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Berliner Vereinsbote · 1897-09-17 · Heft 38 (17.9.1897) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 38 (17.9.1897)
Date
1897-09-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Umschau. Berlin. Soeben sind die ersten Esrogim aus dem heiligen Lande bei der Import-Gesellschaft ״Palästina״ eingetroffen. Dieselben stammen aus der Kolonie ״Maskereth Bathya״, der einzigen, welche bis jetzt Esrogim zu liefern vermag, da die Ernte der ausgedehnten Pflanzungen in den übrigen Kolonien (der Orlah-Vorschriften wegen) noch nicht benutzt werden kann. Die sonst in den Handel kommenden palästinensischen Esrogim sind fast ausnahmslos von arabischen Bauern gepflanzt und gezogen, während sämtliehe Arbeiten an den in Ekron gewonnenen nur von Juden verrichtet wurden. Der gesamte Ertrag der diesjährigen Ernte ist von Herrn Salant in Jaffa, einem Sohne des Oberrabbiners R. Samuel in Jerusalem, angekauft, was erhöhte Gewähr dafür bietet, dass den religionsgesetzlichen Vorschriften in vollem Umfange Rechnung getragen ist. — Zu der angeblich geplanten Osterreise des Kaisers Wilhelm nach Jerusalem wird dem ״Neuen Wiener Tageblatt“ mitgeteilt: Sollte Kaiser Wilhelm wirklich seine geplante Pilgerfahrt nach Jerusalem unternehmen, 80 wird er der zweite deutsche Kaiser sein, der die heilige Stadt und das Grab Christi besucht. Der erste deutsche Kaiser, der nach Jerusalem kam, war Friedrich II., der Hohenstaufe, der einen Kreuzzug nach dem heiligen Lande unternahm, in Askalon aber mit dem Kalifen Kramil von Egypten einen Vertrag abschloss, in dem dieser ihm die heilige Stadt samt ihrem Gebiete und einen Küstenstreifen dazu abtrat. Hierauf hielt Friedrich seinen feierlichen Einzug in Jerusalem worauf ihn der lateinische Patriarch am heiligen Grabe zum König von Jerusalem krönte. Mit der deutschen Krone ging später auch der Titel König von Jerusalem von den Hohenstaufen auf die Habsburger über. Kaiser Franz Joseph war jedoch der einzige habsburgisclie Kaiser und Titularkönig von Jerusalem, der die heilige Stadt besuchte, und zwar 1869. Das deutsche Reich war übrigens in Jerusalem, schon seit den Tagen Karls des Grossen vertreten, der am Grabe daselbst einen Consul bestellte. Es war dies der erste Geschäftsconsul, den die Geschichte kennt. Karl der Grosse hatte auch am Hofe des Sou Vereins von Jerusalem, des Kalifen Harun al Raschid in Bagdad, einen Gesandten bestellt. Es war dies der Jude Isak (Magister Isaccus), den die arabischen Chronisten Scheck Ischckek nannten. Dieser hat in Bagdad mehrere fromme Stiftungen zu seinem Seelenheile gemacht und auch eine Synagoge dort erbaut, die noch heute besteht. — In einer antisemitischen Versammlung, die am 9. in Berlin tagte und in der sich die Vertreter der verschiedenen antisemitischen Gruppen gegenseitig mit Liebens- Würdigkeiten bewarfen, erzählte u. a. auch Herr v. Mösch, dass Professor Dr. Förster jetzt genau so wie er (v. Mosch) vom ״Germanischen Volksbunde“ angestellt sei und pro Monat 100 Mk. Gehalt für eine Agitation bekomme, da er mit seinem Professorengehalte seine Familie nicht ernähren könne. (Grosse Bewegung. Heimisches Lachen! Pfuirufe und hört, hört!) — (Ein neuer Trick Ahlwardts.) In seiner neuen Schrift erzählt Ahlwardt: ״Da ich selbst durch meine Prozesse, insbesondere durch den Judenflintenprozess der Gerichtskasse gegenüber mit weit über 20000 Mk. belastet bin, so konnte ich nicht Inhaber des Geschäftes werden.“ (S. 15.) Damit motiviert er, dass er seinen minorennen Sohn als Inhaber seiner Cigarrengeschäfte angemeldet habe. Herr Ahlwardt ist als Geschäftsmann gar nicht dumm. Der Judenflintenprozess kostete 14000 Mk. Aber am 23. August 1894 meldete die ״Antis. Corr.“, dass Ahlwardt das Recht hat, die Summe in Raten von 3 Mk. monatlich abzuzahlen. Uns scheint hier eine Art unredlichen Wettbe- Werbs vorzuliegen, der, um antisemitisch zu reden, ״jüdisch“ aussieht! Spandau. Herr M. Weyl, Hörer des Rabbiner-Seminars zu Berlin, ist einstimmig zum Prediger der hiesigen Gemeinde gewählt worden. -— ״Heber die Verjudung der Pharmazie“ jammert ein Apotheker im frommen ״Volk״ folgendermassen: Wie alle anderen Gelehrtenberufe, so hat auch die Pharmazie unter dem Andrange der Semiten zu leiden; diese Elemente sind es hauptsächlich, welche die jetzigen kolossalen Apothekerpreise verursacht haben, weil ihnen stets das nötige Kapital zur Verfügung steht, — ihnen ist es vor allem zuztischreiben, dass von hoher Stelle im Abgeordnetenhause die bekannten Aeusserungen über unerhörten Apothekenschacher gefallen sind. Um so erfreulicher ist die Wahrnehmung, dass sich unter den christlichen Apothekenbesitzern zahlreiche Herren befinden, welche sich nicht dazu hergeben wollen, durch Annahme von jüdischen Lehrlingen und Gehilfen die Zahl der semitischen Pharmazeuten zu vergrössern. Es ist eine erfreulich grosse Anzahl von Männern, die wenigstens soviel Mut besitzen, in ihren Gesuchen ansdrücklich christliches Personal zu verlangen, während von den übrigen, die dies nicht ausdrücklich hervorheben, sicher noch sehr viele dieselbe Absicht hegen und sich den Namen des Bewerbers sehr genau auf alttestamentische Abstammung ansehen werden. In Nummer 71 der ״Pharmazeutischen Zeitung״, welche in Apothekerkreisen am weitesten verbreitet ist und die meisten derartiger Annoncen enthält, finden wir unter 268 Gehilfengesuchen 44, bei denen Christliehe Konfession (richtiger natürlicher Religion) vorgeschrieben wird, 3, welche Angabe der Konfessession bzw. Religion verlangen und 4, welche evangelische Gehilfen wünschen; das sind nahezu 20 Proz. — Dasselbe Verhältnis ist bei den 80 Lehrlingsgesuchen; hier sollen 12 christlich, 2 evangelisch. 2 katholisch sein, also ebenfalls 20 Prozent. Dazu kommt noch eine Anzahl von Gesuchen, in welchen junge Leute ״aus guter Familie״ verlangt werden, — gemeint ist jedenfalls auch ״aus christlicher Familie“. Nach meiner Ueberzeugung liefern die angeführten Zahlen den Beweis, dass die Mehrzahl der deutschen Apotheker mit den jüdisehen Eindringlingen nichts zu thun haben will. (Habeatsibi!) — Das sittliche Niveau der antisemitischen Partei scheint, so lesen wir in der ״Sächsischen Arbeiterzeitung“, ein ziemlich niedriges zu sein, wie die Zustände dieser Partei im Plauenschen Grunde zeigen. Der bekannte Maschinenfabrikant Friedrich Müller in Potschappel ist noch immer erster Vorsitzender des Reformvereins im Plauenschen Grunde. Von diesem Herrn ist gerichtlich konstatiert, dass er sich an mehreren seiner Dienstmädchen sittlich schwer vergangen hat und seine eidlichen Aussagen sind vom Gerieht als unglaubwürdig bezeichnet worden. Diese Dinge sind mehrmals in der Presse erörtert worden; in öffentlieber Einwohnerversammlung ist ein Beschluss gefasst worden, dass man den Herrn wegen dieser Handlungen nicht mehr für würdig hält, Gemeindevertreter zu sein, die sozialdemokratischen Gemeinderatsmitglieder verlassen jedesmal die Sitzung, wenn Herr Müller erscheint, von anderer Seite ist ihm bereits nahe gelegt worden, nicht mehr in den Gemeinderatssitzungen zu erscheinen, der Gemeinde- Vorstand ist Müllers wegen bei der Amtshauptmannschaft vorstellig geworden — aber zum Vertreter der antisemitisehen Partei ist er noch lange gut genug. Die moralische Versumpfung dieser Partei wird dadurch trefflich gekenntzeichnet. Cassel. Unsere Gemeinde besitzt eine Wohlfahrts- Einrichtung, welche auch für weitere Kreise Interesse erregt. Der im Jahre 1817 gegründete ״Schwesternbund״, welcher das Ziel verfolgt, unbemittelte israelitische Mädchen erwerbsfähig zu machen, und schon 80 viele seiner Schützlinge zu häuslicher, kaufmännischer oder wissenschaftlicher Thätigkeit herangebildet hat, gründete am 1. Mai 1896 ein Heim, in welchem aus dem Rgbz. Cassel stammende Mädeben, die sich zu ihrer Ausbildung oder zu ihrer Berufsthätigkeit in Cassel aulhalten, gegen massiges Kostgeld eine behagliche Häuslichkeit finden können. Die unter Aufsicht des Vorstandes des ״Schwesternbundes״ stehende Anstalt wird von einer tüchtigen Hausmutter geleitet, welche für das sittliche und körperliche Wohl der ihr an vertrauten Zöglinge sorgt und hauswirtschaftlichen Unterricht erteilt.

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