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Berliner Vereinsbote · 1897-09-10 · Heft 37 (10.9.1897) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 37 (10.9.1897)
Date
1897-09-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Umschau. — Auszeichnungen. Seine Majestät der Kaiser verlieh unter anderem bei seiner Anwesenheit in der Provinz Hessen- Nassau folgende Auszeichnungen an unsere Glaubensgenossen: Den Rothen Adler-Orden vierter Klasse dem Direktor der Realschule und der höheren Mädchenschule der israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. Main, Dr. Hirsch. — Dem ordentlichen Professor an der Universität zu Marburg, Dr. Cohen, den Charakter als Geheimer Regierungsrat. — Dem Kaufmann Goldschmidt zu Frankfurt a. Main den Charakter als Kommerzienrat. — Dem Fabrikbesitzer Isidore Loewe ist das Ritterkreuz des Ordens der Wiirttemberger Krone verliehen worden. — Dozent Dr. A. Berliner hat für seine ״Geschichte der Juden in Rom“ von zwei Ministern der italienischen Regierung sehr herzliche Dankschreiben erhalten. — Bei dem vor der Königlichen technischen Hochschule erlassener Preisausschreiben für Studierende für 1897 erhielt Georg Sohlesinger aus Berlin den zweiten Preis und Rudolf Cohn aus Steglitz eine lobende Anerkennung. — Der Kaiser von Oesterreich hat dem Eigentümer und Leiter der Kalt- Wasserheilanstalt in Kaltenleutgeben, ausserordentlichen Universitätsprofessor Dr. Wilhelm Winternitz, in neuerlieber Anerkennung seines humanitären und gemeinnützigen Wirkens den Titel eines Regierungsrates verliehen. — Dass für die , ,Staatsbürgerzeitung“ und ihren saubereu Anhang zumeist nur solche Juden Interesse haben, die ohne jeden Religionsunterricht aufgewachsen sind und somit einigen Stoff zu Angriffen gegen das gesamte Judentum bieten, ist ja bekannt. Es ist daher begreiflich, dass dieses Blatt sich über die Forderung der Juden, den jüdischen Religionsunterricht als obligatorischen Unterrichtsgegenständ für die Kinder jüdischen Glaubens an allen Lehranstalten einzuführen, sich entrüstet und wie immer auch hier andere als die wirklichen Motive für unsere Wünsche wittert oder vielmehr ihren Lesern beizubringen versucht. In der vorigen Woche zog die ״Staatsbürgerin“ gegen den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund ob seiner Petition, betreffend die Einführung des Religionsunterrichts zu Felde, und in der No. vom 31. 8. hat sie wieder den Synagogenvorstand am Wickel, den diese zweifelhafte Ehre gewiss sehr kalt lassen wird. Sie schreibt u. a.: ״. . . . Beachten wir zunächst einmal, dass von der conservativen Richtung im Judentum dem Vorsteher der Gemeinde nachgesagt wird, dass er selbst seine Kinder nicht in den jüdischen Religionsunterricht schicke, dass in jüdischen Lehrervereinen neuerdings die Abschaffung der Religionsschulen oder ihre Umwandlung in öffentliehe Elementarschulen (Das ist nicht wahr! D. R.) angeregt wird und dass die ärgsten Schreier vielleicht mit obigem Circular bedacht werden müssen. Ferner: § 62 kennt keine ״Ursachen“, die von seiner Nachachtung entbinden könnten, sondern es heisst einfach, der ״Vorstand hat dafür zu sorgen, dass kein jüdisches Kind ohne religiösen Unterricht aufwachse“, und ebensowenig wird der Polizeipräsident persönlich neugierig auf solche Ur- Sachen sein. Sie können aber unter Umständen den Nachweis für die ״Ohnmacht״ des Vorstandes bringen, welche der Leiter der Gemeinde in dieser Sache unentwegt behauptet und worauf sich vielleicht die Geneigtheit des Staates, auf bauen lässt, an Stelle der jetzt unausbleiblichen (?) Querzüge die Verpflichtung au diesem Unterricht selbst in die Hand zu nehmen. Weiter wollen die Juden für ihre besonderen Ziele nichts. Sie müssten auch ziemlich dumm sein, wenn sie den Hinweis auf etwaige Ursachen, die ihnen dis Erfüllung ihrer dem Staate schuldigen Pflicht verleiden, nicht verstehen sollten. Der unter Umständen hernach zu behauptende Gewissenszwang macht sich besser als die Klage über Schulversäumnisse. Die Hauptsache bleibt nur die, dass in die geschaffene Sackgasse der Staat hinein- und der Vorstand herauskommt. Die Sehnsucht der Juden nach Religionsunterricht zu glauben fällt schwer, wenn man erfahrt, daes sie VOn der längst dafür gebotenen Gelegenheit so wenig Gebrauch machten. Es beweisen die Petitionen vom Januar d. J. aber nur den Wunsch der Juden, Freizügigkeit durch unsere gesamten Schule zu erlangen und einigen hundert Juden neue staatliche Lehrerstellen zu schaffen.“ (Das glaubt Dr. Bachler selber nicht. D. R.) Mit dieser Leistung befindet sich die ״Staatsbürgerztg.“ mit dem ״Volk“ in brüderlichem Vereine. — Die Antisemiten unter sich. Die zusammengewürfelten Elemente, welche eigentlich nur durch den Judenhass vereinigt wurden und früher in so viele Gruppen zerfielen, wie sie Köpfe zählten, haben 1893 nach den Wahlen sich zu einer Partei vereinigt, der deutsch-sozialen Reformpartei. Auch die Abgeordneten traten zu einer Fraktion zusammen, allein die Freude hatte nur kurzen Bestand, einer nacb dem anderen fielen die Abgeordneten von der neu gebildeten Fraktion ab und wenn die Entwickelung so weiter geht, zeugt bald nur ״eine stolze Säule“, der streitbare Herr Liebermann von Sonnenberg, von der entschwundenen Pracht. Ahlwardt wurde von der Fraktion nicht aufgenommen, Böckel trat aus, Hänichen in Dresden legte sein Mandat nieder, das den Sozialdemokraten zufiel, neuerdings schied Förster aus der Partei, und zuletzt erklärte der Abgeordnete Köhler, offenbar im Einverständnisse mit seinem Freunde Hirschei, dass er nur in der Fraktion bleibe, weil ihn dieselbe nicht geniere, in Zukunft werde er mit den Abgeordneten des baierischen Bauernbundes zu einer Fraktion zusammentreten. Fallen sieht man Blatt auf Blatt. Ausserhalb des Reichstages ist es noch ärger. Neben der offiziellen Partei Liebermann - Zimmermann -Werner existiert die ״Allgemeine antisemitische Vereinigung,“ die den Abgeordneten Ahlwardt angestellt hat. Dann giebt es einen Germanischen Volks-Bund, in dem Herr v. Mosch das grosse Wort führt־ er will bei den nächsten Wahlen den Konservativen allein vier Sitze entreissen. In Berlin haben wir auch noch einen Verband liberaler Antisemiten mit Scbwenbagen und Muralt, der besonders das Christentum angreift, und den Dühring’schen sozialitären Bund, der den vorigen an Gehässigkeit gegen die Religion der Juden wie der Christen noch übertrifft, endlich noch eine Fraktion Förster, deren Standpunkt nicht bekannt ist. Auch ausserhalb Berlins ist es nicht besser; die Antisemiten in Hambürg bilden ihre eigene Partei genau SO gut, wie die badische und bayerische Antisemitenpartei, und der mitteldeutsche Bauernverein Köhlers verwahrt sich dagegen, etwa mit der offiziellen Partei identifiziert zu werden. Am Rhein soll es auch eine katholische antisemitische Partei geben, deren Organe in Trier und Aachen erscheinende Blättchen sind, sie ist aber sonst noch nicht in die Oeffentlichkeit getreten. Das sind schon 11 Gruppen und die Auflösung ist noch nicht beendet, aber die Zerklüftung der antisemitischen Gruppen ist schon daraus klar genug. Einen neuen Zankapfel bildet das Verhältnis zum Bund der Landwirte. Dieser istden Antisemiten sehr nahe gerückt durch die Wahl des Dr. Hahn zum Direktor, nachdem ursprünglich Liebermann diesen gut dotierten Posten erhalten sollte und nur in Folge Einspruches der Konservativen seine Wahl unterbleiben musste. Aber Dr. Hahn und Liebermann sind zwei Brüder, ihre Parteien werden sich immer gegenseitig unterstützen. Damit kommen nun die hessischen Antisemiten in Konflikt, denn sie haben einen eignen Bauernverein, und ihnen macht der Bund der Landwirte Konkurrenz, Sie wollen ihn deshalb in Hessen nicht aufkommen lassen, und es ergiebt sich das interessante Bild, dass, während der rechte Flügel der deutsch-sozialen Reformpartei unter Liebermann mit dem Bunde der Landwirte sehr intim ist, der linke Flügel Köhler-Hirschel mit demselben im heissen Kampfe liegt, und auch in Sachsen eine scharfe Animosität, zwischen dem Bund und den Antisemiten Zimmermann herrscht. Eine so zerklüftete Partei erhebt den Anspruch als Regenerator unseres Parteilebens aufzutreten.

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