sein muß. werden wahrhaftig nicht im Stande sein den Frieden zu erzeugen, dessen die Menschheit bedarf, um sich ihrer großen Aufgaben bewußt zu werden*). Was soll's mit dem ewigen Hinweise darauf, die eine Religion lehre die Liebe, die andere den Haß, die eine die Absonderung, die andere die Menschlichkeit. Abgesehen davon, daß wir dies doch alles leicht widerlegen können, kommt es doch in religiösen Dingen wahrlich nicht darauf an. was gelehrt, sondern was geübt, nicht was mit schönen salbungsreichen Worten verkündet, sondern was in die That um» gesetzt wird — Doch wir wollen auch ein wenig den Ursachen nachspüren, welche gerade im Lehrerstande jene feindselige Stimmung gegen einen Theil der Schülerschaft erzeugen und dann sehen, welchen nachtheiligen Einfluß diese Gesinnung auf die jüdischen Schüler ausübt. Es ist wohl keine Frage, daß die antisemitische Strömung in der Lehrerschaft auf sociale Gründe zurückgeht, daß auch hier die große Magenfrage, genannt sociale Frage, mitspielt. Unsere Lehrer sind schlecht bezahlt. Viel wird heute von dem Lehrer verlangt, seine wissenschaftliche Ausbildung, seine pädagogische Tüchtigkeit soll eine große sein, und wie lange muß er auf eine feste Anstellung warten, wie lange muß er, und das ist nicht ganz bildlich gesprochen, am Hungertuche nagen? Und wenn er dann das Ziel seiner Sehnsucht, das Definitivum erlangt hat, entspricht die Bezahlung auch den verschiedenartigen heißen Mühen, welche er aufgewendet hat, es zu erreichen? Verbitterung tritt an die Stelle der Unterrichtsfteudigkeit, Mißmuth an die Stelle mannesfrohen Strebens; der Lehrer ist mit seinen einstigen Idealen ganz zerfallen und es ist wahrlich viel verlangt, wenn er, der meist an körperlicher Schwäche und an einer zahlreichen Familie zu leiden hat, ohne die materiellen Mittel zu besitzen, diesen beiden Nebeln zu steuern, noch die Frische und Freude am Unterrichte sich wahren soll. Und nun kommt der Lehrer in die Schule, nervös und aufgeregt, ein etwas lebhafterer Schüler, der sich nicht ganz nach der Schuldisciplin benimmt, fällt ihm auf. ein anderer macht vielleicht eine unpassende, vorlaute Bemerkung, und beide sind zufälliger Weise Juden, und nun beginnt von Seite des Lehrers jene Uebertragung der Eigenschaften eines Einzelnen auf die Gesammtheit, welche leider uns Juden soviel schon geschadet hat. Das Vorurtheil, ja das Mißtrauen gegen uns besteht ohnehin in der Wurzel und wächst sich so zum stämmigen Baume aus. Es mag wahr sein, daß *) Wir sind der Ansicht, daß derlei Vorgänge unbedingt der Vorgesetzten Schulbehörde anzuzeigen sind, und der jüdische Religionslehrcr vernachlässigt seine Pflicht, wenn er das verabsäumt. Anmerkung der Redaction. besonders in großen Städten die Jugend und besonders die wohlhabenderer Stände übermüthig ist. aber findet sich nicht auch bei unseren andersgläubigen Mitbürgern übermüthige Jugend! »Freilich in der Anfregnng vergessen dies die Herren Lehrer, und wir möchten doch wissen, ob in Schulen, in welchen keine Juden oder nur wenige sich befinden, — nnd.es gibt doch auch solche — die Lehrer nicht gegen den Uebermuth und die Ausgelassenheit nnd verschiedene andere Unsitten der Jugend anzukämpfen haben. Aber da kommt der Lehrer erhitzt von der Lectüre antisemitischer Weisheit in die Schule, sieht in jedem jüdischen Schüler einen jugendlichen Repräsentanten des capitalistischen Uebermuths, sich selbst kann er den Besitz des alles vernichtenden Capitals nicht zuschreiben und nun wird zum höheren Gaudium der christlichen Schüler gegen die Juden losgezogen und der Genius der wahren Humanitas verhüllt darob wehmüthig sein Haupt. Nnd dann, wie wirkt die Kundgebung solchen Sinnes auf die jüdischen Schüler? Hier haben wir die Quelle zu suchen für die religiöse Indolenz, für den erschreckenden Jndifferentismus unserer Jugend in religiösen Dingen. Was kann der Jugend eine Religion sein, die ihr nichts als Schmach und Verachtung bringt? Schildert mit noch so herrlichen und glänzenden Farben unserer Jugend die Größe ihres Glaubens, die Erhabenheit ihrer Geschichte, die Bedeutung ihrer Männer, ihrer Helden nnd Propheten, die Unerreichbarkeit ihres heiligen Schriftthums. die Jugend wendet sich von diesen abftracten Ansführungen der concreten Gegenwart zu. nichts als Miftre sieht sie da, nichts als zerfressende Anfeindung; täglich wird ihr religiöses Gefühl in den verschiedensten Arten verletzt, kann es uns wundern, wenn der leicht bewegliche Jüngling ohne feste Grundsätze am Ende das glaubt, was er in den mannigfachsten Tonarten täglich, ja stündlich zu hören bekommt! Welche unüberbrückbare Gegensätze werden in ihm erzeugt! In der Schule wird ihm fortwährend zu Gemüthe geführt, daß er doch eigentlich ein Jude, also ein Mensch niedrigeren Ranges sei, zu Hause wird oft mit Absicht jede Spur verwischt, welche ihn vielleicht daran erinnern könnte, daß er ein Jude ist. Der Antisemitismus wird verschwinden wie alle Pestilenzen der Zeit, aber der ungeheure Schaden, den er in unsere'' Jugend anrichtet, wird leider bleiben. Die Schule soll Charaktere heranbilden, Männer mit festen Grundsätzen: nun fraget euch Jugendbildner. ob ihr dieser Aufgabe gereckt werdet, wenn ihr das religiöse Gefühl eines Theiles der Jugend täglich verletzet, jenen heiligen Boden nntergrabet. auf dem sich allein das hohe Gebäude der Charakterfestigkeit erheben soll nnd muß. Religiös-sittlich soll die Jugend erzogen werden, so sagt das Gesetz; es ist aber das größte Verbrechen gegen Religion, gegen die Sittlichkeit, dessen sich der Antisemitismus schuldig macht, welcher schon in der Schule die jungen Pflänzchen vernichtet, um mich der talmndiscken Redensart zu bedienen. Ohne Voreingenommenheit, vom Standpunkte der Wahrheit und der Pädagogik haben wir ein wenig, wie wir hoffen, zur Beleuchtung dieser traurigen Thatsache beigetragen und möchten mit unseren Ausführungen denjenigen, die es angeht, zurufen: 6aveant. ne schola detrimenti capiat. Paedagogus. Die Schulbücher «ud der Antisemitismus. Es ist eine nicht mehr wegzuleugnende Thatsache, daß leider die Schule in Oesterreich der Nährboden des Antisemitismus geworden, gleichsam das Brot durch Mutterkorn vergiftet ist Das Lesebuch ist die Welt der Kinder. Nun findet sich in den österreichischen Volksschullesebüchern kein einziges Lesestück, welches die Liebe zu Juden als Menschen anregen würde, um den von Hause aus mitgebrachten Judenhaß der Kinder zu paralysiren, wie es in den Lesebüchern der philan-; thropiichen Schulära von Campe, Diesterweg, Coelsson u. A.