Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1896)
- Date
- 1896-10-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir Juden sind im Golus,*) und w/bil wir sind im Golus, haben wir nicht nötig, in den grausigen Krieg zu ziehen, Menschen, die uns nichts zu leide gethan, zu erschlossen und zu erschlagen, und uns zerschi essen/und erschlagen zu lassen. Mag unser Herrgott den Sieg geben wen er will, wir Juden bleiben im Golus, wir werdtp beschimpft und bedrückt und. müssen mühsam sehen, wie wir «lurchkommen. Was geht uns also der Streit zwischen den Herren dieser Welt an, denen wir dienstbar bleiben,/iver es auch sei.a / ״Lieber Vater, die Zeiten haben sich geändert?• warum hast Du mich in die Stadt geschickt, hast mich lehren lassen, was weder Du, noch Dein Vater, noch Dein Gross־־ vater gelernt? Weil Du in Deiner Klugheit ein gesehen, dass «vine andere Zeit gekommen. Wir sind nicht mehr im Go- Ins, wir sind keine Knechte mehr, wir sind Bürger, und was wir noch nicht sind, müssen wir werden; Wir gehören dem Lande an, wo unsre Wiege gestünden, und wo die *) Verbannung. Gräber unserer Väter stehen Darum ist seine Schmach auch die imsrige, sein Joch auch das unsrige, und die Söhne der Juden müssen ein treten mit ihrem. Gut und Blut für seine Ehre und Freiheit, wie die Söhne der Christen.u י ״ יNun, Daniel, wer hat uns denn zu Bürgern gemacht? Nicht die Franzosen, gegen die Du in den Krieg ziehen willst? Glaube Deinem Vater, der die ■alten. Zeiten noch gesehen: wären die Franzosen nicht gekommen-, wir wären immer noch die verfolgten und verhöhnten Knechte, die wir waren, wir müssten immer noch den Leibzoll zahlen an den Thoren der Städte, müssten immer noch betteln um ein Fleckchen Erde und einen Mund voll Luft. Und meinst Du, dass, wenn die Franzosen fort sind, es nicht wieder werden wird wie ehemals? Hast Du es nicht aus dem Munde des boshaften jungen Grafen deutlich genug gehört? O, ich woiss es, wenn es ihnen gelingen sollte, die Franzosen über den Rhein zurückzu werfen, dann', ■werden .;die Fürsten und Herren alles wieder in den alten Stand bringen wollen, und wenn sie das erst angefangen, werden sie kein Ende wissen; und was sie mit dem Bürger und Bauer nicht fertig kriegen, das machen sie mit uns Juden um so ärger, denn da helfen die Bürger und Bauern dabei. Um was also, frage ich Dich, sollen wir unser Blut vergiessen, nur um gegen uns selbst zu wüten?^ ״Nein, Vater, und abermals nein! Dein Wort in Ehren, aber wie es gewesen, kann es nicht wieder werden! Die Welt ist anders geworden, und die Menschen begreifen, dass nicht einer frei sein kann, während der andere geknechtet wird. Die Fürsten haben ihr heiliges . Wort gegeben, dass alle Kinder des Landes gleiche RechM gemessen, sollen, und hie werden und dürfen es nicht brachen; Ich gebe Dir zu, dass man so manches wieder uns Juden zu