Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1897)
- Date
- 1897-12-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3019627-3019628-3019679--884-3020375- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
*£Der ״Israelitische^ Fortbildungs -Verein Montefiore‘ hatte auf Dienstag, den 7. d. M. er. zu einem Vortrage des Herrn Dr. Hirsch Hildesheimer über ״Sir Moses Montefiore“ eingeladen. Wie jedoch der Vorsitzende mitteilte, war Herr Dr. Hirsch Hildesheimer in letzter Stunde verhindert worden, den angekündigten Vortrag an jenem Abend zu halten. In seiner Vertretung sprach Herr Dr. Meyer Hildesheimer über ״MassorahundMassorethen“. Er erörterte in interessanter und anregender Weise die Wirksamkeit der Massorethen, die Gründe, die ihre Thätigkeit notwendig machten und den Wert deren Ergebnisse, den sie noch heute für uns haben. An den Vortrag schloss sich eine kurze Diskussion. Es sei noch erwähnt, dass Herr Dr. Hirsch Hildesheimer den angekündigten Vortrag binnen kurzem im Montefiore-Verein halten wird. ״Verein für jüdische Geschichte und Literatur/' Am 7. Dezember c. hielt Herr Dr. Gustav Karpeles im Architektenhause die ״Literarische Jahres-Re vue.u Alle Erscheinungen auf dem Gebiete der Literatur und Journalistik wurden von dem Redner in eingehender Weise besprochen. Da dieser Vortrag in dem demnächst erscheinenden ״Jahrbuch“ veröffentlicht wird, können wir von einer Wiedergäbe absehen. Erwähnt sei nur, dass Dr. K. besondere Aufmerksamkeit der Jugendliteratur schenkte und solche forderte und bei dieser Gelegenheit des von E. Flanter herausgegebenen ״Israelit. Jugendfreund“ empfehlend gedachte, von welcher Zeitschrift er behauptete, dass sie zur Bereicherung unserer Literatur wesentlich beigetragen und das Interesse und die Leselust für diesen Zweig der jüdischen Literatur in vielen jüd. Häusern geweckt hat. Am 14. ds. hielt vor einem ziemlich zahlreichen Auditorium Herr Dr. Gustav Dierks einen sehr interessanten Vortrag über die Juden in Marokko. Der Vortragende, der die Verhältnisse der Juden in Marokko aus eigener Anschauung genau kennt, entwarf ein lebhaftes Bild von dem Zustande in diesem merkwürdigen Lande. Schon in den ältesten Zeiten haben Juden dort gewohnt, und zwar unter den eigenartigsten Verhältnissen. Die Lage der Juden war dort nie eine beneidenswerte, trotzdem werden weder die Christen noch die Araber sie entbehren können, da sie sowohl als Dolmetscher sowie als Vermittler und Träger des gesamten Handels und Gewerbes sich als unentbehrlieh erweisen. In den letzten Jahren haben sich die Grossmachte ins Mittel gelegt und eine einigermaassen ertragliehe Behandlung der Juden herbeigeführt. Redner schilderte sodann in anschaulicher Weise die Sitten und Gebräuche der Juden in Marokko. Der Vortrag dauerte über eine Stunde und wurde mit vielem Beifall aufgenommen. G. Vortrags-Cyclus des Mietfr-Hilfs-Verein. Am letzten Montag sprach Herr Prof. Dr. Ludwig Geiger über: ״Ludwig Börne.“ Nach kurzer biographischer Einleitung kam er zur Kritik Börnes als Kunstkritiker, Novellist, Redner, Theaterkritiker und schliesslich auf sein Verhältnis zum Judentum zu sprechen. Obgleich Börne dem angestammten Glauben, den! Zuge der Gebildeten seiner Zeit folgend, den Rücken gekehrt hatte, lebte und strebte er nur für seine früheren Glaubensgenossen, nicht nur wenn sich die Gelegenheit bot, sondern immer wo er nur die Gelegenheit herbeiführen konnte, trat er für die Juden ein. Für Recht und Gerechtigkeit kämpfen, verpflichtet für die Juden zu streiten meinte er, und zur Judenfrage war er der Ansicht, dass sich die Juden ihrer Haut wehren müssten. Mit grösster Spannung folgte das zahlreiche Auditorium den höchst interessanten Ausführungen des Redners und gab seinem Dank durch lebhaften Beifall Ausdruck. Die Frage der Rabbinerwahl stand wiederum auf der Tagesordnung der Versammlung des ״Centralvereins für die Interessen der jüdischen Gemeinde“, welche am 14. ds. Mts. in der Victoria-Brauerei stattfand. Herr Rechtsanwalt Holz als Referent erblickte die Schwierigkeit, welche bisher die Wahl eines orthodoxen Rabbiners für die Gemeinde Berlin verhindert, in dem heute gütigen System, welches den Rabbiner nur als Wanderprediger kennt und aus diesem Grunde es ihm unmöglich macht, sich eine Gemeinde zu bilden, um mit dem Einzelnen in nähere Berührung zu kommen. Man müsse deshalb das Paroehialsystem anstreben, welches Redner sich etwa in der Art denkt, dass dem Verhältnis der zur Berliner Gemeinde gehörenden Juden entsprechend etwa 20 solcher Sprengel mit den hierzu erforderlichen Beamten und Selbstverwaltung unter Oberaufsicht der G0meinde gebildet werden. In der Diskussion fanden manche Ausführungen des Referenten Widerspruch, befürwortet wurde namentlich durch Herrn Klausner eine grössere Selbstständigkeit der Rabbiner hinsichtlich der religiösen Institutionen der Gemeinde. Die schon von anderen Versammlungen angenommene Resolution gegen die Einführung des sonntäglichen Gottesdienstes wurde auch von dieser Ver- Sammlung angenommen. Das Programm zu der Musikaufführung, welche die Mieths-Unterstützungsanstalt ״Chebrat-Ohel-Jescharim“ zur Feier ihres hundertjährigen Bestehens am 15. Januar 1898 in der Synagoge Lindenstrasse veranstaltet, ist jetzt endgiltig festgestellt. Ihre gütige Mitwirkung haben zugesagt: Herr Professor Dr. Joachim, die Hofopernsängerin Frl. Hiedler, die Herren Heinrich Grünfeld, Ferdinand Schleicher und Hermann Deckert. Vormerkungen auf die Eintrittskarten nehmen schon jetzt entgegen die Herren Gustav Loeweuborg, Oranienburgerstr. 57, Moritz Heilmann, Oranienburgerstrasse 33, Oscar Rathenau, Bendlersfcr. Der ״Humanitäts-Verein für Gewerbetreibende von 1868“ feiert am 25. Dezember das 30jährige Jubiläum seines Be- Stehens. Die Feier findet in den Gesamtfesträumen des Hotel Imperial, Unter den Linden 44, statt, der Beginn ist auf 71/, Uhr abends festgesetzt. Das uns vorliegende Programm verzeichnet einen reich ausgestatteten musikalisehen Teil. Gesangsnummern. Prolog, Festrede, Ansprachen. Ein Tanz-Kränzchen wird den Beschluss des Festes bilden. Sicherlich werden dem hochverdienten Verein zu seiner Jubelfeier die Sympathie - Kundgebungen weitester Kreise zu teil werden. Umschau. — Ein weit über Berlin hinaus in jüdischen Kreisen bekannter Mann, Herr Hotelbesitzer Leopold Peltesohn beging am 15. d. M. mit seiner Gemahlin das Fest der silbernen Hochzeit. Mannigfache Aufmerksamkeiten wurden dem sehr beliebten und geschätzten Ehepaar zu teil, die grösste Freude dürfte denselben durch die am gleichen Tage erfolgte Verlobung ihrer Tochter mit Herrn Rabbiner Dr. Caro bereitet worden sein. — In den geschmackvoll ausgestatteten Räumen der Import ־ Gesellschaft Palästina, Werderscher Markt 9, ist eine Ausstellung der Erzeugnisse der jüdischen Dörfer Palästinas eröffnet worden, welche durch die Vielseitigkeit und Vortrefflichkeit der Produkte die wohlverdiente Aufmerksamkeifc weitester Kreise finden dürfte. Auch jene, die zur Zeit in der Abteilung Kairo der Gewerbe-Ausstellung einen Teil dieser Früchte und Getreidearten gesehen haben, werden über die Fülle der neuen Produkte erstaunt sein und es begreiflich finden, dass die Weine, Cognacs und Früchte Palästinas in so kurzer Zeit bereits ein so grosses Absatzgebiet auf dem Weltmarkt und speciell auch in Deutschland erworben haben. — Die Frage, ob der Austritt eines jüdischen Familienvaters aus der Synagogengemeinde auch den Austritt der Frau und der Kinder in sich schliesst, unterlag der Nachprüfung im Verwaltnngs - Streitverfahren. Zwei jüdische Witwen waren von der Berliner Synagogengemeinde zu den üblichen Kirchenabgaben herangezogen worden. Sie legten dagegen Protest ein und machten geltend, ihre Männer seien eine Reihe von Jahren vor ihrem Tode aus der jüdischen Gemeinde Berlin ausgeschieden und der israelitischen Synagogengemeinde Adass Israel beigetreten. Mit ihrem Austritt sei aber auch der der Familien bewirkt worden, die