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Berliner Vereinsbote · 1897-12-31 · Heft 53 (31.12.1897) · page 5

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Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 53 (31.12.1897)
Date
1897-12-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Sie haben mir vor einigen Tagen einen Fragebogen zugehen lassen, den ich erst heute zu beantworten in der Lage bin. Sie fragen erstens: ob der Zionismus auf Grund der bekannten vier Programmpunkte eine Existenzberechtigung habe? Diese Frage kann ich nur beantworten, wenn ich sie umkehren darf: Haben auf Grund des Zionismus die vier Programmpunkte eine Berechtigung? Der Zionismus an und für sich hat für mich dieselbe Berechtigung wie das Judentum. Kein Judentum ohne Zionismus, d. h. ohne den Glauben an die Erlösung unseres Volkes und Wieder- Herstellung des jüdischen Staates, als die Erfüllung jener Hoffnungen, wie solche durch unsere Propheten und in unseren Gebeten in so eindringlicher und zuversichtlicher Weise verkündet und erflehet werden. Was nun die vier Programmpunkte betrifft, 80 haben diese auch solchem Zionismus gegenüber volle Berechtigung, um die Erlösung vorzubereiten, ihr die Bahn vorzuzeichnen und die Wege zu ebnen. Der Zionismus ist nicht nur Glaube, sondern auch Liebe, mächtige, unzerstörbare Liebe zu unserem Volke und unserem Glauben, und diese Liebe will und muss sich bethätigen. Ich wüsste nicht, wie sie sich besser und angemessener bethätigen könnte. Sie fragen zweitens: Können wir Deutsche ein jüdisches Nationalitätsprinzip anerkennen? — Diese Frage ist für mich gar keine Frage, weil sie schon mit meiner Geburt beantwortet ist. Die Geburt entscheidet ganz allein über die Nationalität. Meine Religion kann ich wechseln, meine Nationalität nicht. Die ist mit mir zur Welt gekommen, in meinem Gesichte ausgeprägt, in meinem Fleisch besiegelt. Es ist auch gar kein Grund vorhanden, dass eine Nation, welche sich am reinsten erhalten, welche eine so bedeutungsvolle Geschichte hinter sich, welche an der Weltcultur in so erspriesslicher Weise gearbeitet hat, sich selbst verleugne. — Auch diese Frage hätte umgekehrt gestellt werden müssen: Können wir den Mann mit nationaljüdischer Gesinnung als guten Deutschen anerkennen? Warum denn aber nicht? Müssen denn alle Staatsangehörigen von einer und derselben Nationalität sein? So lasset doch endlich einmal diese heillose Verwechslung zwischen dem deutschen Rassemann oder dem Germanen! Ich bin ein guter Deutscher, aber kein Germane. Ich liehe mein deutsches Vaterland vielleicht mehr als alle meine Gegner und Feinde, und wer mir mein Deutschtum, mein deutsches Vaterland, und wer mir die Gleichberechtigung darin streitig machen will, gegen den wehre ich mich wie — um mit Gabriel Riesser zu reden — wie gegen einen Mörder. Auf Ihre dritte Frage antwortete ich, dass ich von der zionistischen Bewegung die heilsamsten Einwirkungen auf das gesamte Judentum erwarte. Die Fesseln tausendjähriger Sklaverei des Juden sind gebrochen, aber noch lange nicht seine Sklavengesinnung. Ist denn jener der gesinnungsfreie Mann, der nicht auf sein eigenes inneres Bewusstsein und Empfinden — den einzigen Quell der Freihext — sondern auf jede Miene, jede Bewegung, jedes Wort, jede Gesinnungsäusserung seiner Feinde und Verächter hinhorcht, um hiernach sein Thun und Denken einzurichten? Das kann doch nur hinfuhren zur endlichen gänzlichen Verleugnung alles Judentums. Die zionistische Bewegung oder, was dasselbe ist, die Erweckung und Belebung der nationaljüdischen Gesinnung soll den Juden auch seinem innern Wesen und Leben nach zum freien Manne machen; es soll damit ein Grundgedanke, ein gemeinsames Bekenntnis, gleichsam ein Panier aufgestellt werden, um welches sich alle, auch von den entgegengesetzten Riehtungen herkommend, scharen können, damit sie nicht in das Lager der Gegner sich verirren und dem Judentum untreu werden. Der Zionismus ist die beste Schutzwehr gegen das Renegatentum. Welchen Einfluss auf den Antisemitismus ich von der zionistischen Bewegung erwarte? So fragen Sie viertens. Giebts denn für den Zionismus überhaupt noch einen Antisemitismus? Dieser sogenannte Antisemitismus besteht ja gar nicht in dieser Gesinnung, welche man uns Juden entgegenbringt, sondern in der Weise, wie wir diese Gesinnung aufnehmen. Nationalitätenhass soll doch auch anderwärts Vorkommen. Das ist zwar schlimm, eutsittlichend, verrohhend; allein nach dem gegenwärtigen Bestände menschlicher Gesittung völlig unvermeidlich, und jene mit ihrer zudringlichen Assimilationssucht werden daran wahrhaftig nichts ändern. Im Gegenteil! Sie erwerben damit nur noch ein weit Schlimmeres — neben dem Hasse auch die Geringschätzung. Friedrich Nietsche sagt: ,,Man hasst nicht so lange man gering schätzt, sondern erst, wenn man gleich oder höher schätzt.“ Der Mann hat vollkommen recht. Diese Sklavengesinnung, dieses Assimilantentum hat uns diese Geringschätzung eingebracht — sie wird schwinden — ״wenn unsere Kriecherei sich giebt.“ Ob ich fünftens die Idee des Zionismus für durchführbar halte? Auf diese Frage habe ich zunächst keine Antwort. ״Ich bin kein Prophet und keines Propheten Sohn“ und kann nicht voraus schauen, was verschlossen und versiegelt ist bis zur Zeit des Endes.“ Allein dieser Gedanke des Zionismus stimmt überein mit meinem Glauben, meiner Liebe, meinen Hoffnungen. Das bindert mich nicht, ein treuer Sohn meines Vaterlandes zu sein, alle Pflichten eines guten Bürgers zu erfüllen und alle Mitbürger und Mitbrüder gleichmässig zu lieben — den einen wie den andern. Ich kann nieht wissen, was Gott mit mir und uns allen vor hat. Ich weiss nur das Eine: Hierher hat Gott mich gestellt — hier soll ich leben und wirken. Hier bin ich und behaupte meinen Platz und mein Recht, kenne

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