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Berliner Vereinsbote · 1897-09-10 · Heft 37 (10.9.1897) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 37 (10.9.1897)
Date
1897-09-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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— Echt amerikanische Reklame hat Reichstagsabgeordneter AM wardt ״drüben“ gelernt. So hat er seine Broschüre ״Ein offenes Wort,“ in welcher er seine Freunde aufforderte, bei ihm Cigarren zu kaufen, unterzeichnet: ״Hermann Ahlwardt, M. d. R.“ In derselben Broschüre empfieht er — ohne Scherz! — als vorläufige Specialität Cigaretten: Judenflinten mit und ohne Mundstück. Auf den Reklamekarten, die sein Bildnis tragen, empfiehlt anf der einen Seite die Firma Ahlwardt & Co. ihre Mustersendüngen, die andere Seite enthält das Lied; ״Cabs darum ©ine Hermannsschlachr.“ Auch. Agitationsmarken hat Ahlwardt ausgegeben. Sie enthalten die Adressen seiner Ceschäfte und in der Mitte anf violettem Crunde den Kopf Ahlwardts (weiss) in Cäsarenart als erhabenes Relief (ähnlieh wie die Köpfe der Herrscher anf Celdmünzen.) — In einem anderen Falle lässt ein Juwelier in der Steglitzer Strasse Zettel verteilen, auf denen zu lesen steht: ,,Nichts kostende Verlosung von Uhren und Coldwaren am 26. December 1897. Da ich an den Diebstahl vom 2. Mai 1896 im Werte von 10,000 Mark nicht mehr erinnert sein will, so werde ich sämtliche zurückerhaltene Gegenstände, als: eine goldene Herrenuhr, eine goldene Damenuhr, Armbänder, Broschen, Ohrringe u.8. w., insgdsammt fünfzig Gegenstände, verlosen und erhält Jeder, welcher mein Geschäft beehrt, sei es durch Reparatur über 50 Pfg. oder Ankauf von Juwelen, Gold- oder Silberwaaren eine Nummer, welche zu gleicher Zeit auch als Los gilt.“ Nun folgt natürlich eine Anpreisung der Waren und der Billigkeit des Geschäfts. — Einen allgemeinen conservativen Parteitag wollen ‘ die Junker und ihr Anhang auf den nächsten Winter nach Berlin berufen. Auch die ״reinen“ Antisemiten wollen sich auf einem Parteitage einmal über den Verfall ihrer sögenannten Partei unterhalten. Welchen Parteitag wird nun Herr Stöcker mitmachen? Oder will er auch fernerhin ein stiller Mann bleiben? — Heber den Commers, den die Teilnehmer am Zionistencongress in Basel veranstalteten, schreibt die ״Allg. Schw. Ztg.“: ״Der Einladung zum Commers folgten 80 ziemlich alle hier anwesenden Congressmitglieder. Trotz den löblichsten Anstrengungen des schneidigen Tafelmajors blieb der Grundton der Versammlung ein ernster, bedingt durch die vom sozial-religiösen Idealismus der Zionisten durchdrungenen Reden, die weniger der Gemütlichkeit Nahrung boten als dem zionistischen Programm galten. Dr. Theodor Herzl warf einen befriedigten Rückblick auf das bereits Erzielte und Dr. Max Nordau Iiess vor dem geistigen Auge der aufmerksamen Zuhörer die Juden in die Heimat der Väter zurückkehren. Einen donnernden Beifallssturm erntete ein von Dr. Feld gedichtetes und von dem Obercantor der 18raelitischen Gemeinde in Basel, Siegmund Drujan-Bollag, prächtig vorgetragenes Lied. Dr. Herzl machte, indem er für diesen Vortrag dankte, den Vorschlag, diesen Sang als zionistisches Nationallied zu bezeichnen, was unter rausehendem Beifall geschah. Das Lied lautet wie folgt: Dort wo die Zeder schlank die Wolke küsst. Und wo die schnelle Jordans welle fliesst, Dort, wo die Asche meiner Väter ruht. Das Feld getränkt hat Makkabäer Blut. Dies hehre Reich am Meeresstrand, Es ist mein liebes, trautes Vaterland! Und wenn mich rohe Kraft von dorten riss, In fremde Länder grausam mich verstiess, Das Herz, es blieb in Zion noch zurück, Nach Sonnenaufgang fliegt mein feuchter Blick, Ich fleh’, nach Osten täglich hingewandt, Um Rückkehr in das teure Vaterland. Wenn aber nach des Schicksals strengem Mund, Zu früh mein Auge bricht auf fremdem Grund, So senkt mich in die kühle Gruft behend, Mit meinem Antlitz nach dem Orient, Mit meiner Stirn nach Zion hingewandt, Nach meinem teuren, lieben Vaterland. Drin will ich lauschen, lauschen in Geduld, Bis abgebüssfc ist meiner Väter Schuld, Bis sich da» Maas der Leiden hat gefüllt. Und ein Erlöser meine Sehnsucht stillt, Der das vertriebene Volk mit starker Hand Zurückbringt in das holde Vaterland. Dort wo die Ceder schlank die Wolke küsst. Und wo die schnelle Jordanswelle fliesst. Dort, wo die Asche meiner Väter ruht, Das Feld getränkt hat Makkabäer Blut, In dieses Reich am blauen Meeresstrand, In dieses liebe, traute Vaterland. Ein Abgesandter aus Palästina, der in bewegter Red© die Grüsse der dortigen Volksgenossen überbrachte und die treue Zugehörigkeit der dortigen Juden zum Gemeinstaat beteuerte, wurde mit brausendem Hoch belohnt, ebenso eine Dame, die in warmen Worten die jüdische Frau zur Heeresfolge des Zionismus aufforderte. Der Abend war eine Fort- Setzung der Verherrlichung des ganzen zionistischen Programms. Erst in später Stunde brachten die zionistischen Studenten die eigentliche Gommersstimmung ins Leben. Die Vormittagsversammlung am Diensag verlief unter Beratungen über die Details der Organisation. Köln. In einem Artikel ״Kölner Ereignisse aus dem fünfzehnten Jahrhundert“ in No. 366 des ״Stadtanzeigers“ wird u. A. aus der KoelhofFsehen Chronik die bekannte Thatsache der Kölner Juden im Jahre 1424 berichtet, weil sie, vom Erzbischof unterstützt, sich geweigert hatten, ausser diesem ihrem Schirmherren auch noch der Stadt Köln hohe Schutzgelder zu zahlen. Es wird dann weiter mitgeteilt: ״Am Schlüsse des bewilligten Jahres zogen die Juden aus Köln ab, die Judenschule gegenüber dem Rathause fiel der Stadt anheim, sie wurde niedergerissen und an ihrer Stelle die Ratskapelle zu Ehren der hl. Jungfrau errichtet.“ Diese letzte Mitteilung ist nicht richtig. Wie aus mehreren Urkünden aus jener Zeit hervorgeht, liess die Stadt Köln am 28. Mai 1426 sich den Besitz der ״Judenschule“ nebst Umgebung auf Grund gerichtlichen Urteils ״anwäldigen.“ Zu derselben Zeit beschlossen Bürgermeister und Rat einerseits, und der derzeitige Pastor von St. Laurenz andererseits, die Synagoge in eine Kapelle umzuwandeln. Schon am 8. September 1426 fand die Weihe statt und ward die Kapelle genannt ״zu Jerusalem“. Die Synagoge wurde also nicht niedergerissen, sondern nur im Innern umgewandelt. Später wurde sie etwas ״erhöht, gewölbt und sonst verbessert,“ erhielt auch einen Dachreiter und neue Fenster. Vor etwa 20 Jahren ersetzte man die Ost- und Westmauern durch neue. Der einstigen Synagoge gehören noch heute die Süd- und Nord wand an. Das im Westen anstossende unterirdische Judenbad wurde vor einem Jahrzehnt aufgedeckt und dann zugeschüttet. Diese ehemalige Synagoge und spätere Ratskapelle wird jetzt von den Altkatholiken zum Gottesdienst benutzt. Danzig. (Protestversammlung des Kaufmännischen Vereins von 1870). Wie noch erinnerlich sein dürfte, fand vor ca. 14 Tagen hier eine Versammlung des ״Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes“ statt, in welcher dieser für seine Institutionen, bei denen im Statut u. a. der Ausschluss von Juden gefordert wird, Propaganda machte. Die Abstimmung über eine Protestresolution gegen diese Tendenz wurde in der Versammlung etwas eigenartig gohandhabt. Diese Versammlung und ihr Verlauf hatten den Vorstand des Kaufmännischen Vereins von 1870 veranlasst, eine zweite öffentliche Versammlung zu gestern Abend in den ״Kaiserhof“ einzuberufen, die unter dem Vorsitz des Herrn Aust tagte, recht zahlreich besucht war und sich schliesslich mit Entschiedenheit gegen den Antisemitismus aussprach. Der Vorsitzende des Kaufmännischen Vereins von 1870, Herr Haak, hatte das Referat übernommen. Er führte aus; dass es sich heute darum handele, Stellung zu nehmen5 gegen eine Bewegung, die zwar nicht neu Sei, glücklicher^ weise aber in Danzig bisher noch keinen Boden gefunden habe. Wir wollen, hob der Redner hervor, laut und offen

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