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Berliner Vereinsbote · 1897-11-05 · Heft 45 (5.11.1897) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 45 (5.11.1897)
Date
1897-11-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Mode-Bazar Guttman Nachf. (Willy stem, Landsbergerstr. 66/67. Artikel aller Branchen. Bei jedem Einkauf ein Carton Seife gratis. Ausserdem erhält jeder Vorzeiger dieses Inserats 5°/״ Raba tt. verurteilt. Er hatte im Sommer dieses Jahres in der Synagoge Zimmerarbeiten ausgeführt. Da diese sehr mühsam waren, ärgerte er sich und machte seinem Groll, als er das Gotteshaus verliess, in sehr unwürdiger Weise Luft; er rief nämlich den bereits zur Andacht Versammelten mit lauter Stimme eine Lästerung zu. Das Gericht belehrte ihn darüber, das der § 166 des Reichsstrafgesetzbuches auch den Israeliten Schutz gewährt. Graudenz. Einen interessanten Rechtsstreit erledigte gestern das Oberverwaltungsgericht, den der jüdische Handelsmann J. in Krojanke gegen den Commissar zur Wahrung des öffentlichen Interesses angestrengt hatte. J. wollte für seinen 13 Jahre alten Sohn einen Wandergewerbeschein zum Handel mit Baumwollenwaren etc. haben. Da ihm der Schein versagt wurde, so beschritt er den Klageweg im Verwaltungsstreitverfahren. Er betonte, dass der Sohn sein einziger Ernährer sei, da er und seine Frau arbeitsunfähig seien. Die Polizeiverwaltung Krojanke hatte den Antrag befürwortet und ausgeführt, dass die Stadt und die jüdische Gemeinde die Familie J. erhalten müssten. Der Bezirksausschuss zu Marienwerder versagte aber den Gewerbeschein, da der Sohn zu jung und ungeeignet sei. Der junge Mensch sei auch in der Lage, auf andere Weise, als durch Hausierhandel seine Eltern zu unterstützen. Darauf legte J. Berufung ein. Das Oberverwaltungsgericht bestätigte aber nur die Ent- Scheidung des Bezirksausschusses und schloss sich voll seiner Ausführung an. Posen. Die israelitische Waisenknabenanstalt versendet ihren 56. Jahresbericht für 1895/96, der zunächst die Mitteilung erhält, dass Dr Falkenheim nach 22jähriger Wirksamkeit die Leitung der Anstalt wegen hohen Alters am 1. April 1895 niederlegen musste. An seiner Statt wurde der Lehrer 8. Katzenstein als Leiter bestellt. Die Anstalt verpflegte im Jahre 1895 22 (davon 8 aus der Stadt Posen stammende), 1896 30 Zöglinge (davon 11 aus Posen). Die Knaben wurden teils in der Mittelschule, teils in der Bürgerschule unterrichtet. Im ersten Berichtsjahre wurden 5 Knaben in Lehrstellen gegeben, und zwar arbeiteten 3 im kaufmännischen Beruf, 1 als Schlosser und 1 als Tischler. Im zweiten Jahre wurden von 5 Lehrlingen 2 im kaufmännischen Beruf und je einer bei einem Gärtner bezw. Schneider und Uhrmacher untergebracht. Der An-, stalt gehören 423 unterstützende Mitglieder an. Die Einnahmen des Jahres 1895 bestehen aus Zinsen aus Stiftungen 8659,93 Mk., Mieten etc. 1734 Mk., Beiträge von Anstaltsmitgliedern 3119,12 Mk., anderen Einnahmen 4003,02 Mk., Dotationen und Legate 9270 Mk., zusammen 26 676,07 Mk. Die Ausgaben werden wie folgt aufgeführt: Verpflegung, Bekleidung, Unterricht etc. 5776,73 Mk., Beheizung, Beleuchtung etc. 4467,49 Mk., Gehälter und Pensionen 6031 Mk., zusammen 14 355,49 Mk., sodass ein Bestand von 12 320,85 Mk. verbleibt. Das Jahr 1896 brachte an Einnahmen: Zinsen aus Legaten und Fonds 8585, 52 Mk., an Mieten, Beiträgen, Spenden etc. 4920,18 Mk., Dotationen und Legaten 6100 Mk., zusammen 24 456,45 Mark. Die Ausgaben bestehen aus folgenden Posten: Verpflegung, Bekleidung, Unterricht etc. 6320 48 Mk., Brennmaterial, Beleuchtung etc. 1712,36 Mk., Gehälter und Pensionen 6656,30 Mk., zusammen 14693,14 M., sodass 9763,14 Mk. an Legaten und haaren Beständen verbleiben. Ans der Sehwabach-Stiftung in Breslau gelangt im Jahre 1898 ein Zinsenanteil von 5750 Mk. zur Verteilung an ein bedürftiges Mädchen zur Verheiratung oder an einen bedürftigen Mann zur Aufhilfe im Erwerbe. Anspruchsberechtigt sind die ehelichen Nachkommen der Brüder Mayer, Mordechai und Aron S. aus Birnbaum und der Geschwister Jos. Loewenstein, Henriette London geh. L., Rosa Leser geh. L. Meldungen sind bis zum 20. Nov. d. J. bei der ״Direktion der Gesellschaft der Freunde“ Breslau, Neue Graupen8tr. 3/4 einzureichen. Aus Hamburg wird vom Sonnabend berichtet: Im heutigen Prozesse gegen den Verleger der inzwischen singegangenen antisemit. Ztg. ״Die Abwehr", Hübner und den Juwelier Panz in Altona wegen Beleidigung des Kommerzienrates Riedemann und des Kaufmanns Siemers wurde dem ״Hamburgischen Korrespondent“ zufolge das frühere Urteil, auf 8 resp. 5 Monate Gefängnis lautend, aufrecht erhalten. — Wegen eines wüsten Wahlkrawalls, der in dem badisehen Orte Walldorf gelegentlich einer dort stattgefundenen antisemitischen Versammlung sich ereignete, sind bis jetzt 8 christliche und 4 jüdische Einwohner nach Mannheim in Untersuchungshaft gebracht worden. Weitere Verhaftungen stehen bevor. Es wird behauptet, dass israelitische Einwohner von Walldorf in dem Saale des Gasthauses ״Zur Post“, woselbst die Antisemiten eine Versammlung abhalten wollten, Freibier unter die zu diesem Zwecke eingeladenen Arbeiter verteilen Hessen. Als dann der antisemitische Stab unter Führung des Landtagscandidaten Konsul Köster, des Reichstagsabgeordneten Bindewald und des Landtags- Abgeordneten Pfisterer erschien, war der Saal mit an getrunkenen Arbeitern angefüllt, die bereits einen der Ihrigen zum Vorsitzenden gewählt hatten. Die Antisemiten gingen hierauf in das Gasthaus ״Zum Lamm“, um die Versammlung abzuhalten. Während der Reichstagsabgeordnete Bindewald über die Landtagswahlen referierte, erschienen die aus der ״Post“ gekommenen betrunkenen Arbeiter im Saale, und bald darauf begann eine grosse Schlägerei. Wer angefangen hat, steht noch dahin. Von antisemitischer Seite wird behauptet, dass die Arbeiter begonnen hätten, während von anderer Seite gesagt wird, dass der Antisemitenführer Köster einem Israeliten eine Ohrfeige versetzt und dadurch die allgemeine Schlägerei verursacht habe, bei der mit Tischen, Stühlen und Biergläsern zugeschlagen wurde. Vor allem hatte es die lärmende Menge auf Köster und Bindewald abgesehen, von denen Ersterer auf den Boden des Hauses, der Letztere in den Garten flüchtete. Pfisterer wurde durch einen Israeliten in Schutz genommen und in Sicherheit gebracht. Nach der Darstellung der Antisemiten soll man die Fenster zertrümmert und die Thüren mit Aexten und Beilen eingeschlagen haben, um zu den Verstecken der Herrn Köster und Bindewald zu kommen. Jeder Winkel soll durchforscht worden sein, nm die beiden Antisemitenführer zu finden. Ein Mann, den man für den Konsul Köster hielt, wurde mit Messern bearbeitet. Die Raufbolde bewachten das Gasthaus ״Zum Lamm“ während der ganzen Nacht, um Bindewald und Köster aufzulauern, die in Folge dessen erst nachts ihr Versteck verlassen konnten. Gegen die Teilnehmer an dem Krawall soll Anklage wegen Landfriedensbruches erhoben werden. Die verhafteten Juden haben ein Gesuch um vorläufige Entlassung aus der Untersuchungshaft gegen Stellung einer Kaution von 55,000 Mk. eingereicht; seitens der Grossherzogiichen Staatsanwaltschaft wurde demselben jedoch nicht entsprechen. Wie aus Wien gemeldet wird, ist der Goldbergersche Stiftungspreis vou 1000 fl. für die Abhandlung über das Thema: ״Ist Erkältung eine Krankheitsursache und in wiefern?“ von der Wiener Gesellschaft der Aerzte dem Berliner Arzt Dr. Ruhemann zuerkannt worden. — Zu Gunsten des hiesigen isr. Tempelbaufonds leitete Herr Eppstein eine Sammlung ein, welche die Summe von 2900 fl. ergab. Unter den Zeichnern befinden sich zwei Serben: Herr Stojko Obrad ovics mit 500 fl. und Herr Georg Mann6 mit 50 fl. Gewiss ein schönes Zeichen religiöser Toleranz.

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