Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1897)
- Date
- 1897-10-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Mode-Bazar Guttman Nach! (Wiuy stein) Landsbergerstr. 66 67 Artikel aller Branohen. Bei jedem Einkauf ein Carton Seife gratis. Ausserdem erhält jeder Yorzeiger dieses Inserats 5°/0 Rabatt. Interesse weiterer Kreise gefunden, so dass nunmehr mit Beginn des nächsten Jahres die Gründung einer Gesellschaft wird erfolgen können, die sich die ״Erkenntnis des inneren Lebens der Juden zu fördern“ zu Aufgabe gemacht hat. Dieses Ziel soll durch eine möglichst vollständige Samm• lung aller in Wort und Schrift lebenden jüdischen Sagen, Märchen, Volkslieder, Sitten und Gebräuche, ferner durch Vereinigung von Kunsterzeugnissen jeder Gattung, die auf das jüdische Volksleben Bezug haben, in Bibliotheken bezw. in einem Museum und endlich durch regelmässige Berichte über die Sammlungen erreicht werden. Der Sitz der Ge- Seilschaft wird in Hamburg sein. — Die in Memel verfügten Ausweisungen russischer Juden sollen, wie ein Berichterstatter mitteilt, auf Anordnung von höherer Stelle meistenteils wieder zurückgenommen worden sein. Heidelberg. Das hiesige Antisemitenblatt behauptet, dass der nationalliberale Reichstagsabgeordnete Weber ״bei seiner Wahl zum Reichstage, als die nationalliberalen sich um die antisemitischen Stimmen bewarben einer Kommission von drei Herren das Versprechen gegeben habe, für ein Gesetz zu stimmen, das die Judeneinwanderung verbietet.״ Das Blatt erklärt sich bereit, den Wahrheitsbeweis vor Gericht zu erbringen. Wie wird sich Herr Fieser darüber freuen, seinen Freund Weber öffentlich auf dem ״Misthäufen“ sitzen zu sehen, Das ist die Freiheit, die Herr Weber meint! — Nach den jüngsten telegraphischen Meldungen, welche mehrere jüdische Notabein Londons erhalten haben, sind die Juden in Buschar in Persien neuen schweren Verfolgungen ausgesetzt. Der dortige Gouverneur hat die Juden jener Stadt versammeln lassen und ihnen die Wahl gestellt, entweder zuin Islam überzutreten oder zu sterben. Gleichzeitig ist ihnen mit der Verweigerung, ihnen Nahmngsmittel zukommen zu lassen, gedroht worden. Die Unglücklichen haben sich an die hervorragendsten Londoner Juden gewandt und sie gebeten, die englische Regierung zum sofortigen Einschreiten zu veranlassen. — Wir hatten vorige Woche berichtet, dass die Wiener Gemeindeverwaltung fünf Unterlehrer wegen ihrer Nichtzugehörigkeit zum Antisemitismus entlassen hat. Es handelte sich nicht etwa um jüdische Lehrer, sondern um Katholiken, deren Verbrechen einzig und allein darin besteht, das sie den ״Sozialismus der Dummen“ nicht mitmachen wollen. Ara Dienstag abend fand nun in Wien eine grosse Protestkundgebung der Wiener Lehrerschaft gegen die Entlassung der fünf Unterlehrer statt. Der Ausschuss des deutschöstreichischen Lehrerbundes sandte eine Zuschrift, worin das Vorgehen gegen die Entlassenen als ein Gewaltakt dem moralischen Richterspruche der gesamten gebildeten und rechtlich denkenden Bevölkerung Oestreichs unterbreitet wird. Zugleich wird erklärt, die deutsche Lehrerschaft werde jedem Versuche, sie mit List oder Gewalt ihren freiheitlichen Grundsätzen untreu zu machen, den entschiedensten Widerstand entgegensetzen. Nachdem eine Reihe von Lehrern, ferner die Abgg. Fllllke, Bendel, Heeger und Hannich (letzterer Sozialdemokrat) gesprochen, nahm die Versammlung der ״Voss. Ztg.“ zufolge, eineEntschliessung an, die der christlich-sozialen und der klerikalen Partei die tiefste Verachtung ansspricht und versichert, die östreichische Lehrerschaft werde allen Opfern der klerikalen Rachsucht treu zur Seite stehen. —־ So ist es Recht: Von deutschen Lehrern war es auch zu erwarten, dass sie sich ihrer gemassregelten Kollegen annehmen würden. Die fünf Opfer der antisemitisch-klerikalen Verfolgungswut sein. — Seinen siebzigsten Geburtstag beging am 25. d. M. in stiller Zurückgezogenheit in Teplitz-Schönau der Schriftsteiler Herzberg-Fränkel, welcher länger als ein halbes Jahrhundert iiteraisch thätig ist und durch seine treffenden Schilderungen des jüdischen Lebens sich einen Namen gemacht hat. Seine erste Arbeit ״Polnische Juden“ war seiner Zeit eine sensationelle Erscheinung; sie wurde ins Russische, Französische, Englische und teilweise auch ins Hebräische übersetzt. Für das Werk des österreichischen Kronprinzen ״Oesterreich-Ungarn in Wort und Bild“ hat Herzberg den Abschnitt ״Die Juden in Galizien־‘ geschrieben. Vierzig Jahre lang bekleidete er das Amt eines Sekretärs der Handels- und Gewerbekammer in Brody. Seit einiger Zeit lebt er in Teplitz ganz seinen schriftstellerischen Arbeiten. — Die in Köln tagende Generalversammlung des Vereins für Sozialpolitik verhandelte über die Frage des ländliehen Personalkredits. Es referierte Geh. Hofrat Dr. Hecht aus Mannheim, Landrat Dr. Seidel-Schmiegel (Provinz Posen) und Dr. Thiess aus Offenbach. An der Debatte beteiligten sich Dr. Criiger-Berlin, der das System des Schulze-Delitzsehen Genossenschaften vertrat, und Bankdirektor Fassbender, der die Raiffeisen-Kassel] empfahl. Der Direktor der preussischen Centralgenossenschaftskasse Dr. Heiligenstadt-Berlin wies den Vorwurf zurück, dass die preussische Centralgenosseuschaftskasse eine Notstandskasse sei und konstatiert, dass die Kasse mit Genossenschaftsgründungen sich nicht befasse. Die Geschäftsgebahrung sei eine vollständig bankmässige. Die angeblichen grossen Zuschüsse seitens des Staates seien Legenden, der seitens des Staates gewährte Kredit werde von der Genossenschaftskasse verhältuissmässig verzinst. Professor Wagner behandelte in längerer Auseinandersetzung einige allgemeine Gesihhtspunkte: die einzige richtige Politik im Kreditwesen bestehe in der Verbindung von Selbsthilfe. Genossenschaftshilfe und Staatshilfe. U. A. führte der Redner aus: ״Das Genossenschaftswesen hat den Landwucher jetzt schon fast vollständig verdrängt, und hier möchte ich eine allgemeine Frage, die Juden frage streifen. Jeder wird zugeben, er mag Christ oder Jude sein, dass unter den Wucherern sehr viele Juden waren. Diese Thatsache führte ja zu dem Anschwellen des Antisemitismus in seiner extremsten Form. Es wurden scharfe Massnahmen gegen die Juden verlangt. Sie wären nicht ausführbar gewesen, sie wären auch ungerecht gewesen, denn cs steht fest, es gab auch christliche Wucher: peccatur intra inuros et extra. Das Wuchergesetz und die Bildung der Genossenschaften haben den Wucher beseitigt. Gerade die zahlreichen ehrlichen und anständigen Elemente in der jüdischen Bevölkerug werden mit dieser Lösung der Frage zufrieden sein müssen. Das ethische Moment der Genossenschäften wird noch nicht lange richtig gewürdigt. Vor 37 Jahren war hier in Gürzenich die Volkswirtschaftliche Gesellschaft unter dem Vorsitze von Karl Braun versammelt . Damals war noch St. Manchester der Universal-Heilige. Ich hatte damals schon etwas andere Ansichten, hielt mich aber in der Bescheidenheit der Jugend, die jetzige Jugend ist darin anders, (Heiterkeit) zurück, hielt das Maul und hörte nur die grossen Herren an. Aber auch später wurde das ethische Moment noch nicht gewürdigt. Als Gustav Cohn und Gustav Schmollet von ethischer und sittlicher Nationalökonomie sprachen, sagten ihre Gegner, nichts sei falscher als ethische Momente mit der Wissenschaft zu verquicken, sie vertraten die Theorie des Eigennutzens. Die Entwickelung der Genossenschaften — Hut ab vor Männern wie Schulze-Delitzsch und Raiffeisen — zeigt, das Eigennutz nicht allein die Triebfelder menschlichen Thuns ist, dass sittliche und soziale Tendenzen auch mitwirken.“ Beschlüsse wurden nicht gefasst. Budapest. lieber die mitgeteilte Klostergeschichte, welche erzählte, dass sich hier vor mehreren Monaten ein achtzehnjähriges Judenmädchen, Namens Ilona Schönhauser, ohue Wissen und Willen ihrer Mutter taufen, dann in ein