Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1897)
- Date
- 1897-12-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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und anerkenne auch keinen Menschen — auch nicht einen einzigen, der grössere Ansprüche auf bürgerliche und staatsbürgerliche Rechte stellen dürfte, als ich selbst. Wir alle sind hier an unseim Platze vermöge einer höheren Macht und sind alle mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten ausgestattet: ״Dem Herrn ist die Erde und was sie füllet, Welt und Bewohner darin.“ (Ps. 24. 1.) Memel, am ersten Tage des Weihefestes 20. Dezember 5658/1897. Dr. Rülf, Rabb. Hat der Zionismus eine Existenzberechtigung? Nein! Er ist für das Judentum und die Judenheit gerade so gefährlich, wie es die Abenteuer Bar Kochbas Sabbathai Zewis und Franks waren — arme, leidende Glaubensgenossen in aussichtslose Zukunftspläne verstrickend, den Judenhetzern eine Augenweide und Schadenfreude, unsern besonnenen Mitbürgern zur Verwunderung, uns Deutschen jüdischen Bekenntnisses ein Hemmschuh und Hindernis in jeglicher Beziehung. Man braucht nur die an der Spitze der Bewegung stehenden Persönlichkeiten in ihrer Gegensätzlichkeit in Betracht zu ziehen, um sich über deren Erfolglosigkeit ein Urteil zu bilden. Hier auf dem vorgeschrittensten Standpunkt des Schopenhauerschen Pessimismus oder der Nitzeschen Herren- und Herdenmoral stehende Schriftsteiler, dort orthodoxe Rabbiner! Und Palästina? Wird der Sultan, werden die christlichen Mächte es den Juden je überlassen? Und in welcher Staatsform? Was soll dort in Geltung kommen? Wirklich mosaisches Judentum? Mit Richtern? Königen? Mit talmudischer Rechtspflege? Auch mit den ans Land gebundenen? — deshalb längst beseitigten Vorschriften? Fürwahr, die gleissende Phantasie eines Dichters wie Jehuda Halevi konnte sich vor Jahrhunderten eine solche Wiedererstehung ausmalen — für unsere Zeit gehört schon eine Don Quichotte-Natur dazu. Von diesem Gesichtspunkte aus muss ich als Deutscher jüdischen Bekenntnisses das für Deutsche jüdischen Bekenntnisses sämtliche fünf Baseler Programmpunkte — nach dem Satze principiis obsta — verneinend beantworten. Der Zionismus hat keine Existenzberechtigung, auch nach den verdünnten, wie Fühlhörner herausgestreckten Programmpunkten. Wir Deutschen würden uns selbst aufgeben, wenn wir ein jüdisches Nationalitätsprinzip anerkennen. Die zionistische Bewegung würde uns um mindestens ein Jahrhundert — geistig noch um 700 — zurückwerfen, sie giebt dem Antisemitismus die erwünschte Nahrung und ist politisch, religiös, sozial undurchführbar. Dresden, 18. Dezember 1897. R. A. Emil Lehmann. Sehr geehrte Herren! Im Besitz Ihres Circulars vom 9. c. erlaube ich mir, Ihnen in Beantwortung der gestellten 5 Fragen anbei ein Gutachten zu überreichen, welches mir ein vor ca. Jahresfrist leider verstorbener Freund, Sir Edmund Hornby, im Jahre 1891 bei einem Besuche in England behändigte.*) In diesem Gutachten wird vor einer Ansiedlung in Palästina im grossen Maasstabe gewarnt. Die erwähnten Schwierigkeiten, auf welche auch bereits von anderen Seiten aufmerksam gemacht ist, veranlassen auch mich, Bedenken gegen grössere (Kolonisationen in Palästina zu hegen, ohne jedoch einer allmählichen (Kolonisation in den letzten zehn Jahren abhold zu sein. Das beiliegende Gutachten dürfte schon deshalb einen grossen Wert haben, da der Verfasser desselben längere Jahre hindurch hervorragende Stellungen im Orient bekleidete, die dortigen Verhältnisse genau kannte und ein äusserst begabter Herr mit hervorragender Menschenkenntnis war. Nebenbei bemerkt, war Sir Edmund Hornby ein äusserst liberaler Mann und grosser Menschenfreund, sowie von aufrichtigem Mitleid gegenüber den hart betroffenen russischen Glaubensgenossen beseelt. Wir deut¬ *) Wir behalten uns vor, dieses sehr ausführlich gehaltene Schriftstück spater zum Abdruck zu bringen. Die Red. sehen Juden haben die Pflicht uns der in andern Ländern lebenden, bedürftigen Glaubensgenossen anzunehmen und für deren Schutz und Wohl das Möglichste zu thun, ähnlieh, wie es z. B. die Protestanten durch Gründung der Gustav-Adolph-Vereine, und die Katholiken in den verschiedenen Ländern bereits gethan haben. Welchen Einfluss die zionistische Bewegung auf den Antisemitismus haben wird, vermag ich nicht zu beurteilen. Bei der verhältnismässig geringen Anzahl in Deutschland lebender Glaubensgenossen - halte ich eine spezielle Hervorhebung des jüdischen Nationalitätsprinzips aus verschiedenen Gründen nicht für ratsam. Ich glaube sogar, dass sich durch eine solche Hervorhebung die Antisemiten noch mehr berechtigt fühlen werden, uns Juden als Fremde zu bezeichnen. Eine Fortsetzung der (Kolonisation in Palästina, wie sie in der letzten Decade stattgefunden hat, ist wohl aus verschiedenen Gründen wünschenswert, namentlich wenn mit den von Herrn Baron Rothschild und anderen Philauthropen gespendeten Mitteln haushälterisch ge wirtschaftet wird und durch Aufforstung, Trockenlegung, Bewässerang etc. rationell vorgegangen wird, ist das Land zu seiner früheren Fruchtbarkeit zurückzuführen. Manche Glaubensgenossen werden hier im Lande der Väter lieber die schweren Arbeiten verrichten, als in anderen Ländern. An eine Gründung eines Judenstaats in Palästina darf aber vorläufig nicht gedacht werden. Will man die augenblicklich in den meisten Ländern bedrohte Zukunft unserer Glaubensgenossen günstiger gestalten, so muss man einen grossen Prozentsatz der deutsehen, österreichischen, rumänischen und russischen Juden in möglichst frühem Alter für Bodencultur erziehen und es den so ausgebildeten Jünglingen ermöglichen, falls sie in ihren Heimatsländern kein menschenwürdiges Dasein als Staatsbürger führen können, nach solchen Ländern auszuwandern, wo sie als Landwirte oder Gärtner gern gesehen werden, während man sie als Hausierer, Schneider etc. nicht haben will. Hochachtungsvoll Ahlem bei Hannover. A. M. Simon, Consul. Aus der Gemeinde. Der Wohlthätigkeits- und Synagogen-Verein ״Norden“ hat es sich gleichfalls nicht nehmen lassen, zur Feier, der diamantenen Hochzeit des Joseph Gortatowkyschen Ehepaars in angemessener und würdiger Weise beizutragen. In seiner Schwedterstrasse 248 belegenen Synagoge, zu deren eifrigsten, frömmsten und andächtigsten Besuchern der aus Anlass seines Ehrentages zum Ehrenmitglied des Vereins ernannte ehrwürdige Jubilar nebst seiner Gattin gehören, hat der genannte Verein am Sabbat des Chanukafestes eine würdige Feier veranstaltet. Das bis auf den letzten Platz besetzte Gotteshaus hatte durch Guirlanden und Tannengrün ein wahrhaft festliches Aussehen erhalten, auch die Sitze des Jubelpaares waren mit frischem Grün umkränzt. Im Anschluss an die Predigt des Chanukafestes schloss der Prediger der Gemeinde eine tiefempfundene , Ansprache an die Versammelten und an das greise Ehe- 1 paar, indem er unter Zugrundelegung des Psalmenwortes ״Siehe also wird gesegnet derjenige, welcher den Ewigen furchtet“ auf das ehrfurchtgebietende Greisenpaar hienwies als auf sichtbare Zeugen der göttlichen Liebe und Gnade und Muster echtjüdischer Frömmigkeit und Gottesverehrung. Eine Sitzung der Repräsentanten-Versammlung fand als die letzte in diesem Jahre am 26. ds.statt. Dieselbe nahm nur sehr geringe Zeit in Anspruch. Nach Eröffnung der Sitzung erstattete der Vorsitzende, Herr Hermann Landsberger, der Versammlung Bericht über die Feier des Chanukafestes, welche seitens der zweiten Religionsschule in der Synagoge Lindenstrasse stattgefunden hat. Der Referent war voll des Lobes und der Anerkennung, über den wohl gelungenen, zu Herzen gehenden und würdigen Verlauf der Feier, auch,-