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Berliner Vereinsbote · 1897-10-01 · Heft 40 (1.10.1897) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 40 (1.10.1897)
Date
1897-10-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Ein Urteil über die israelitische Volksküche. (Schluss.) Hervorragend interessieren noch zwei Punkte: Einmal, dass selbst hier, wo doch die Armut und die Not als Gäste sitzen, immerhin ein gewisser Klassenunterschied — vielleicht nur der der Bildung, den ich anerkenne, ein soziales Vorrecht, wenn ich so sagen darf, — sich zeigt. In zwei von den grösseren Speiseräumen getrennten Zimmern sassen Studenten (Hört! Hört!), iunge Künstler, Architekten, Handwerker, aller Art, Schreiber, angehende Commis u. a. m. und assen selbstverständlich dasselbe Gericht, das gerade an der Tagesordnung ־war. Ein grosser Teil dieser Männer hat Freikarten, — die übrigen zahlen wenige Pfennige — aber, dass sie hierherströmen, bewies mir. wie gut die Speisen, wie taktvoll die Art der Humanität! In einem besonderen Kaum sassen Frauen. Halberwachsene Mädchen und Knaben holten in grossen irdenen und Blechgefässen das schmackhafte Essen über die Strasse. Die freundlichste Ueberraschung war mir endlich um l1 4 Uhr Vorbehalten. Zu dieser Zeit erschienen 60 bis 80 kleine Schulkinder, fast ausnahmslos mit ihren Berechtigungskarten, die ein junges Mädchen kontroliert, setzen sich an die inzwischen frei gewordenen Tafeln und assen mit jenem beneidenswerten Appetit der Jugend, der ja der beste Koch ist. Auf meine Frage an einen blondlockigen Jungen (— ich brauche wohl nicht zu bemerken, dass mindestens die Hälfte aller Gäste der Israelischen Volksküche in der selbstredend nach jüdischem Ritual gekocht wird, Christen waren —) ״wie es ihm schmecke?“ antwortete er: ״Prächtig!“ und zeigte mir lachend jene zweiunddreissig Perlen wie sie Friedberg und "Werner nicht -schöner und edler haben! Mir ging das Herz auf, und ich schlich mich in eine Ecke, mir das nasse Salz aus den Augen zu wischen, als nun auch die bleiche, abgehärmte und erfrorene Jugend eintrat, um für ihre sieche Mutter, den gelähmten Vater, die elend60, verkommenen Geschwister ein bischen warmes Essen zu holen. . . . Ja, ein ganz lehrreiches und sehr gesundes — ich meine für blöde Voreingenommenheit — sehr gesundes Stückchen Lebensphilosophie und residenzliche Urteilsreife kann man sich in der Isr. Volksküche erwerben, wenn man keine orthodoxe Brille, sondern einen freien, unverschleierten Blick.keine eingewurzelten Standes-und Glaubensdifferenzen im Kopf und namentlich einen freien Atemzug des feinfühligen Herzens sich bewahrt hat! . . . Es wird mir recht schwer, ich gestehe es offen ein, meiner alten Passion rückhaltsloser Kritik gegen die Nörgler und Hetzer hier den Kapzaum anznlegen — weiss ich doch dass selbst diese mustergiltigen und was mehr sagen will. Gott wohlgefälligen Einrichtungen echt praktischer Barmherzigkeit nicht volle Gnade vor der Kritik einer alleinseligmachenden Unfehlbarkeit haben — einer Unfehlbarkeit des Eigendünkels, des Besserwissens und der Eitelkeit, die so bequem und so billig wie Brombeeren ist. Ja, ich weiss, wie alle diese Erleuchteten — sogar nach einer 88jährigen Praxis in Frieden und Krieg vielleicht etwas besser, wie sie, — dass hier manch Unwürdiger Wohlthaten geniesst! Aber ich frage und Herr Abraham fragt zu meiner Freude und Genugthuung mit mir: ״Was kommt darauf an?“ Ist es nicht besser, dass fünfzig Unwürdige ans nahrhafter Speise Kraft zur Arbeit gewinnen, als wenn ein Einziger hungrig, verbittert, grollend und fluchend fortginge? . . . Ich muss gestehen, dass diese Dogmen einer im Herzen geborenen Barmherzigkeit mir kolassal imponiert haben. Ich gehe willentlich heute, so leicht ich es könnte, auf die wirtschaftliche, national-ökonomische und finanzielle Perspektive einer so ausgezeichnet geleiteten Volksküche nicht ein, die gleichen Preises und Rühmens wert ist. Ich will mir ein schönes und reines Bild nicht mit irgend einer Staffage bekritzeln, die mich auf den Boden des streitsüchtigen Löschpapiers stellen könnte. Auf dem Boden verständnisinniger Herzenswärme, gleicher Anschauung, dass die grosse soziale Frage unserer schwülen Tagen nur durch Dutzende und Aberdutzende solcher kleineren Arrangements für die vielgestaltigen Bedürfnisfragen aller Armut — auch der verschämten — leichter zu lösen wäre, als durch tausend Theorien und Maximen, Dogmen und Disziplinen eines schwärmerischen oder gar eines zerbröckelnden Idealismus — — auf diesem Boden beglückenden Einverständnisses drückte ich Frau und Herrn Abraham mit unverhüllter Hochachtung meines Herzens die Hand und empfahl ihr segenspendendes Institut der schirmenden Hand Dessen, der etwas besser weiss, wie wir klugen Menschen, was uns Not thut, und zu dem wir alle aufzublicken haben in Freud und Leid, für und für!! — Umschau. Aus Pieschen wird uns folgende nicht uninteressante Begebenheit gemeldet: Bei Gelegenheit der letzten Manöver war Prinz Georg von Sachsen dort anwesend. Der hoho Herr ist leidenschaftlicher Amateur-Photograph und äusserte den Wunsch, einmal einen richtigen, polnischen Juden mit allem, was drum und dran hängt, zu photographieren. Der Landrat des Pleschener Kreises teilte diesen Wunsch der jüdischen Gemeinde mit. Aber so viel Mühe man sich auch gab, den verlangten Juden mit Bart, Peies, Schubbeze, Stramel und sonstigem Zubehör heranzuschaffen, in ganz Pieschen und Umgegend war kein einziges Exemplar aufzutreiben. Endlich kam ein Gemeindemitglied auf den gescheiten Gedanken, da. das deutsche Vaterland die geforderte Spezialität zur Zeit aufzubringen nicht im Stande war, ein Exemplar aus dem Auslande bezw. aus Polen selber zu importieren. Und der Herr hatte auch das Glück, in einem nahe gelegenen polnischen Grenzstädtchen in der Person des Rabbiners ein wahres Prachtexemplar seiner Gattung zu erwischen mit Bart und Peies, die selbst über das landesübliche Mass weit hinausgingen, mit Schubbeze und Stramel in geradezu klassischer Vollendung. Es gelang, den würdigen Herrn zu bewegen, dem Prinzen sich als Objekt für die Kunst des Amateur-Photographen anzubieten. In Pieschen angelangt, war der Rabbiner jedoch nicht so ohne weiteres bereit., sich zum Prinzen zum Zwecke der Aufnahme zu begeben, er verlangte vielmehr eine ausdrückliche schriftliche Einladung. Erst nachdem der Landrat auf amtlichem Papier mit dem preussischen Adler in aller Höflichkeit die Einladung erfolgen liess, konnte die Aufhafime des Porträts stattfinden. Der Prinz war hoch entzückt über das im höchsten Grade charakteristische Kunstobjekt und liess demselben für seine Bereitwilligkeit 50 Rubel auszahlen. Die־ gewonnenen Bilder waren vorzüglich gelungen. Der Rabbiner, der namentlich stolz ist auf das Schriftstück mit dem preussischen Adler, erhielt ebenfalls ein Exemplar der Photographie und ־wird ausserdem für sein ganzes Leben eine schöne Erinnerung sich bewahren. . Uebertritte von Juden zum Protestantismus. Während der Jahre 1889 bis 1895 traten in Altpreussen 1960 Juden zur Landeskirche über; u. a. in Brandenburg 987, Schlesien 289, Ostpreussen 202. Sachsen 116, Rheinland 111. Pommern 65, Westpreussen 61, Westfalen 81, Posen 22. In ganz Deutschland traten während der Jahre 1890 bis 1894 2088 Juden zur evangelischen Kirclie über, und zwar in Preussen 1568, Hamburg 147, im Königreich Sachsen 118, Baiern 72, Württemberg 30, Bremen 29 etc. Die höchste Taufzahl — 500 — weist das Jahr 1893 auf. Steglitz. Der Betsaal des Religionsvereins jüdischer Glaubensgenossen hierselbst wurde gestern nachmittag unter Beteiligung von etwa 120 Personen eingeweiht. Das kleine Bauwerk liegt auf dem Grundstück des Herrn Wolfenstein, Düppelstrasse 41, und ist vom Maurermeister Sinnig ausgeführt. — Am 1. Januar 1898 wird die Gründung der ״Gesellschaft für jüdische Volkskunde“ erfolgen. Wie berichtet, hatte im vergangenen Jahre ein Comite, an dessen Spitze Dr. Grunwald in Hamburg steht, einen Aufruf zu Sainmlungen zur jüdischen Volkskunde erlassen. Dieser hat das

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