Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1897)
- Date
- 1897-10-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3019627-3019628-3019672--808-3020292- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mode-Bazar Guttman Nachf. <w111y stein) Landsbergerstr. 66 67. Artikel aller Branchen. Bei jedem Einkauf ein Carton Seife gratis. Ausserdem erhält jeder Vorzeiger dieses Inserats 5°/0 Rabatt. des bekannten Herausgebers der ״Zukunft“, Maximilian Harden. Der ursprüngliche Name der Herren lautet Wittkowski, der Vater war ein bekannter alter Achtundvierziger, der sich von dieser Karriere seiner Söhne wahrscheinlich in seinem Leben nicht hat träumen lassen. — Sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als ordentlieber Professor beging am 21. d. M. der Physiologe an der Universität Halle Dr. Julius Bernstein. Geboren zu Berlin als der Sohn des durch seine populären naturwissenschaf’tliehen Schriften und seine Schilderungen aus dem jüdischen Volksleben, wie durch seine politische Thätigkeit bekannten Dr. Aaron Bernstein, widmete sich Julius Bernstein zu Anfang der sechziger Jahre an der berliner Universität medicinischen und naturwissenschaftlichen Studien und war dann i gleich vielen anderen gegenwärtig hervorragenden Physiologen, wie Hermann Munk in Berlin, J. Rosenthal in Erlangen, Pflüger in Bonn in Dnbois-Reymond’s phvsiologischem Laboratorium eine Zeit lang thätig. Im Jahre 1899 wurde er ausserordentlicher Professor in Heidelberg, 1871 in gleicher Eigenschaft nach Berlin berufen, von wo er ein Jahr darauf als ordentlicher Professor der Physiologie an j die Universität Halle-Wittenberg ging. Unter seinen Fachgenossen hat sich Bernstein durch seine Untersuchungen auf dem Gebiete der Muskel- und Nervenpsychologie einen klangvollen Namen gemacht, während er durch sein volkstümlich und höchst fesselnd geschriebenes Werk, ״Die fünf Sinne des Menschen״ in weiteren Kreisen bekannt geworden ist. Im Studienjahre 1890/91 bekleidete er das Rektorat der Universität Halle. Es dürfte noch in Erinnerung sein, dass dieser Umstand vom Hofprediger a. D. Stöcker als Anlassbenutzt wurde, um im preussischen Abgeordnetenhause Klage darüber zu führen, dass es einem ,,jüdischen“ Rektor gestattet sein sollte, die Matrikeln und Abgangszeugnisse der Studierenden der evangelischen Theologie mit seinem Namen zu unterzeichnen. Damals waren es die Abgeordneten Professor Virchow und Professor Dr. Friedberg, welche die hämischen Angriffe gebührend zurückwiesen. Breslau. Die Constituierung des Vereins ״Grätz“ ist am 16. 68. Mts. erfolgt. Der ״Jüdische y Rede- 1 und )Diskutier-Klub Grätz“ fiat, wie däs^Uomite-AIitglied He!ך Diu Finkei ׳ hervorhob.^ ztm Aufgabe, ,,alle diejenigen Elemente ztr%ämmeln, welche für Juden und Judentum Interesse sieh bewahrt haben, besonders die Jugend, namentlich die kaufmännische, welche mehr wie irgend ein anderer Stand die wüste Racenhetze unserer Tage schwer empfinde. Der Kaufmann stehe ihr um so wehrloser gegenüber und . habe ,um so mehr darunter zu leiden, als er bei •seinem Eintritt in den Kampf ums Dasein meist von Juden und Judentum recht wenig weiss und in späteren Jahren nicht Zeit und Gelegenheit findet, seine mangelnden Kenntnisse 80 weit zu vervollkommnen, dass er in der Lage wäre, dem Hass *und den verleumdei'ischen Verdächtigungen der Gegner sachlich und zugleich energisch zu begegnen. Diesem schweren Mangel strebe der jüdische Rede- und Diskutier- Klub abzuhelfen. Er will den jungen Leuten Zehrung auf den Weg geben, indem er sie mit einem Material ausrüstet, das sie in den Stand setzt, feindliche Angriffe mit Erfolg znrückzuweisen, indem er ihnen das Bewusstsein erschliesst. dass der Name Jude ein Ehrentitel, kein Schimpfwort sei. Der Klub soll eine Rhetoren- und Apologetenschule zugleich sein, in welcher Tagesfragen, die das Leben der jüdischen Gesamtheit betreffen, in kurzen Referaten besprochen und in daran anschliessender Discussion sachlich, in freiem, ungezwungenem Gedankenaustausch erörtert werden sollen.“ Der neubegründete Verein ist, irren wir nicht, der erste und einzige seiner Art in Deutschland. Ein Unternehmen, welches den energischen Kampf gegen den Indifferentismus und die Interessenlosigkeit unserer Glaubensbrüder allen den Angelegenheiten der jüdischen Gesamtheit gegenüber auf seine Fahne geschrieben hat, entspricht zweifellos einem dringenden Bedürfnisse. Nicht minder der ernste Versuch, der bodenlosen Ignoranz beizukommen, welche über die wichtigsten Fragen des Judentums leider allenthalben oft anzutreffen ist. Hier eine drastische Probe: Ein Vertreter jüdischer Intelligenz, ein Arzt von umfassendem Wissen auf den verschiedensten Gebieten allgemeiner Bildung, Hess sich offen zu dem beschämenden Geständnisse herbei: ,.lieber die Frage des jüdischen Blutrituals kann ich mich leider nicht äussern. da mir die Kenntnisse fehlen, um zu beurteilen, inwiefern der Vorwurf des jüdischen Ritualmordes begründet und berechtigt ist oder nicht.“ Welch’ grelles Streiflicht wirft dieses Selbstbekenntnis auf die geradezu empörenden Zustände, welche selbst oder gerade bei dem gebildeten Teile unserer Religionsgenossen herrschen! Hier kann ein Verein wie der neugegrünJete unendlich viel Gutes leisten, vorausgesetzt, dass Männer an seiner Spitze stehen, welche reiches Wissen mit Gewandtheit und Taktgefühl verbinden. Jedenfalls verdient das junge Unternehmen, das bereits eine stattliche Anzahl Mitglieder zählt, unbedingte Anerkennung und die Aufmerksamkeit weitester Kreise. Im Falle des Gelingens wäre das Beispiel aufs wärmste zur Nachahmung zu empfehlen. Hamburg. Im Testament des kürzlich verstorbenen Herrn W. Deitelzweig ist eine Reihe von Legaten für verschiedene Wohlthätigkeitsanstalten und gemeinnützige Institute ausgesetzt. Es erhalten Beträge von je 1000 Mk. das .,Altenhaus der deutsch-israelitischen Gemeinde“, das ,,Paulinenstift“ (Waisenhaus für Israelit. Mädchen). der ,,Hamburgische Verein zur Beförderung nützlicher Gewerbe unter den Israeliten“, der ,.Israelitische Verein zur Unter- Stützung armer Greise״, das Lokal-Comite der ,,Alliance israelite universelle“, das .,Deutsch-israelitische Waiseninstitut“, sowie der Ausstattungsverein .,Haclmasas Kallah“ (zur .,Ausstattung armer Bräute“). Beträge von je 500 M. erhalten dev ,,Israelitische Schillingsverein.“ die ,,Blindenan st alt v. 1830“. das ,,Marion-Krankenhaus־•, das Schwesternhehn ,.Bethanien“, der Israelit. Mieteverein von 1828“, sowie die ״Unterstützungskasse des allgemeinen Krankenhauses.“ Dresden. Die sächsischen Landtags wählen haben den Antisemiten eine schwere Niederlage gebracht: sie vermochten nicht einmal die beiden Mandate, über welche sie bisher verfügten, zu behaupten, und dieser Schlag trifft sie um so schwerer, da sie lärmende Siegeszuversicht heuchelten und bei ihren Ansprüchen, eine Partei des Mittelstandes zu sein, durch das neue Wahlgesetz in Sachsen hätten gerade gewinnen müssen. Dieses Wahlgesetz bevorzugt uämlieh durch seine Drei-Klassen-Einteilung nächst den Grosskapitallsten den Mittelstand. Wären die Antisemiten daher wirklich, wie sie sich rühmen, eine Partei des Mittelstandes, so hätte dies gerade bei den letzten Wahlen klar hervortreten müssen; statt dessen haben dieselben nur im dritten Wahlkörper eine nennenswerte Anzahl von Stimmen bekommen, während sie im zweiten Wahlkörper, dem des Mittelstandes, kläglich unterlegen sind. Es scheint, als sei in Sachsen doch bereits eine Ernüchterung vom antisemitisehen Alkohol ein getreten. — In Nürnberg war eine Conferenz des ,,internationalen Vereins der Freundinnen junger Mädchen“ in Bayern versammelt, an der sich etwa 60 Damen beteiligten, natürlich unter pastoraler Leitung. Von positiven Beschlüssen ist wenig zu berichten. Nur der Ausschluss Angehöriger des jüdischen Bekenntnisses sowohl von der Mitgliedschaft wie von der Unterstützung durch den Verein und der gross• artige Beschluss, ein Erkennungszeichen zu tragen, verdienen als thatsächliche Ausbeute der etwas krausen Beratungen herausgegriffen zu werden.