Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1897)
- Date
- 1897-10-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Ostrowo. Der unter dem Vorsitze des Oekonomie-Kommissionsrat Goldstein hierselbst bestehende israelitische Holzverein •>,Ez Chajim“, welcher den Zweck hat, während der Winterzeit für bedürftige Mitglieder der Gemeinde Brennmaterialien zu beschaffen, begeht demnächst das Fest seines 75 jährigen Bestehens. London. Eine Anzahl jüdischer Handwerker in Jeruealem hat an die Königin Victoria eine Petition gerichtet, in der sie dieselbe ersuchen, ihnen durch den Staatssekretär für die Kolonien die Anlage einer jüdischen landwirtschaftlichen Niederlassung in Cypern zu gestatten. Sie seien, so sagen die Handwerker in ihrer Petition, an harte Arbeit und Ausdauer von Kindheit an gewöhnt und litten jetzt die grösste Not. Jaffa. Die hier zum Gedächtnisse des seligen L. Lewanda gegründete Bibliothek ״Schaar-Zionw enthält zur Zeit ca. 4U00 Bücher, wovon etwa 900 russische, 500 deutsche, 450 französische, 50 jüdisch-deutsche, einige italienische und englische, und etwa 2000 hebräische sind. Letztere werden am meisten verlangt. Die Leser sind Kinder und Erwachsene aus Jaffa, den jüdischen Colonieen und Ghedera. Die Lesehalle hat 1 jüdisch-deutsche, 1 russiche, 1 französische, 2 englische, 3 deutsche und hebräische Zeitungen. Es giebt ungefähr 110 feste Abonnenten. Es wäre wünschenswert, wenn der Bibliothek Zuwendungen, besonders an Büchern, gemacht würden. Rischon l’Zion. Seit etwa 4 Wochen ist ein neuer Bau vollendet, in dem etwa 70 jüdische Arbeiter ein einfaches, aber sauberes und, wie man hofft, auch gesundes Heim gefunden haben. Ausserdem geht ein Gebäude seiner völligen Vollendung entgegen, das bestimmt ist, im geistigen Leben der Ansiedelung eine bedeutende Rolle zu spielen. Es ist dies eine Art von Gemeindehaus mit grossem Versammlungssaale, das die Colonisten auf eigene Kosten ohne jede fremde Hilfe erbaut haben. Das Comite, das den grösseren Teil der ersten Ausgaben verauslagt hat, erhält von jedem Gemeindemitgliede jährlich 20 Francs, bis die Schuld völlig amortisiert ist. In dem Saale des Gemeindehauses werden die Vereine, z. B. das Colonistenorchester, ein willkommenes Heim finden, und ebenso können dort jetzt regelmässig fachmännische Belehrungen für die Colonisten stattfinden, welche bisher nur in Privatwohnungen einen Ort fanden. Vor dem Hause ist, dem schattigen Grün des Wassergartens zugewandt, eine Rampe, auf der das Orchester seine Konzerte geben wird. Ferner ist ein neues Wasserbassin von 8 m Höhe im Bau, um auch von dem zweiten Brunnen aus Wasser in die Kelleranlagen führen zu können. Salonichi. Das Judenviertel in Monastir ist total abgebrannt. Die obdachlose Bevölkerung wurde in vierzig Baracken, welche von dem Ertrage einer Subskription errichtet wurden, untergebracht. Die türkischen Behörden gestatten nicht den Wiederaufbau der Häuser auf den ‘ bisherigen Plätzen, sondern haben den Abgebrannten Bauplatze in einem anderen Stadtteile angewiesen. Vereinsschau Seine erste allgemeine Versammlung hielt der ״Central- Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ am 25. d. M. im Saale der ״Gesellschaft der Freunde“ ab. Der grosse Saal war bereits längere Zeit vor Beginn des Vortrags überfüllt. Robert Schweichei, der greise Vorsitzende des Vereins ״Berliner Presse“ sprach über ״Heinrich Heine“. In formvollendeter, inhaltreicher Weise zeichnete der Vortragende das Lebensbild des berühmten Dichters und sein poetisches Schaffen. Er feierte Heinrich Heine als Lyriker, den man getrost neben Wolfram von Eschenbach und Goethe stellen könne, als Satiriker, das in diesem Genre noch heute von keinem Anderen erreicht sei. Das wüste Geschrei derer, die einem deutschen Dichter ein Monument in seinem Vaterlande verweigerten, rühren von denen her, die dem Dichter seine jüdische Abstammung nicht verzeihen könnten, von den intellektuellen Nachkommen jenes Geschlechts von Muckern, Dunkelmännern, Deutschtümlern, die Heine mit seinem schneidenden Witz und heissenden Sarkasmus an den Pranger gestellt. Redner kennzeichnete dann die Stellung Heines zu seinem deutschen Vaterlande, und legte aus seinem Lebensschicksale wie aus seinen Schriften überzeugend dar, dass Heine trotz aller scharfen und bitteren Angriffe auf die trostlosen politischen und geistigen Zustände des vormärzlichen Deutschlands im Herzen und seiner Gesinnung nach zu allen Zeiten ein Deutscher geblieben sei, der sein Vaterland geliebt habe bis zum Tode. Heinrich Heine bedarf keiner Bildsäule, sein unvergängliches Denkmal sind seine Dichtungen. Und jeder, der seinen einfachen Grabstein besucht, weiss ,,Hier ruht ein deutscher Dichter.“ An diesen mit reichstem Beifall aufgenommenen Vortrag schlossen sich geschäftliche Mitteilungen, demnach was in der letzten Zeit den Verein weniger als bisher genötigt, gegen verläumderische antisemitische Zeitungsangriffe die Hülfe der Gerichte in Anspruch zu nehmen. Dagegen war es zu wiederholten Malen notwendig, gegen vom antisemitischen Geist diktierte Verfügungen von Verwaltungsorganen bei den übergeordneten Instanzen Beschwerde zu erheben, die in der Regel von Erfolg begleitet waren. Auch hat der Verein durch eine Eingabe beim Minister erzielt, dass die Ausweisungen von ausländischen Juden aus Memel vorläufig sistiert worden sind und eine erneute Prüfung dieser Angelegenheit angeordnet wurde. Von den antisemitischen immer wieder auftauchenden Lügenmären erwähnte der Vorsitzende noch folgendes: In Leipzig war von antisemitischer Seite ein angeblicher Passus aus dem Bericht der Handelskammer zu Metz aus dem Jahre 1895 angeführt, um daraus Schlüsse jeder feindlicher Art zu ziehen. Auf Veranlassung des Central Vereins wies nun die betreffende Handelskammer öffentlich nach, dass die angeführte Stelle einfach erfunden war. Jetzt kommen eben dieselben Antisemiten mit der Behauptung, jene Angabe sei im Bericht der Metzer Handelskammer für das Jahr 1897 enthalten. Auch das ist erlogen, da ein Bericht über das Jahr 1897 noch gar nicht erschienen ist. Herr Willy Bambus hielt in der letzten Sitzung des Vereins ״Judas Töchter“ (Vors. Frau Behrendt und Frl. Kuntz) einen Vortrag über ״Ludwig Philippsohn“. Im Anschluss hieran wurde beschlossen, die Novellen Ludwig Philippsohns zu lesen und übernahm ein jedes Mitglied die Verpflichtung, über eine dieser Novellen in der Vereinssitzung zu referieren. Der ״Israel. Unterstützungs-Verein“ veranstaltet auch in diesem Jahre einen Gyelns von 4 Vorträgen. Dieselben finden im Bürgersaale des Rathauses statt. Karten ä 4 Mk. für sämtliche Vorträge sind bei den Firmen N. Neufeld Nachf., Potsdamerstr. 31, Trautwein, Leipzigerstr. 8 und» Siegel & Schimmel, Königstr. 41, erhältlich. Einzelkarten für jeden Abend kosten 1,25 Mk. Vermischtes. Eine bekannte Thatsache ist es, dass alle in neuester Zeit ge* machten Erfindungen zum Vervielfältigen von Schriftstücken mehr oder weniger umständlich sind und ausserdem die Anschaffung mit hohen Kosten verbunden ist, welche sich durch Ergänzungen und Reparaturen u. 8. w. noch erheblich steigern. Deshalb ist das doppelseifige Vervielfältigungs-Papier in Verbindung mit den neuen leichtflüssigen schwarzen und bunten Tinten allen anderen Verfahren un- Streitig überlegen. Für die hartbedrängte Lehrerfamilie sind noch eingegangen von 8. St. 10 Mk. Mit innigem Danke namens des Empfängers schliessen. wir die Sammlung. Briefkasten. Ihre Beschwerde über die Zulassung nicht mehr zweifelhafter Elemente zu einem Feste eines jüdischen Vereins, zumal eines Synagogen-Vereins, sollten Sie dem betreffenden Vorstand unterbreiten. Im übrigen verweisen wir Sie auf unseren Artikel ״Unsere Jugend“, in dem wir den jungen Leuten mehr Vorsicht und Rücksichtsnahme in der Wahl ihres Umganges empfohlen haben.