Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1897)
- Date
- 1897-12-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Blas- und Streich-Orchester führt in anerkannt guter Weise aus Max Schmerl, Kapellmeister, Fehrbellinerstr. 18. Berlin S.W., den 10. Dezember 1807. 1. Die Frage, ob der Zionismus eine Existenzberechtigung hat. ist ebenso schwer zu beantworten, wie die Frage, ob Missvergnügen, verletzter Stolz und Wanken tles Vertrauens zum Vaterlande eine Existenzberechtigung haben. Wem die Glaubensgemeinschaft mehr gilt wie das Vaterland, wird als Katholik ultramontan, als Jude zionistisch werden. Dass der Zionismus entstanden ist. kann nicht Wunder nehmen. Wenn ein Professor der Ethik an der Berliner Universität lehrt, dass der Jude sich taufen müsse, um ein ganzer Deutscher zu werden, wer will über den Wahn derer schelten, die meinen, sie müssen das Deutschtum preisgeben, um ganze Juden zu bleiben. Der Zionismus steht auf demselben geistigen Niveau und hat dieselbe Existenzberechtigung wie Panlsen's Ethik. Was das Baseler Programm anlangt, so meine ich : a. An und für sich ist gegen die Besiedlung Palästinas mit jüdischen Ackerbauern, Handwerkern und Gewerbetreibenden, die von der heimatlichen Scholle vertrieben sind, so viel und so wenig zu sagen, wie gegen die Be- Siedlung eines andern zur Kolonisation geeigneten Landes. Indem man aber mit dem an sich löblichen Gedanken, heimatlos gewordenen Juden ein neues Heim zu eröffnen, den Gedanken verbindet, dass die Juden, sei es um ihrer Religion, ihrer Geschichte oder um ihres Volkstums wegen, gerade nach Palästina gehören, schädigt man den Kolonisationsgedanken auf Kosten eines andern — nach meiner Auffassung falschen Gedankens. Man sucht die zu besiedelnden Länder nicht mehr nach dem Massstabe ihrer Tauglichkeit für Kolonisationszwecke aus, und wenn, was ich nicht beurteilen kann, wirklich Palästina das für die Besiedlung tauglichste Land sein sollte, wird man durch die zionistische Agitation und durch das Bestreben, dort ein jüdisches Volkstum oder gar jüdische Staatengebilde zu schaffen, sehr bald die Türken dazu bringen, der Besiedlung Palästinas Schwierigkeiten in den Weg zu stellen. b. Eine Gliederung und Zusammenstellung der gesamten Judenschaft durch geeignete örtliche und allgemeine Veranstaltungen nach den Landesgesetzen halte ich sowenig für angezeigt, wie eine internationale Zusammenfassung der Protestanten; wie internationale Gliederungen durch landesgesetzlich'e, also nationale Veranstaltungen zu bewirken sind, verstehe ich nicht. c. Eine Stärkung des jüdischen Volksgefühls und Volksbewusstseins ist mir unfassbar, denn ich kenne seit der Zerstörung des jüdischen Reichs ein jüdisches Volk und ein jüdisches Nationalitätsprinzip nicht. Ich kenne nur eine jüdische Glaubensgemeinschaft und will auch nur, dass die Treue zur Glaube ns gemeinschaft gestärkt werde und unbefleckt die Treue znm Vaterland. d. Da ich die obenangeführten Ziele des Zionismus ablehne, so mag ich auch die Schritte nicht, die zur Erreichung des Zieles vorgeschlagen werden. Regierungs- Zustimmungen in dem Sinne, dass der Einzelne nach Palästina auswandert — notabene wenn er hier seiner Militärpflicht genügt hat werden unschwer zu erreichen sein. Regierungszustimmungen in dem andern Sinne aber, dass ein national - jüdischer Staat in Palästina gegründet wird, י mit andern Worten die völkerrechtliche Anerkennung des jüdischen Staates ist ein Unding. 2. Die Frage zu 2 ist mit der Frage lc beantwortet. Ich bin der Nationalität nach, d. h. nach Sprache, Bildung, Erziehung, Denkweise, Fühlen, Empfinden, Hassen und Lieben, nach Geburt, kurz nach meiner körperlichen und geistigen Individualität deutsch; jüdisch ist nur die Glaubensgemeinschaft, der ich angehöre. 3. Ich halte die zionistische Bewegung für eine Phase in der Entwicklung des Judentums, die ihm ebenso wenig schaden wird, wie ihm 1m letzten Grunde der Dinge — sub specie aeterni aufgefasst — der Antisemitismus schaden wird. Der Zionismus ist ein Exzess der Glaubenstreue, wie der Antisemitismus ein Exzess des Nationalitätsprinzips oder richtiger, des Autorlitonentums ist. Beide haben das Gute, dass sie an dom Indifferentismus rütteln, dass sie das / Judentum verinnerlichen, dass sie dem Juden Selbstbewusstsein und Stolz wiedergeben. Beide Erscheinungen werden überwunden werden: die Zionisten werden dessen inne werden, dass man um des Judentums wegen nicht das• Vaterland preisgeben darf. Die Antisemiten werden dessen inne werden, dass die Christen nicht die Erbpächter des Nationalitätsprinzips und aller menschlichen Tugenden sind. So sicher die Erkenntnis kommen wird, dass Christentum und Deutschtum nicht identisch sind, ־ soll es doch auch Christen in Frankreich geben! -- so sicher wird den Zionisten die Erkenntnis kommen, dass man seinem jüdisehen Glauben nichts zu vergeben braucht, wenn inan deutscher Staatsbürger ist und bleibt. Zionismus und Antisemitismus haben den gemeinsamen Felder, dass sie zwischen Staatsbürgertum und Religion nicht die richtige Grenze zu finden wissen, dass sie nicht wissen, dass der moderne Staats- und Vaterlandsgedanke mit dem Glauben so wenig etwas zu tluin hat, wie mit wissenschaftlicher, ethischer und ästhetischer Ueberzeugung. So albern der Gedanke eines Staates katholischer oder protestantischer Konfession ist, 80 verwerflich ist der Versuch, den sogenannten ״christlichen Staatu in das Jüdische zu übersetzen. Es giebt keinen christlic hen Staat, so wie es keinen christlichen Boden und kein christliches Klima giebt. Sowie es im deutschen Vaterlande Raum hat für Klassiker und Romantiker, für Individualisten und Sozialisten, für Freie und Zeloten, für Nazarener und Helenen, so wird die Zukunft auch trotz Paulsens Ethik — des bin ich sicher — die schliesslich unverlierbare Ueberzeugung bringen, dass es auf deutschem Boden Raum hat für deutsche Staatsbürger christlichen und jüdischen Glaubens. Dr. Eugen Fuchs. Aus der Gemeinde. Die überaus seltene Feier der diamantenen Hochzeit beging am zweiten Tage des Chanukafestes das GortatOWSkysche Ehepaar, Fehrbellinerst.!10 wohnhaft. Das hochbetagte Jubelpaar ist körperlich wie geistig gleich frisch und rüstig, der Jubilar steht im 86. Lebensjahre, die Jubilarin im 80. Herr Gortatowsky, in seinem Bekanntenkreise unter dem Namen ״Rab Jossefa allgemein bekannt und beliebt, hat lange Jahre hindurch in verschiedenen Gemeinden