Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1897)
- Date
- 1897-09-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Der Zionisten-Kongress. 8äset, 29. Aug. Im ״Stadtkasino“ trat heute früh der erste internationale Zionistenkongress zusammen. Der Kongress ist von etwa 900 Personen besucht. Hauptsächlich sind Juden aus Russland, Russisch-Polen. Ungarn, Oesterreich und den Balkanstaaten anwesend. Rabbiner Dr. Lippe aus Jassy in Rumänien eröffhete als Alterspräsident den Kongress mit einer längeren Ansprache. Seit 1800 Jahren fänden die Juden sich zum ersten Male zusammen, um für eine Idee einzutreten, die von jeher im Schosse des jüdischen Volkes geschlummert habe. Die dritte Rückkehr in das Vaterland, das unserm Erzvater Abraham verheissen worden ist, wollen wir selbst in die Hand nehmen. Wenn der Sultan sein Land unserem Volke öffnet, so werden wir keinen Anstand nehmen, ihn mit den höchsten Ehrentiteln zu belegen. Ein Volk, das so lange allen Angriffen Stand gehalten hat, hat auch die Kraft in sich, eine Nation za begründen. (Stürmischer Beifall.) Diese Versammlung ist ein Protest gegen eine 1800 jährige Bedrückung. Knechtung und Verfolgung. Redner beantragt schliesslich noch, dem Sultan den Dank für das seinen jüdischen Untert hauen bewiesene Wohlwollen zu übermitteln. Zu Präsidenten des Kongresses wurden Dr. Herz] (Wien), Dr. Max Nonlau, Dürneles (Rumänien), Dr. Salz (Galizien) gewählt, Dann nahm der Verfasser des ״Judenstaat“ Dr. Th. Herz! (Wien), die eigentliche Seele der ,,Zionistenbewegung“, von einem ausserordentlichen Beifallssturm empfangen, das Wort zum ersten Punkt der Tagesordnung: Der Zweck und du- Ziele des Kongresses. Er führte aus: Wir wollen hier den Grundstein legen zu dem Hause, das dereinst die jüdische Nation beherbergen soll. Der Zionismus ist die Einigung des Judentums schon vor der Heimkehr in das Vaterhaus ז Beifall). Der Zionismus hat die Vereinigung dev modernen Kreise des Judentums mit den konservativsten Elementen vollzogen. Dass das ohne Konzessionen möglich war, beweist das starke Volkstum des Judentums. Unsere Bewegung wird schon in nächster Zeit zur Folge haben, dass sie die Judenfrage in eine Zionsfrage verwandelt. Die Kolonisationsbestrebungen in Palästina und Argentinien werden ans eine dankbare Handhabe bieten. Ein vollständiger Auszug der Juden werde wohl niemals eintreten. Die sich assimilieren können und wollen, werden bleiben und absorbiert werden. Jedes Land wird nur so viele Juden abgeben, wie 68 kann. Der Antisemitismus werde schwinden. Sodann sprach über die allgemeine Lage der Juden Schriftsteiler Dr. Max Nordau (Paris), der ebenfalls mit stürmischem Jubel empfangen wird. Redner führt aus: das Gesamtbild der Verfassung der Juden am Ausgang des Jahrhunderts sei kein erfreuliches. In "Westeuropa hat die Bewegungsfreiheit manchen Segen erzielt. Der jüdische Fleiss, Beliarrliclikeifc und Nüchternheit liessen das jüdische Proletariat fast schwinden. Aber unter diesen Juden erhob sich die sittliche Judennot. Die Juden des Westens haben Brot, aber mail lebt, nicht vom Brot allein. Die Wunden des Fleisches sind nicht die einzigen, die schmerzen und an denen man sich verblute (Beifall). Die Juden des Westens hatten ans der Judenemanzipation die Folgerung gezogen, dass sie gleichberechtigt seien. Die Völker haben ihnen aber bedeutet, dass sie thüricht handelten, wenn sie so naiv logisch wären. Die Emanzipation hat den Juden vollständig umgewandelt. Vorher war er ein Fremder unter den Völkern, er selbst fühlte sich als solcher. Wo es nicht die Behörde ,that, schuf er sich selbst das Ghetto, über welches Wort heute Bezeichnungen von Schmach und Erniedrigungen schwirren. Der Sittengeschichtsschreiber kann aber feststellen, dass das Ghetto nicht als Gefängnis, sondern als eine Zufluchtsstätte betrachtet werden muss. Nur das Ghetto liess den Juden die Verfolgungen des Mittelalters überdauern. Die Emanzipation brachte eine vollständige Umwälzung. In einer Art Wonnerausch beeilte man sich, alle Brücken abzubrechen (Rufe: Leiderl). Sie meinten ein neues Vaterland zu haben und sich nicht mehr an die eigenen Ghettogenosseu halten zu brauchen. Der Trieb der Selbsterhaltung liess sie sich bald anpassen an die Verhältnisse. Ein jeder meinte, er sei mm ein Deutscher oder Franzose. Da brach vor etwa zwei Jahrzehnten der alte Judenhass wieder durch, und der Jude sah entsetzt die wirkliche Lage. Nodi konnte er all den Wahlen teilnehmen, aber aus den Vereinen wurde er ausgeschlossen: er hatte seine Freizügigkeit, aber wo er hinkam, leuchteten ihm die Plakate entgegen; Juden ist der Eintritt verboten! Noch kann er die staatsbürgerlichen Rechte ausüben/Lachen), aber alles, was höher steht, wird ihm verschlossen. Das ist die Lage des Juden Westeuropas. Er fühlt sich als Sohn seines Landes, das Volk weist ihn zurück, beweist ihm, dass es nicht der Fall sei. Seine Zufluchtsstätte hat er selbst aufgegeben, seine Heimat ist ihm verschlossen, seine jüdischen Mitgenossen hat ihm der Antisemitisinus verekelt, die Christen, die er sue21t, stossen ihn zurück. Dadurch wird der Judo verbittert, mit sich selbst zerfallen. ,Beifall.) Das ist die sittliche Judennot, die bitterer ist als die sachliche, weil sie feiner und tiefer einpfindemle Menschen trifft. )Stürmischer Beifall.) Viele suchen aus dem Glauben zu fliehen. Freilich leugnet der Rassenantisemitismus die Wirksamkeit der Taufe. ,Sturmischet׳ Beifall.) Es ist auch nicht eine Empfehlung, dass der Eintritt in den neuen Glauben mit einer gotteslästerliehen Ableugnung stattfindet. Die neuen Marrannen scheiden mit Erbitterung aus dem Judentum: ihren Hass, der sie zwang, auszuscheiden, tragen sie aber in dem neuen Glauben dem Christentum nach. Mir graut vor dem neuen Geschlecht der Mariannen, /!essen Sittlichkeit durch keine Ueberlieferung gehalten ist, dessen Bestehen begründet ist durch eine fundamentale Lüge. Nicht alle Anhänger des Zionismus erblicken in diesen! eine Verheissung, für viele ist er die Möglichkeit zur Entfaltung der Kräfte. Durch die Angriffe und Zurücksetzungen wird der Jude des Westens an sich selbst irre. Man misst ihm für alles die Schuh] bei: die Agrarier für die schlechten Getreidepreise, die Handwerker für den Niedergang des Handwerks. Hier wie bei den mittelalterlichen Beschuldigungen, die Juden hätten die Brunnen vergiftet, so dass die Pest entstehe, liege die Erklärung darin, dass man Leuten, denen man nicht wohlwolle alles Uebel nachsage. Die Antisemiten, die immer von der Weltherrschaft der Juden reden, sollten doch einmal auf die Verfolgungen sehen, denen die Juden überall ausgesetzt sind, ohne dass sie die Macht haben, sich zu schützen gegen die Angriffe auf Leben und Eigentum. Unsere Aufgabe wird es sein, Mittel und Wege zu finden, um der grossen Judennot abzuhelfen. Es folgten dann einige Einzelberichte über die Lage der Juden in den versohiedenen Ländern. Die zweite Sitzung des ersten internationalen Zionistenkongresses wurde heute nachmittag durch Dr. Th. Herzl (Wien) eröffnet. Zunächst wurden die Berichte über die Lage der Juden in den einzelnen Ländern