Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1897)
- Date
- 1897-09-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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fortgesetzt. Alsdann erhielt Dr. Birnbaum (Berlin) das Wort zur Begründung des zionistischen Programms. Von allen Ländern könne für eine jüdische Niederlassung nur Palästina in Betracht kommen. Dr. Farbstein (Zürich) erörterte die öconomischen Verhältnisse, die ebenfalls zu der zionistischen Bewegung der Juden geführt hätten. Darauf wurden die Verhandlungen um 7 Uhr abends vertagt. Basel, 30. August. Der Zionistenkongress hat nach langer Erörterung in der heutigen Vormittagssitzung das Programm der Bewegung folgen dermassen gefasst: Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Zur Erreichung dieses Zieles nimmt der Congress folgende Mittel in Aussicht: 1. zweckdienliche Förderung der Besiedelung Palästinas mit jüdischen Ackerbauern und Gewerbetreibenden. 2. Gliederung und Zusammenfassung der gesamten Judenschaft durch geeignete örtliche und allgemeine Veranstaltungen auf der Grundlage der Landesgesetze. 3. Stärkung des jüdischen Nationalgefühls und Volksbewusstseins. 4. Vorbereitende Schritte zur Erlangung der für die Erreichung des zionistischen Zieles notwendigen Zustimmung der Behörden. Basel, 30. August. Der Zionistencongress einigte sich heute, wie schon gemeldet, über das Programm der Bewegung, das Dr. Max Nord an der Versammlung unterbreitet hatte. Widerspruch erhob Dr. Bodenlieimer (Köln) dagegen, dass man von einer ״rechtlichen״ Heimstätte spreche. Das sei gleichbedeutend mit einer Vertauschung des Bürgerrechtes in Deutschland, Frankreich, England etc. mit dem türkischen Bürgerrecht in Palästina. Sie wollten nicht mehr blos geduldet sein, sondern eine Völkerrechtlich gesicherte Heimat besitzen. Der nächste Punkt der Tagesordnung betraf die zionistische Organisation. Der Berichterstatter Rechtsanwalt Dr. Bodenlieimer (Köln) erblickt in der trotz der Gegnerschaft der eigenen Stammesgenossen zu Stande gekommenen ersten jüdischen National- Versammlung die ersten Keime einer festen Organisation. Die Organisation müsse so gehalten sein, dass sich aus ihr die staatliche Selbstständigkeit entwickeln könne. Er schlägt die Einsetzung eines zionistischen Centralcomites in Wien vor und die Gründung einer jüdischen Bank, die später nach Palästina als jüdische Nationalbank verlegt werden könnte. Die Bank soll den Zweck haben, Mittel zur Agitation u. 8. w. aufzubringen. Daneben werde man noch einen Nationalfonds für Colonisationszwecke errichten. Das Centra-lcomite und die Bank würden auch die besten Unterhändler mit der türkischen Regierung wegen Landconzessionen und Ansiedelungen sein. Grosses Gewicht werde man auf die Agitation legen müssen. Wanderredner werden die Masse des jüdischen Volkes für die Bewegung zu gewinnen suchen müssen und Juden und Nichtjuden über die Ziele aufzuklären haben. Auf die Jugend werde man einzuwirken suchen, indem man jüdische Turnvereine, akademische Vereine etc. gründe. (Grosser Beifall.) Die Verhandlungen wurden hierauf vertagt. Die am Nachmittag durch Dr. Th. Herzl (Wien) eröffnete vierte Sitzung des ZiOüistencongresses brachte zunächst eine sehr lebhafte Erörterung über die Organisation und Propaganda. Es wurde von verschiedenen Seiten scharf getadelt, dass das Bureau dem Congress keine festen fassbaren Vorschläge über die Form der zu schaffenden Organisation gegeben habe. Ein Redner führte aus, eine zweckmassige Organisation werde man erst auf dem nächsten Congress schaffen können, da die diesmalige Tagung hauptsächlich den Zweck habe, einander näher zu bringen (Beifall). Eine längere, recht heftige Auseinandersetzung rief ein Antrag Wolfsohn hervor, die Behandlung der ganzen Angelegenheit einer Commission zu überweisen. Nach kurzer Vertagung berichtet Student Motzkvn aus Russland, z. Z. in Berlin, dass man sich inzwischen zu folgendem Antrag geeinigt habe: ״Als Hauptziel betrachten wir die Wahl eines Centralcomitees. Die besondere Organisation der einzelnen Länder ist von den besonderen Verhältnissen abhängig.“ (Beifall.) Der Vorsitzende, Dr. Herzl, erblickt hierin eine glückliche Lösung der Streitfrage und schlägt unter allgemeiner Zustimmung die Einsetzung einer besonderen Commission vor, welche die Anträge durchberaten soll, um morgen früh dem Congress Bericht zu erstatten. Die Commission wird gewählt. Die Verhandlung wird auf Dienstag vertagt. Basel, 31. August. Im Namen der gestern eingesetzten Commission legte heute früh nach Eröffnung der fünften Sitzung des Zionistencengresses Schriftsteller Dr. York (Wien) der Versammlung das zionistische Organisation»- Programm vor, das nach einer längeren, die ganze Vormittagssitzung in Anspruch nehmenden Beratung in folgender Fassung angenommen wurde: § 1. Das Hauptorgan der Zionisten ist der Congress. § 2. Jeder Zionist, der berechtigt sein will, Delegierte zum Congress mitzuwählen, zahlt jährlich freiwillig für zionistische Zwecke mindestens einen ״Scheckei״ im Betrage von 1 Fr. oder 2 Schilling, 1/2 Dollar, 72 Gulden, 20 Kopeken, 1 Mark. § 3. Jede Zionsortsgruppe wählt für jedes angefangene Hundert einen Delegierten zum Congress. Jeder Delegierte kann mehrere Gruppen vertreten, jedoch nicht mehr als 10 Stimmen abgeben. § 4. Der Congress wählt durch Stimmzettel ein zionistisches Actionscomitee zur Ausführung der Congressbeschlüsse, zur Weiterführung der zionistischen Geschäfte und zur Vorbereitung des nächsten Weltcongresses, Das Actionscomitee hat seinen Sitz in Wien und besteht aus 23 Mitgliedern, von denen mindestens fünf ihren ständigen Wohnsitz in Wien haben werden, die übrigen Mitglieder werden aus den landschaftlichen Organisationsgruppen ernannt, und zwar stellen Oesterreich 1, Galizien 2, Bukowina 1, Russland 4, Deutschland 2, Rumänien 2, Amerika, England, Palästina, Frankreich je 1 Delegierten, Bulgarien und Serbien 1, Algerien 1 Delegierten. £ 6. Das Actionscomitee setzt einen Generalsekretär ein, der seinen Wohnsitz in Wien hat, und setzt nach Bedarf Commissionen ein. (Wie der Berichterstatter Dr. York mitteilte, soll zunächst eine Commission für eine Berufsstatistik der Juden niedergesetzt werden.) § 7. Die Organisation und Agitation der Zionisten in den einzelnen Ländern richtet sich nach den Bedürfnissen und Gesetzen des betreffenden Landes.“ Es trat hierauf eine Mittagspause ein. Am Nachmittag führte die Wahl der Mitglieder des Aetionscomitees zu heftigen Auftritten. Es werden in die Commission weiter gewählt: Dr. Kornfeld (Baum) für Oesterreich, Dr. Salz (Galizien), Dr. Meyer-Ebner (Bukowina), Mohilewa, Prof. Mandelstamm, Koben Bernstein und Rechtsanw. Jassinawskv (Russland), Pinneles und Dr. Lippe (Rumänien), Prof. Bielkowskv (Bulgarien), J. Bahar-Paris (für alle übrigen orientalischen Staaten), Bernhard Lazare (Frankreich), Dr. Ruetz-Memel und Dr. Bodenheimer-Köln (Deutschland 1. Darauf gelangte die Frage eines Nationalfonds zur Behandlung. Nach längerer Erörterung wurde beschlossen, an das ganze jüdische Volk einen Aufruf zu erlassen. Dem Actionscomitee wurde es überlassen, aus den vorliegenden Anträgen bis zum nächsten Congress eine Vorlage zur Begründung eines zionistischen Nationalfonds auszuarbeiten. Der letzte Punkt der Tagesordnung betraf die Kolonisation Palästinas. Schnirer-Wien führte aus: Für die weitere Thätigkeit müssen folgende Grundsätze massgebend sein: 1) Eine weitere Einwanderung von Juden in Palästina ist solange zu sistieren, bis die öffentlich rechtliche Sieherang für die Ansiedlung geschaffen ist: 2) neue Kolonien aus dem gegenwärtig in Palästina lebenden Menschenmaterial sind nur auf grund freier genossenschaftlicher Grundläge zu schaffen. (Lebhafter Beifall.) Dr. Ehrenpreis-Köln sprach über die Wiederbelebung der hebräischen Sprache und Literatur, die einen Hauptpunkt des zionistischen Programins bedeute. Redner beantragt die Gründung eines allgemeinen hebräischen Schulvereins sowie die Einsetzung einer hebräischen Literaturkommission. Es wurde die Gründung eines allgemeinen hebräischen Schulvereins beschlossen und die Kommission für Literatur und Kolonisation gewählt. Um 10 Uhr abends wurde der Kongress geschlossen.