Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1897)
- Date
- 1897-12-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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deutschen Brauch mit Liebe und Verständnis sich zu eigen gemacht, wie er deutsche Kultur und Gesittung auch nach ausserdeutschen Ländern zu tragen sich bemühte und ausserhalb der deutschen Landesgrenzen treu an der deutsehen Sprache, deutscher Sitte und deutscher Denkart festhielt. An vielen Stellen zeitgenössischer Schriftsteller wies der Redner nach, dass zwischen den Juden und ihrer Umgebung durchaus kein schroffes und feindliches Verhältnis bestand, dass in allen Verhältnissen des menschlichen Lebens in seinen Freuden und Leiden, in Sprache, Kleidung, Speise, Brauch und Sitte der Jude gern sich beeinflussen liess von seiner Umgebung. Auch seine Sprache war durchaus nicht der verdorbene Jargon des Jüdisch-Deutschen, sondern in nichts unterschieden von dem Idiom seiner Nachbarschaft. Auch die deutsche Sage wie die deutsche Literatur, deutscher Gesang und Tanz waren in jüdischen Kreisen wohl bekannt und hochgeschätzt. Deutsche Sagenstoffe, zum Gebrauch der Juden mit hebräischen Schriftzeichen niedergeschrieben, haben sich bis auf den heutigen'^Tag erhalten, biblische Bücher sind zu wiederholten Malen und von verschiedenen Uebersetzern in die deutsche Sprache, ja selbst in Strophen und Reimen übertragen, auch jüdische Dichter und Minnesänger waren keine Seltenheit. Am Schlüsse seines Vortrages kam Herr Dr. Rieger auf die Excesse in Prag zu sprechen, wo zur Zeit die Juden ihr stets bewiesenes nie verleugnetes Eintreten für die Sache der Deutschen mit Aufruhr, Schimpf und Plünderung büssen müssen. Dem Vortrage folgte reicher Beifall, in der kurzen Diskussion berührte der Vorsitzende des Vereins, Herr Rechtsanwalt Dr. Horwitz u. a. auch die bekannte Ansprache des Kaisers bei der Vereidigung der Garderekruten. Der ״Israelitische Miethe-Hilfsverein“ zu Berlin hielt am vergangenen Montag seinen ersten Vortragsabend ab. Herr Redakteur Manuel Schnitzer brachte aus seinen Schriften verschiedene interessante Humoresken zum Vortrag. Grosse Heiterkeit rief unter jlen zahlreich Erschienenen namentlich die Geschichte von Perez dem Schnorrer, der von seinem Schwiegervater Drillichhosen geerbt hatte. Am Sonnabend den 4. Dezember er. veranstalteten die Verwaltungsbeatmen der jüdischen Gemeinde in den Räumen der Ressource, Oranienburgerstrasse 18 eine Soiree mit darauf folgendem Kränzchen. Das Programm der Soiree war ein durchaus hervorragendes. Die Herren Konzertmeister Relifeld, Musikdirektor William Wolf, Leo Goldberg, Bernhard Ziegelrot und die Damen Frau Adelheid Hanf und Frl. Hedwig Sachs boten Leistungen ersten Ranges. Während der Kaffeepause begrüsste Namens des Comites Herr Goldmann die Gäste, sodann nahm Herr Bureau -Vorsteher Budwig das Wort, um dem Cornite und den Künstlern für das Gebotene zu danken, während Herr Blankenburg in schöner Form auf die Damen toastete. Vorträge heiteren und ernsten Inhalts und ein Tafellied origineller Art trugen zur Erhöhung der an sich schon festesfrohen Stimmung bei. Bis morgens (i Uhr wurde dem Tanze gehuldigt und ohne jeden Misston schloss das wirklieh schöne Fest. Die .,Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner ZU Berlin“ hielt am 4. d. M. ihre statutenmässige General- Versammlung ab. Nach Aufnahme eines neuen Mitgliedes erfolgte die Wahl des Vorstandes für das Jahr 1898. Dieselbe ergab die Wiederwahl des bisherigen Vorstandes, so dass auch im kommenden Jahre der Vorstand folgendermassen zusammengesetzt ist: Rektor Dr. Adler, LVorsitzender, Dr. Sachs, 2.Vorsitzender, Lehrer Remack, 1. Schriftführer, Dr. Fiegel, 2. Schriftführer, Lehrer Jacobsohn, Schatzmeister. Der erste Schriftführer verlas den Jahresbericht für das Jahr 1897, aus dem sich ergab, dass der Verein im regen Eifer den in den Statuten vorgeschriebenen Aufgaben sich gewidmet hat. Der Schatzmeister gab ein Ueberblick über die Kassenverhältnisse und bat um Entlastung, die auch erteilt wurde. Der 2.Vorsitzende verlas darauf die Statuten der Darlehnskasse: im Anschluss daran wurde an Stelle des ausgeschiedenen Kollegen Salomon Kollege Han ff zum Verwaltungsmitglied dieser Kasse gewählt. Nunmehr hielt Kollege Klein sein Referat über die von Herrn Rabbiner Dr. Jacob verfassten Jahresberichte der Göttinger Religionsschule. Dieselben bezeugen, wie sich aus der Vorlesung einzelner Stellen durch den Referenten ergiebt, einen ausserordentlich hohen Grad pädagogischer Erkenntnis und pädagogischen Taktgefühls des Verfassers. Da die Berichte ein überaus reichhaltiges und interessantes Material bieten, so dass die Besprechung derselben in einer Sitzung unmöglich ist, beschliesst die Vereinigung auf V orschlag des Vorsitzenden, den Schluss des Referats auf die Januarsitzung zu verschieben. Kollege Klein erklärt sich bereit, nach einem Resume über das bisher Erwähnte das Referat zu beendigen, dem dann eine Diskussion folgen Am 11. d., abds. 8 Uhr, vereinigen sich die Mi tglieder der Vereinigung mit ihren Damen und Gästen im Vereinslokal, Restaurant Wittner, Königstr. 29, zu einem gemütlichen Familienabend mit musikalischen und deklamatorischen Vorträgen. Am 17. November tagte hier die Versammlung des ״Vereins jüdischer Lehrer der Provinz Brandenburg.“ Zunächst hielt in der Mädchenschule der jüdischen Gemeinde Koll. Falkenberg eine Probelektion über ״Ruth“. Hier zeigte sich der Kollege als ein entschiedener Herbartianer, und deutlich trat in der Lektion die Stufenfolge des berühmten Pädagogen zu Tage. Mit der Anlage und Durchführung erklärten sich die Teilnehmer in einer längeren Diskussion einverstanden. In dem Sitzungslokale begrüsste der I. Vorsitzende, Rektor Dr. Adler, die Anwesenden in schwungvollen Worten, wobei er besonders der zahlreich erschienenen Gäste gedachte, und eröffnete dann die Debatte über die Probelektion. Nach Schluss der Diskussion hielt Kollege Goldschmidt-Königsberg N. M. einen Vortrag über ״Gliederung des Unterrichtsstoffes.1‘ — Es würde in einem Nichtfaehblatt zu weit führen, auf diesen rein pädagogischen Vortrag näher einzugehen, nur soviel sei gesagt, dass er die Billigung aller Zuhörer fand und keine Diskussion nach sich zog. Jetzt wurde die Frage der Begründung von Bezirksverbänden angeregt, und es wurde beschlossen, eine solche für den Norden, den Süden und Osten der Provinz zu versuchen; mit der Ausführung dieses Beschlusses wurden die Kollegen Rawitscher-Eberswalde, Sachs-Guben, Heidenfeld- Friedeberg beauftragt. Ferner wurde beschlossen, von Vereinswegen darauf hinzuwirken, dass die Lehrervereine ein Verzeichnis ihrer Bibliotheken herausgoben und ein Cirkulieren ihrer gegenseitigen Bücherschätze erfolgen lassen mögen. Endlich wurden noch als nächster Versamrnlungstag der 1.4. Mai 1898 und als Ort der Versammlung Kiistrin bestimmt. Nachdem nun der ernste Teil der Tagesordnung erledigt war, folgte das gemeinsame Mahl in Wittners Restaurant. Hier entfaltete sich bei vorzüglichem Essen eine heitere und kollegiale Geselligkeit. Toaste heiteren und ernsten Inhalts wechselten mit einander, und das Bewusstsein gleichen Strebens und gleicher Arbeit erblühte zur Empfindung des Gemeinsamen, zur Frucht des Standesgefühles; darum ein frohes Wiedersehen den Vereinsgenossen! Das Kränzchen, welches der ״Wohlthätigkeits- und Synagogen-Verein Norden“ am 4. d. M. zu Gunsten seiner mildthätigen Zwecke veranstaltete, nahm einen überaus günstigen und glänzenden Verlauf. Wohl an 200 Personen, darunter die liebe Jugend neben einem reichen Damenflor vertreten, nahmen an Tanz sowie an den sonstigen in Fülle gebotenen Genüssen teil. Deklamatorische, musikalische und gesangliche Darbietungen wechselten mit einander ab, mit grossem Beifall wurden namentlich die Leistungen des Frl. Johanna und Selma Lewin und Fräulein Chaim aufgenommen; auch die Ansprachen bei der Kaffeetafel seitens des Vereinsvorsitzenden Herrn S. Behrendt und des Herrn R. Wolberg. Von grossartiger Wirkung war auch ein Geigensolo des Herrn Kapellmeisters Schmerl, welcher eine Reihe bekannter Synagogenmelodieen meisterhaft zum Vortrag brachte. Auch eine Verlosung fand statt, zu welcher von