Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1897)
- Date
- 1897-09-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Den oft ausgesprochenen Wunsch, dass nicht nur aus dem Rgbz. Gassei stammende Schülerinnen der Fach- und Gewerbeschule oder in hiesigen Geschäften tbätige Mädchen in dem Heim Aufnahme finden mögen, veranlasste den Verein, grössere Räumlichkeiten zu mieten, um auch jungen Mädchen aus anderen Teilen Deutschlands die Vorteile der Anstalt zugänglich zu machen. Möge das segensreiche Unternehmen auch ferner blühen und gedeihen! In Myslowitz ist am Dienstag durch Rabbiner Dr. Baeck aus Oppeln die neue Synagoge feierlich eingeweiht worden. Nürnberg. Es ist gewiss ein frohes Ereignis, dass Ihre Majestäten der deutsche Kaiser und die Kaiserin, der Prinzregent von Bayern und andere Fürstlichkeiten bei der kurzen Zeit, die sie in Nürnberg weilten, auch der hiesigen Synagoge einen Besuch abstatteten und in ihr etwa eine Viertelstunde verblieben. All den Pforten des Gotteshauses erwartete Herr Rabbiner Dr. Ziemlich, von den Vorständen umgeben, in vollem Ornate die hohen Herrschaften und sprach mit Erlaubnis derselben bedeckten Hauptes den üblichen Segeuspruch aus, welchen er auf Wunsch der Majestäten in deutscher Sprache wiedergab. Während des Segenspruches hatten auch der Kaiser und der Prinzregent ihr Hanpt bedeckt, da dies wie der Prinzregent meinte, in den jüdischen Gotteshäusern so üblich sei. Mit sichtbarem Interesse durchwanderten die hohen Herrschaften das herrlich geschmückte Gotteshaus und schritten zur heiligen Lade hin, deren Betrachtung sie besondere Aufmerksamkeit schenkten. Auf die Frage des deutschen Kaisers, ob in der Lade sich Reliquien befinden, erwiderte der Herr Rabbiner, das sie einzig und allein die Aufbewahrungsstätte der Thorarollen sei, welche den Juden heilig und wert sei wegen des Inhaltes. Beim Abschiede reichten die Majestäten dem Rabbiner huldvollst die Hand mit Worten des Dankes. Am Schlüsse sagte der Kaiser zum Herrn Rabbiner, dass er sich erinnere, als Prinz die berühmte Altneuschul in Prag gesehen zu haben. wozu der Prinzregent bemerkte, dass auch der alte jüd. Friedhof in Prag eine bekannte Sehenswürdigkeit sei. München, 7. Sept. Sechs jüdische Kaufleute hatten gegen den Antisemitenführer Wengg Beleidigungsklage erhoben, weil er zu Weihnachten seinem ״Deutschen Volksblatt“ ein Flugblatt beigelegt hatte, in dem das Publikum aufgefordert worden war, nichts bei Juden, sondern bei christlichen dentschen Geschäftsleuten zu kaufen. Das Schöffengericht hat seinerzeit Wengg freigesprochen. Die dagegen von den Klägern erhobene Berufung wurde heute vom Landgericht verworfen. In der Urteilsbegründung heisst es. das Flugblatt sei allgemein gegen die Juden, nicht gegen die Münchener Juden im besonderen gerichtet, und es sei auch nicht erkennbar, dass es jeden Juden gemeint habe oder gegen bestimmte Personen gerichtet sei. Durch das Flugblatt mag der einzelne Jude erregt worden sein, aber diese Erregung vermöge nicht den Thatbestand der Beleidigung für eine Verurteilung zu ersetzen, wie es vielleicht auf anderem Wege möglich wäre. Brückenau. Gelegentlich der Enthüllungsfeierlichkeit des Denkmals König Ludwigs I. von Bayern am 4. d. M. hatte Herr W. Grünebaum aus Fulda die Ehre, von dem Prinzregenten von Bayern, welcher der Feier beiwohnte, in eine kurze Unterhaltung gezogen zu werden. Herr ifrünebaum, dtzr deil Feldzug mitgemacht und sich zur Kur hier aufhielt, hatte sich dem Brückenauer Kriegerverein, der an der Feier teilnahm, angeschlossen. Beim Abschreiten des Vereins, kam Prinzregent Luitpold auf trrünebaum zu und erkundigte sich, u. a. nach dfer Ursache seines Feldzugleidens und bei welcher Gelegenheit er die Ordensdekoration, die silberne Verdienst ־ Medaille mit Schwertern, erhalten habe und war sichtlich befriedigt, dass G. die Auszeichnung für einen in der Schlacht bei Artenay am 2. Dezember 1870 äusserst gefahrvoll ausgeführten Ordonnanzritt, wobei seine Ausrüstung von drei l ändlichen Kugeln durchlöchert wurde, empfing. Rom, 9. September. Der Admiral Canevaro, dqr Wftgöü einiger Misshelligkeiten mit den anderen Flottenbefehlshabern vor Kreta bierhergekommen, wird, wie die ״Opinione“ erfährt, in 14 Tagen nach Kreta zurückkehren. Der Papst soll, wie andere Blätter wissen wollen, ziemlich besorgt sein, die zionistische Bewegung zur Rückkehr der Juden nach Palästina möge grösseren Umfang annehmen. Die Meldung, der Sultan habe den Zionisten schon Versprechen gemacht, veranlasste der! Papst, Msgr. Benetti, den apostolischen Delegaten in Konstantinopel, nach Rom zu berufen, um sich mit ihm zu beraten, wie man den jüdischen Plänen entgegenarbeiten solle. Guten Katholiken sind sie ein Dorn im Auge. Der Plan widerstreitet zudem dem Wunsche des Papstes, das nötige Geld aufzutreiben, das heilige Land anzukaufen und es den Ungläubigen zu entreisseu. Der Vatikan hat bereits Frankreich, welches die Schutzmacht über die katholischen Interessen im Orient ist, Vorstellungen gemacht. Aus London wird geschrieben: Während der letzten Wochen wurden von dem in London bestehenden Centralcomite zur Unterbringung der aus Russland nach England geflüchteten Juden in Essez gegen 25 000 Acres brachliegenden Landes angekauft, um auf denselben jüdische Ackerbaukolonien zu errichten. In England ist gegenwärtig infolge des seit Jahren anhaltenden Rückganges der Getreidepreise fast ein Drittel des gesamten Ackerlandes unbebaut und deshalb billig zu verkaufen; andererseits ist es in London sehr schwer, für die russischen Juden lohnenden Verdienst zu schaffen, sodass man jetzt zu ihrer Ansiedelung auf dem Lande schreiten will. Auch in anderen Teilen Englands sind bereits zu dem gleichen Zwecke Land ankäufe in Aussicht genommen. Paris, 5. Sept. Zu dem Orieiitalistencongress, der heute, wie erwähnt, in Paris eröffnet wurde, haben sich über neunhundert Mitglieder angemeldet, von denen zwei Drittel Ausländer sind. Auch Damen befinden sich darunter, und es werden interessante Reden über die Stellung der Frau im Orient angekündigt : ein neuer Beweis, dass der Feminismus sich auf alle Wissensgebiete ausdehnt. Der Congress ist seit 1894 der zwölfte seiner Art. Die Arbeiten werden die ganze Woche ausfüllen und sind auf sieben Sootionen verteilt, welche noch heute nach der feierlichen Eröffnungssitzung ihre Vorstände zu ernennen haben. Die erste Section beschäftigt sich mit der Sprache und der Archäologie der arischen Völker, die zweite mit Sprachen und Archäologie des äussersten Ostens, die dritte mit dem Islam, die vierte mit semitischen Dingen und die fünfte ausschliesslieh mit Aegypten. Der sechsten ist der Hellenismus mit seinen Beziehungen zu dem Orient und der siebente für die Behandlung ethnographische)־ Fragen Vorbehalten. Die Eröffnung des Congresses fand, wie gemeldet, unter dem Vorsitz des Unterrichtsministers Rambaud in der Festhalle des Lyzee Louis le Grand statt. Zur Rechten des Ministers sass das Institutsmitglied Schefer, Präsident des Congresses, und zu seiner linken der Präsident des Pariser Gemeinderats Sauton, welcher nach den ersten Begrüssungen die fremden Gaste für nächsten Freitag zu einem Empfange im Stadthause einlud. Auf dem Oongresse sind drei gelehrte Vereine aus Algerien, drei deutsche, sieben österreichische, sechs nordamerikanische, neun französische, zwölf englische, acht italienische, sechs schweizerische, zwei russische, zwei griechische, im Ganzen 65 Gesellschaften vertreten. Mehrere Abgeordnete fremder Regierungen ergriffen das Wort, um dem Organisationscomite zu danken, so Vambery aus Pest, der Schweizer Xaville. der Japaner Tomii, der den Wunsch ausspl'aeh. der nächste Congress möchte in seiner Heimat stattfinden, und der chinesische Gesandte Tsching-Tschang, welcher der französischen Regierung für ihre Bemühungen um die Erforschung des Geisteslebens des äussersten Ostens Anerkennung zollte. Fast jeder Abend der gelehrten Gäste ist durch irgend eine ihnen zu Ehren veranstaltete Festlichkeit besetzt: zum Schlüsse werden sie am Samstag im ״Hotel Continental“ bankettieren.