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Berliner Vereinsbote · 1897-10-29 · Heft 44 (29.10.1897) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 44 (29.10.1897)
Date
1897-10-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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OberhemdenReparatarWerkstatt, «1׳° ««. Halspriesen 20, Paar Bandprieaeu SS, Leinen-Einsatz m. Einsetzen 50 Pfg Neuanferti^. L. billigst■ Preisen. Abholung frei. winnen kann bei solchen Vorkommnissen kein einziger der streitenden Faktoren, häufig genug aber neutralisieren und schädigen sich beide. Wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch Verstand, lautet ein altes Sprichwort. Wenn auf der Welt irgend etwas unwahr ist. so ist es dieses Wort. Wer des Glaubens ist. dass mit dem übernommenen Amt auch der Verstand, der vorher nicht zu bemerken war. sich einstellen werde, der befindet sich in einem schweren Irrtum. Was ergiebt sich nun daraus? Eben nur die stricte Forderung, dass derjenige, der nicht Geistesgaben. Kenntnis der Geschäfte, Ordnungssinn, Taktgefühl in ausreichendem Masse besitzt, zu leitenden Stellungen in Vereinen sich nicht drängen soll, und weiter, dass die Mitglieder der Vereine sich die Leute, die sie gern in den Vorstand hineinwählen möchten, recht genau an sehen, um nicht die Katze im Sacke zu kaufen. Ein guter Wille und das Bestreben sich nach Kräften zu vervollkommnen, thut es allein nicht, wer die oben angegebenen Eigenschaften nicht besitzt, der muss ein einfaches Vereinsmitglied bleiben. Wer aber ein Amt angenommen, der warte seiner, Laschheit und Vernachlässigung pflegen sich in der Regel mehr oder weniger schwer zu rächen. Namentlich der Vorsitzende eines jüdisehen Vereins übernimmt mit seiner Funktion eine besondei'S schwere Verantwortung. Unsere Juden mit ihrem kritisch veranlagten Geiste, ihrer oft übertriebenen Nörgelsucht und Lust am Opponieren, machen es auch dem tüchtigsten und gewiegtesten Vorsitzenden oft recht schwer, seines Amtes zu walten. Darum thut jeder, der ein solches Amt in einem jüdischen Vereine bekleidet, gut daran, sich ein dickes Fell anzuschaffen. Auf einer höheren Warte, über den streitenden Parteien zu stehen, ist seine Aufgabe, er versteife sich nicht auf Kleinigkeiten, lasse um des lieben Friedens willen auch einmal fünf eine grade Zahl sein und schlucke lieber einmal eine kleine oder auch grosse Unannehmlichkeit hinunter, bevor er es zu einem Krach kommen lässt. Am unsere lieben Juden aber, die jüdischen Vereinen angehören, möchten wir noch einmal die ernste Mahnung richten, ihrem oft über die Stränge schlagenden Naturell Zaum und Zügel anzulegen. Ein Verein, der gute tüchtige und bewährte Kräfte an seiner Spitze hat, sollte sich dieselben so lange wie möglich zu erhalten suchen, nicht aber denselben unnützerweise das Leben verbittern und die Führung der Geschäfte erschweren. Wenn unter den leitenden Personen eines Vereins allzuoft Wechsel und Aenderungen eintreten, so ist das ein Zeichen dafür, dass irgendwo etwas faul und morsch ist. Leider ist vielen unter unsern Glaubensgenossen nicht recht wohl, wenn sie in ihren Vereinen nicht alle Augenblick einige neue Gesichter am Vorstandstische sehen. Soll ein Verein bestehen, blühen und gedeihen, 80 ist dazu die unumgängliehe Voraussetzung Geld. Ein tüchtiger Kassierer, Rendant oder Schatzmeister ist für einen Verein ein wahrer Segen. Und daran fehlt es ja glücklicherweise nicht, einem dunklen Gerüchte zufolge soll es sogar Schatzmeister gehen, denen für ewige Zeiten das Privilegium eingeräumt ist, ein etwaiges Defizit in jeder beliebigen Höbe ans eigener Tasche decken zu dürfen. Ein tüchtiger, gewissenhafter Mann wird stets auf weise Sparsamkeit bedacht sein, ohne darum unbedingt notwendigen Ausgaben seine Genehmigung zu versagen. Aber auch hier kann eine an und für sich löbliche und notwendige Eigenschaft nur zu leicht in ihr Gegenteil ausarten. Der unselige Hang zum Bureaukratismus, zur Aufsammlung und Aufspeicherung möglichst grosser Summen ist leider in manchen unserer Vereine zur Regel und Tagesordnung geworden. Gewiss muss dafür gesorgt werden, dass für Zeiten der Not und des ausserordentlichen Bedarfs ein hinreichender Fonds vorhanden ist. Stets aber müssen die einlaufenden Gelder nur Mittel zum Zweck sein, niemals darf die Ansammlung eines mögliehst hohen Vereinsvermögens seinen sonstigen Zielen Einschränkung auferlegen, niemals darf ein Verein das Bild des auf seinen Sehätzen liegenden Drachen gewähren, niemals das Bild des Harpagon, der auf gefüllten Geldsäcken zu verhungern befürchtet. Das wären 80 einige Missstände, die wir als wohlmeinende Berater und Freunde offen aussprechen. Vielleicht ist dadurch Gelegenheit zu einem anregenden Austausch der Meinungen gegeben, aus dem wie immer Blüte und reichliche Frucht hervorgehen wird. Aus der Gemeinde. — Professor H. Steinthal in Berlin feiert am 1. November sein fünfzigjähriges Doktorjubiläum. Steinthal wurde am 16. Mai 1823 zu Gröbzig in An 11 alt geboren. Am 1. November 1847 zu Tübingen zum Dr. phil. promoviert, habilitierte er sich zwei Jahre später für allgemeine und philosophische Sprachwissenschaft an der hiesigen Universität, deren Lehrkörper er bis heute ununterbrochen angehört hat. Am 23. September 1862 wurde er zum ausserordentliehen Professor befördert. Prof. Steinthal hat nicht nur in seiner lehramtliehen Wirksamkeit bemerkenswerte Erfolge zu verzeichnen, sondern er hat auch auf literarischem Gebiete eine reiche Thätigkeit entwickelt und weithin Anerkennung gefunden. Die Feier des achtzigsten Geburtstages von Ferdinand R e i c 11 e n h e i m versammelte am 20. d. Mts. die Glückwünscher in grosser Zahl in der Wohnung des Jubilars, Tiergartenstrasse 16. Neben den Familienmitgliedern und persönlichen Freunden des Jubilars, deren Blumenspenden in prächtigster Weise alle Räume schmückten, hatten sich zwanzig Deputationen eingofunden, die 1m Namen staatlicher und kommunaler Behörden, sowie im Namen der Berliner jüdischen Gemeinde und der vielenWohlthätigkeitsanstalten, denen Ferdinand Reichenheim seine hilfreiche Fürsorge angedeihen lässt, ihre Glückwünsche aussprachen und Diplome und Adressen überreichten. Die Gratulationen des Reichenheimschen Waisenhauses, dem der Jubilar besonders nahe steht, überbrachte eine Deputation, deren Wortführer der Vorsitzende des Curatoriums, Herr Bamberger war. Auf alle Ansprachen, welche von den Deputationen an den Jubilar gerichtet wurden, erwiderte dieser in herzlichster und frischester Art. Die Worte dankbarer Anerkennung und Verehrung, die ihm von allen Seiten gezollt wurden, haben ihm zweifellos bewiesen, wie aufrichtig ihm von seinen vielen Freunden und Verehrern noch eine lange Reihe von Lebensjahren in Rüstigkeit und Gesundheit, gewünscht wird. Herr Ferdinand Reichenheim, der zu den Mitbegründern der früheren bekannten Kattunfabrik gehörte, war einer der ersten, der der englischen Baumwollenindustrie mit Energie und Erfolg auf dem deutschen Markt Konkurrenz machte. Vielfach stellte er seine Bestrebungen und sein Vermögen in den Dienst des Gemeinwohls, so als er im Jahre 1870 mit Rudolf Virchow und dem verstorbenen Branddirektor bkabell die allgemeine Krankenpflege für das deutsche Heer organisierte. Hierfür erhielt er das Eiserne Kreuz. Auch um die Begründung des Kaiser Friedrich- Kinderkrankenhauses hat Herr Reichenheim wesentliche Verdienste. Dem ״Jüd. Volksblatt“ in Breslau entnehmen wir folgende Notiz: Nun droht der Gemeinde auch der Verlust des Rabbiners Dr. Rosenthal. Nachdem monatelang© Verhandlungen vorher gegangen waren, erschien am Montag (Schemini azeret) hier eine Deputation der Berliner Gemefnde, Justizrat Meyer an der Spitze, um in der alten Synagoge der Predigt beizuwohnen. Es handelt sich um die Besetzung der durch Pensionierung des Rabbiners Dr. Ungerleider vakanten Stelle eines Rabbiners, der die Auf-

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