Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1897)
- Date
- 1897-11-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Der ,,Cantralverein für dl« Interessen der jüdischen Le meinde“ hielt am 18. äs. Mts. in Kellers Festsälen, Köpenickerstrasse, eine Versammlung ab, welche ausserordentlich stark besucht war. Die Verhandlungen beschränkten sich dieses mal nicht auf einen einzigen Gegenstand, sondern brachten Fragen verschiedenartigster Natur zur Diskussion. Zunächst berichtete Herr Leonhard Sachs, Repräsentant der jüdischen Gemeinde, über den gegenwärtigen Stand der Rabbinerwahl. Als vor 2 Jahren die Stelle ausgeschrieben wurde, liefen 32 Bewerbungen ein, von denen ein grosser Teil der eingesetzten Kommission von vornherein als nicht geeignet erschien, einige der Herren wurden zu Gastpredigten bekanntlich berufen, ohne dass eine Wahl erfolgte. Die Meinungen hinsichtlich der religiösen Stellung des zu berufenden Rabbiners gingen damals noch weit auseinander. Erst später, als durch die Wahlen zur Re* präsentanten-Versammlung die Zusammensetzung der Kommission eine andere wurde, einigte man sich bei allen in Frage Kommenden auf einen Rabbiner orthodoxer Gesinnung. Die Rabbiner Dr. Werner-München und Dr. Horowitz- Frankfurt a. M., auf welche man in erster Reihe reflektierte, lehnten eine Berufung ab. Am Schemini Azereth weilte eine Deputation in Breslau, um mit Herrn Rabbiner Dr. Rosenthal Unterhandlungen zu pflegen, die einen günstigen Erfolg zu versprechen schienen. Der genannte Herr, der bei aller religiös-konservativen Gesinnung seiner eigenen Ver- Sicherung nach tolerant gegen Andersdenkende ist, sollte von einer Gastpredigt entbunden sein, auch war man in materieller Beziehung zum weitesten Entgegenkommen bereit. Herr Dr. Rosenthal sollte seinem eigenen Wunsche gemäss nur in den Synagogen ohne Orgel predigen, auch sollten die religiösen Institutionen, Schechita, Mikwa u.s.w. seiner speziellen Beaufsichtigung unterstehen. Die Deputation reiste damals nach Berlin zurück in dem Zuversichtliehen Glauben, für Berlin einen Rabbiner gefunden zu haben, die Kommission stimmte ihrem Vorschlag zu und auch der Vorstand erklärte sein Einverständnis mit dieser Wahl. Da traf aus Breslau die Ablehnung des Gewählten ein. Herr Dr. Rosenthal erklärte, dass er angesichts des Sturmes von Liebesbezeugungen seiner Gemeinde anlässlieh seiner Wahl zum Rabbiner in Berlin es nicht übers Herz bringen könne, seine Gemeinde zu verlassen. Demgemäss befinde sich, bemerkte der Referent, zur Zeit die Frage der Rabbinerwahl wieder auf dem alten Fleck. Doch gebe man die Hofftmng nicht auf. für Berlin einen Rabbiner zu finden. Die Frage sei schwer zu lösen, weil das Material, das man suche, nicht gerade im Ueberfluss vorhandelt sei. Dennoch dürfe# man des Glaubens und der Zuversicht leben, dass doch noch für unsere Gemeinde ein geistliches Oberhaupt gefunden werde, welches den Wünschen und Anforderungen entspräche, wie sie speziell in diesem Verein zu Tage getreten seien. (Grosser Beifall.׳ Herr Lewin. der sodann das Wort ergriff, erblickte die Schwierigkeiten, die bis auf den heutigen Tag bezüglich dieser Frage obwalteten, in dem Widerstand des hiesigen Rabbinats, hinsichtlich des Verhältnisses der Anciennitat Aenderungen gegen früher zuzulassen und der daraus resultierenden Befürchtung des zu Berufenden, mit seinen Amtskollegen in Disharmonie leben zu müssen. Die weitere Diskussion war nicht sehr erheblich mehr, erwähnenswert erscheint die von Herrn Schayer ausgesprochene Ansicht, die in der Ver- Sammlung vielen Aüklaug fand, der Vorstand, der. wie das bei seiner bekannten und seit langen Jahren bethätigten Gesinnung ja nur allzu natürlich sei, sei widerwillig und gezwungen sich zu der Ernennung eines konservativen Rabbiners habe bereit finden lassen, möchte die ganze Angelegenheit bis zu den Repräsentantenwahlen im Jahre 1808 hinauszögern, um dann, falls diese Wahl eine andere Majorität ergeben sollte, die ganze Sache versumpfen zu lassen. Herr Klausner vertrat einen ähnlichen Standpunkt. Unter scharfen Angriffen auf den Gemeinde-Vorstand ersuchte er die Versammlung dafür zu sorgen, dass die nächstjährigen Repräsentantenwahlen noch besser ausfielen, wie die letzten. Gegen wenige Stimmen wurde eine Resolution angenommen, welche die in Rede stehenden Gemeinde* Organe auffordert an der Wahl eines gesetzestreuen Rabbiners festzuhalten und die Angelegenheit etwas mehr zu b@- schleunigen. Hierauf sprach Herr Conrad Schayer noch einmal. Er behandelte gewisse Erscheinungen, welche an den letzten hohen Feiertagen sich bemerkbar gemacht. Insbesondere bemängelte er die Auswahl der Kandidaten, denen an diesen Tagen das Predigtamt übertragen worden sei. Von vornherein rügte er unter allgemeiner Zustimmung der Ver- Sammlung, dass die Auswahl dieser Herren einzig und allein Herrn Dr. Maybaum überlassen bleibe, der sich wiederum nur auf Zöglinge der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums beschränke. Unter diesen jungen Leuten seien verschiedene, die auf die Kanzel einer jüdischen Gemeinde nicht gehörten, da sie öffentlich den Sabbat entweihten und verbotene Speisen genössen. (Allgemeine Erregung.) Auch bei den Predigten der letzten hohen Feiertage seien seitens einiger dieser jungen Herren in ihren Predigten Dinge vorgekommen, welche zu dem Urteil berechtigten, dass dieselben irreligiösen Anschauungen huldigten und für ihr Amt nicht qualifiziert seien. Drei solche Spezialfälle führte der Redner an: Ein Kandidat habe vor einer Gebetsversammlung, diezum überwiegenden Teil aus konservativ denkenden Elementen zusammengesetzt sei, in vollständig pantheistischein Sinne sich ausgelassen. (Entrüstungsrufe.) Derselbe Herr sei jetzt Prediger an der Reformgemeinde und zwar auf Befürwortung des Herrn Dr. Maybaum. (Lärm, wiederholtes, andauerndes Pfuirufen. ) Ein anderer habe sich nicht gescheut, seinen Zuhörern Unredlichkeit in Maass und Gewicht vorzuwerfen. Ein dritter habe in seiner Predigt wahrheitswidrig behauptet, unsere Synagogen seien selbst leer von Besuchern, wenn gepredigt würde. Die Herren Worms und Dr. Warschauer suchten den Ausführungen des Herrn Schayer entgegenzutreten, was zu scharfen Entgegnungen führte, die einzelnen angeführten und getadelten Vorgänge wurden nicht in Abrede gestellt. Die Diskussion zog sich bis gegen Mitternacht hin, und besonders wurde noch missfällig aufgenommen, dass von einzelnen Religionslehrern beim Unterricht irreligiöse Ansichten den Kindern beigebracht würden und dass die Kinder beim hebräischen Unterricht unbedeckten Hauptes sitzen müssten. Die bekannte Resolution gegen die Einführung des sonntäglichen Gottesdienstes wurde ohne weitere Diskussion an genommen. Die ״Hilfskasse für israelitische Kultusbeamte“ veranstaltete zu Gunsten deren Witwen und Waisen am 20. ds. Mts. ein Konzert in der Philharmonie, an dem die hervorragendsten Künstler und Künstlerinnen mitwirkten. Die über Künstlerkreise weit hinaus bekannten Namen eines Prof. Gustav Holländer, einer Rosa Sucher, Theresina Gessner, eines Sommerstorf und §E. Stammer waren ausreichend, um der Veranstaltung eine grössere Beteiligung, besonders aus dem sogenannten besseren Publikum zu sichern. Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, die einzelnen Leistungen einer eingehenden Besprechung zu unterziehen. Doch können wir es uns nicht versagen, die phänomenale Stimme und die Gewandtheit in der Verwendung aussergewöhnlicher Stimmmittel der belgischen Hofopernsängerin Frl. Sophie Heymann zu erwähnen. Wir glauben uns keiner Uebertreibung schuldig zu machen, wenn wir behaupten, dass Berlin eine Sängerin mit einer derartigen Begabung und Fertigkeit nicht aufzuweisen hat. Das Lied von Taubert ״Der Vogel im Walde“ war eine Gesangsleistung allerersten Ranges. Alle Darbietungen wurden mit enthusiastischem Beifall aufgenommen, wie überhaupt die Veranstaltung die Teilnehmer mit Befriedigung erfüllte. Das Festcomite hatte es aber auch an Umsicht und Geschick nicht fehlen lassen, so dass ihm das Verdienst der wohlgelungenen Arrangements gebührt. Ob aber auch der materielle Zweck erreicht ist, möchten wir in Rücksicht auf die sehr hohen Unkosten, die das Coneert verursacht hat, bezweifeln. Wir meinen deshalb, es sollte für die Zukunft mehr der Zweck im Auge behalten und eine Beschränkung der Unkosten