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Berliner Vereinsbote · 1897-09-10 · Heft 37 (10.9.1897) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 37 (10.9.1897)
Date
1897-09-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Utopistereien hinauslaufen. Uns fallt bei einer objektiven Betrachtung eine gewisse Aehnlichkeit des Zionismus mit den ersten Anfängen der Sozialdemokratie auf. Hier wie dort glühende Phantasie, begeistertes Wollen, Berauschen in Phantomen. Nebelgebilde eines Zukunftsstaates. Die Sozialdemokratie ist freilich im Laufe der Zeit immer ruhiger und nüchterner ge worden, ihre Zukunftsstaatspläne sind längst geworden wie die berühmte ״gute Stube“, die man kaum einmal im Jahre in Benutzung nimmt, dafür ist praktische Politik in! Gegenwartsstaat längst das ausschlaggebende Moment geworden. Ob der Zionismus diese Ent- Wickelung früher oder später auch einmal durchmachen Zwecklos scheint uns die Streitfrage, welche bekanntlich das Schibboleth zwischen Zionisten und Antizionisten bildet, ob das Judentum von heute als eine Religion oder eine Nation anzusehen sei. Unserer Meinung nach ist ein jeder Jude das, was er sein will, das. als welcher er sich angesehen wissen will. Ob er damit den Widerspruch der Zionisten wie der Antisemiten findet, ist vollkommen irrelevant. Auf ihrem Congress wurde die Lage der Juden in den einzelnen Ländern grau in grau gemalt vorgeführt. Dies Schauergemälde mag in manchen Zügen richtig sein. Wenn aber der Zionismus um diesem Elend zu entgehen, in allem Ernst die Juden aus allen Ländern der Welt nach dem einen Mittelpunkt Palästina hinausschaffen will, so will uns dieser Ausweg denn doch etwas zu abenteuerlich erscheinen. Man transplantiert heute keine Völkerschaften mehr, ganz abgesehen davon, dass der überaus überwiegende Teil der Juden von solcher Projektenmacherei nichts wissen will. Auch dagegen muss mit allem Nachdruck protestiert werden, dass von Seiten der Zionisten vielfach es so dargestellt wird, als sprächen sie im Namen des gesamten Judentums. Das ist ein Uebergriff, zu dem die Herren durch nichts berechtigt sind. Im Uebrigeu aber, es verrät nichts weniger als Mut und Selbstgefühl, wenn man den Kampf einfach dadurch beendet, dass man den Rückzug in der denkbar radikalsten Form au tritt, indem man dem Gegner einfach ohne Schwertstreich das Schlachtfeld überlässt. Wir geben trotz alledem und alledem, trotz Zionismus und Antisemitismus, noch lange nicht die Hoffnung auf, dass auch für das Judentum wieder einmal bessere Zeiten anbrechen werden. Man könnte sich des Langen und Breiten darüber aussprechen, ob es überhaupt möglich sei, für Millionen von Menschen, die doch — das kann nun einmal nicht geleugnet werden — ganz einseitig nach der kaufmännischen Richtung hin ihre Ausbildung erfahren haben, sich auf einem verhältnismässig geringen Raum selbständig zu erhalten. Auch die ungeheuren Kosten dürfen doch nicht ausser Acht gelassen werden. Phantastisch angelegte Naturen sind allerdings nicht geneigt, über diesen Punkt sich besondere Kopfschmerzen zu machen. Dass sie selber das Geld nicht hergeben werden bezw, können, wissen sie ja selbst. Die Hauptseite der ganzen Angelegenheit ist jedoch die politische bezw. völkerrechtliche. Dass die Türkei, die heute noch im Besitz von Palästina ist, geneigt sein würde, gegen Zahlung ihrer Schulden Palästina den Juden zu überlassen, kann nur ein Kind oder ein Narr glauben. Der Türke, der ja in Europa nur im Quartier liegt, braucht seinen asiatischen Länderbesitz selber, um sich dorthin zurückzuziehen, wenn in Europa für ihn das Sterbeglöcklein geläutet wird. Das kann immerhin noch eine Weile dauern, und die türkische Staatsschuld dürfte bis dahin einen recht hübschen Höhengrad erreicht haben. Einstweilen hat der kranke Mann wieder einmal gezeigt, dass er, wenn er einmal gereizt wird, noch ganz verflucht hinter sich ausschlagen kann, und das deutet nicht auf Agonie. Ferner ist es aber klar, dass auf Palästina noch andere Leute Anspruch machen, namentlich Russland und Frankreich. Will der Zionismus etwa das gesamte Judentum unter Väterchen Zars Knute bringen? Oder denkt er etwa au eine völkerrechtlich gesicherte Heimstätte für die Juden Unter dem Protektorat eines europäischen Staates? Ein solches Verhältnis würde dem Schützling Pflichten auferlegen gegen seinen Beschützer, die den Beschützten mit allen übrigen Nationen in Konflikt bringen würden. Und dann wäre der alte Judenjammer wieder da. Und schliesslich darf doch nicht vergessen werden, dass das Christentum mindestens ein starkes moralisches Recht auf das heilige Land hat. Das Judentum eingekeilt in einem Lande, in dem die Fanatiker aller christlicher Konfessionen zusammenströmen, das gäbe eine Disharmonie, wie sie schlimmer kaum gedacht werden kann. Der Antisemitismus ist gewiss eine schlimme Sache. Am schlimmsten aber ist es, dass er unter den Juden Erscheinungen und Bewegungen hervorruft, die Israels Freunde mit tiefer Trauer erfüllen müssen. Die jüdischen Vereine Berlins. (Nach den Angaben der p. p. Vorstände.)!Etwaige Fngenauigk eiten bitten wir ged. berichtigen zu wollen.) Nachdruck verboten. ״Dibbuk Chawerim.“ Im November 1878 haben sich die Hörer des hiesigen Rabbinerseminars zusammengethan zu dem Verein ״Dibbuk Chawerim“, der den Zweck hat, die Geselligkeit zu pflegen und das wissenschaftliche Streben zu fördern. U. a. vermittelt er seinen Mitgliedern eine grosse Zahl der jüdischen Zeitungen und sucht durch die Institution der Litteratur- Abende sie mit den Neuerscheinungen auf dem Gebiete jüdischer Wissenschaft bekannt zu machen. Dem Vorstande gehören an die Herren: M. Hoffmann, Neue Promenade 7 (Vorsitz.), M. Calvary (Schriftführer), J. Kramer (Kassierer), S. Galliner (Zeitungsverwalter). ״Hachnassath Orchim.“ Der Verein hat die Aufgabe, arme zugereiste Leute am Sabbat und allen jüdischen Feiertagen zu beköstigen. Am 1. Januar 1896 von Herrn Max Hollaender begründet, zählt der Verein 80 ordentliche Mitglieder. Zu Gunsten der Vereinskasse wird alljährlich zu den hohen Festtagen Gottesdienst veranstaltet. Herr Heymann Offenberg, Strassburgerstr. 50 ist Vorsitzender, Herr Max Hollaender, (2. Vorsitzender) und Samuel Hollaender (Kassierer). Akad. Verein für Bibel-Studium. Vorsitzender eand. med. D. Lubowski, Neue Friedrichstrasse 59. Agudat achim ״Brüderbund“. Vorsitzender L, Beck. Humanitäts-Verein ״Linath hazedek.“ Vorsitzender Lewinsohn, Kl. Alexanderstr. 33. Israelitisches Kinderheim, Keibelstr. 140. Vorsitzende Frau Rabbiner Dr. Maybaum. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde. Vorsitzender R.-A. Dr. Veit Simon, Viktoria«tr. 5. ״Linath hazedek.“ Vorsitzender J. Chaim, Alte Schönhauserstr. 35. Verein jüdischer Studierender. Vorsitzender Rob. Hantke.

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