Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1897)
- Date
- 1897-11-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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OströWO. Die hiesige israelitische Egerloge weihte in dieser Woche ihre neuen Räume ein, bei welchem Anlass Rabbiner Dr. Plessner hierselbst einen Vortrag über Rabbi Akiba Eger, den vor 60 Jahren in Posen verstorbenen Oberrabbiner, hielt. — Ueber die russische Arbeiterbewegung bringt die jetzt vorliegende Doppelnummer 2 und 3 der in Russland seit kurzem erscheinenden, in einer Geheimdruckerei hergestellten ,,Arbeiterstimme“ interessante Mitteilungen, woraus einiges hier wiedergegeben sei. Die von den jüdischen Arbeitern Westrusslands ausgegebene Parole: Kampf um die thatsächliche Durchführung des gesetzlich für das Handwerk vorgeschriebenen Zehnstundentags! fand in diesem Sommer auch in Warschau Anklang. Arbeiter verschiedener Berufe erzielten durch Streiks den Zehnstun den tag, (so z. B. streikten 400 Schuhmacher, 40—50 Bauarbeiter, 100 Posamentiere, 300 jüdische Bäcker). Petersburg. In interessierten Kreisen hofft man, in der Behandlung der zum russischen Reich gehörigen fremden Nationalitäten werde eine Wendung zum Besseren ein treten. Betreffs der Polen ist sie bereits zur Thatsache geworden, aber man muss immerhin zweifelnd fragen, ob dies wirklich der Anfang eines allgemeinen toleranteren Regimes ist, das den der Russifikationsidee geopferten Völkerschaften mehr Lebenslust und Bewegung gewähren will. Die Juden haben bedeutende Vergünstigungen zu erhoffen, wenn man den umgehenden Gerüchten trauen darf. Man sagt im Besonderen, wenn das neue allgemeine Judengesetz, an dem schon lange Jahre lässig gearbeitet wird, endlich fertig sein werde, breche eine neue bessere Zeit für dies verfolgte und geknechtete Volk an. Den Juden würden solche Konzessionen gemacht, die bei ihnen die Wahl des landwirtschaftlichen Berufs erheblich begünstigten, wie denn auch der Ackerbauminister schon jetzt systematisch auf eine Vermehrung der jüdischen Ackerwirtschaften hinarbeitet. Dem Handelsstände wünscht die Regierung jüdische Elemente so viel wie möglich zu entziehen. In Bälde soll den Juden, die Diplome und Atteste höherer Lehranstalten besitzen, das Ansiedlungsrecht für ganz Sibirien freigegeben werden. Dadurch wird des aus den 40er Jahren stammende Gesetz, das überhaupt einem jeden Juden den Aufenthalt in den sibirisehen Gouvernements untersagt, etwas modifiziert. Demselben Gesetz zufolge wurden Juden kürzlich aus Sibirien in Massen ausgewiesen. Für das in Russland am schwersten leidende Volk, die Littauer, legte sich der Typographen-Kongress, der hier tagte, ins Mittel, indem er bei der Regierung um Aufhebung des Repressiv-Gesetzes vom Jahre 1864, das für littauische Druckschriften die Verwendung von lateinischen Lettern verbietet, petitionierte. Infolge dieses nach jeder Seite hin ungerechtfertigten Druckes beziehen die Littauer für schweres Geld littauische Blätter und Schriften, die eine nicht gerade sanfte Sprache reden, im geheimen aus dem Auslande, wodurch der Regierung, dem Volke wie auch den russischen Typographien Schaden entsteht. Es besteht auch an massgebender Regierungsstelle die Idee, das alte Gesetz, welches das littauische Volk empörte, aus der Welt zu schaffen. — Mit der Duchoborzen*Sekte im Kaukasus verfährt die Administration nach wie vor mit ausgesuchter Strenge. Neulich wurde eine grosse Menge Duchorborzen von Haus und Hof verjagt und nach dem Jakutskschen Gouvernements verbannt, weil sie den Militärdienst und den Fahneneid verweigert hatten, wie die Lehren ihrer Sekte es gebieten. — In Ausführung eines von dem verstorbenen Barney Barnato kurz vor seinem Tode ausgesprochenen Wunsches hat die Firma Barnato Brothers in London verschiedenen jüdischen und christlichenWohlthätigkeitsanstalten Londons Zuwendungen im Gesamtbeträge von 16,300 Pfund Sterling (326,000 Mark) gemacht. Tunis. Das sonst so friedliche Judenquartier von Tunis war am 19. d. der Schauplatz stürmischer Auftritte. Der allverehrte Rabbi hatte sterbend den Wunsch ausgedrückt, nach alttunesischem Ritus begraben zu werden, wozu namentlich gehört, dass der Sarg auf den Schultern abwechselnd von möglichst vielen sich zu dieser Drängenden durch die Strassen getragen wird. Da gab es zunächst Eifersucht und Kampf zwischen den beiden geschiedenen israelitischen Gemeinden, und die beiden Parteien wandten sich dann gegen die städtische Polizei, die aber das vorgeschriebene Begräbnis erzwang, nicht ohne Anwendung der Gewalt gegen eine heulende Masse von etwa 2000 Personen. Zahlreiche Verletzungen und Festnahme von Rädelsführern waren die Folgen. Vor der Stadt, auf dem Wege zum neuen israelitischen Friedhofe, hatten sich zuletzt noch 8000 Juden eingefunden, die laut gegen die BefÖrde* rung des Toten auf dem städtischen Leichenwagen Ein- Spruch erhoben, ohne jedoch zu neuen Thätlichkeiten zu schreiten. Ueber die jüdischen Dörfer in Palästina entnehmen wir der letzten Nummer des ,,Globus“ folgende Mitteilungen: ״Jerusalem zählte noch in den fünfziger Jahren nur etwa 6000 Juden, die 1893 schon auf 28 000 an gewachsen waren. Diese starke Vermehrung war auf Rechnung der aus Russland vertriebenen Juden zu setzen. Die ״Alliance israelite universelle“ verbreitet dort französische Anschauung unter den Juden und lässt ihnen französischen Unterricht erteilen. Aber nicht nur Jerusalem, sondern auch das übrige Palästina hat einen bedeutenden Zuzug von Juden in neuerer Zeit erhalten, und die Bestrebungen eines Moses Montefiore, der bereits 1840 mit dem Vicekönig Mehemed Ali in Palästina verhandelte, scheinen neuerdings sich zu verwirkliehen. Freilich lauten die Nachrichten widersprechend über den Erfolg; doch ist erst zu kurze Zeit verflossen, um ein endgiltiges Urteil abgeben zu können. Schon 1870 begann die israelitische Allianz bei Jaffa auf einem von der türkischen Regierung geschenkten Grundstück mit der Anläge einer jüdischen Ackerbauschule. Ein Bericht des Consuls der Vereinigten Staaten urteilt keineswegs ungünstig darüber. Bis jetzt sind zweiundzwanzig jüdische Dörfer gegründet worden, hauptsächlich in Galiläa, wo Sichren Jacob mit tausend Einwohnern das grösste Dorf mit Synagoge, Schule, Arzt und Apotheker ist und wo Gewerbe und Weinbau, auch Bienenzucht getrieben wird.“ New-York. Eine statistische Untersuchung, geleitet von Charles Hoffmann, Sekretär der jüdischen Einwanderungs-Gesellschaft in Philadelphia, hat ergeben, dass in allen Strafanstalten des Staates Pennsylvanien sich nur 114 Sträflinge befinden. Ein Sherif sagte in seiner Antwort auf die diesbezügliche Anfrage: ,,Wenn es nur Juden gäbe, würde ich meine Stellung verlieren. New-York Frau Baronin Hirsch hat 850000 Mark für ein konfessionsloses Mädchenstift, ferner 42000 Mark zur Ablösung einer Hypothek auf dem Hebrew-Institut und Beträge von 1000 bis 2000 Dollars für zahlreiche kleinere Vereine und Institute im ganzen Lande gespendet. In Washington ist mit grossem Pomp der Grundstein zu einer neuen Synagoge gelegt worden. Die Ceremonie, welche der Grossmeister der Freimaurerloge mit einem Hammer vollzog, den der erste Präsident der Vereinigten Staaten, Georg Washington vor 100 Jahr gebraucht hat, erhielt besondere Feierlichkeit durch die Anwesenheit des Präsidenten Mc Kinley, des Staatssecretärs Shermann und anderen Notabein. Die Festrede hielt Mr. Simon, Wolf und das Schlussgebet der Pastor der Baptistenkirche. Auf den Goldfeldern in Alaska ist in diesem Jahre bereits Festgottesdienst abgehalten worden. Auf die Bitte der dort ansässigen Juden hat Reb Lewy eine Sepher Thora nach Juncae in Alaska geschickt. Kalendarium■ Freitag, den 5. Novbr., 10. Cheschwan, Sabb.-Anfg. 4,80. Sonnabend, לך לך ״ .11 מ .6 ״ Nacht 5,9. Freitag, ״ .17 ״ .12 ״ Sabb.-Anfg. 4,20.