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Berliner Vereinsbote · 1897-09-03 · Heft 36 (3.9.1897) · page 4

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Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 36 (3.9.1897)
Date
1897-09-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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keit und unverhüllte Religionsfeindschaft vorhanden sei, dass gerade hier für ״Bekehrung“ ein weites Feld offen stehe. Aber all das kümmert jene wunderlichen Heiligen nicht. Für die guten Gehälter, die sie beziehen, wollen sie doch auch etwas leisten, und so nimmt die Mission unter den Juden munter ihren Fortgang. Die Bibel, namentlich der Prophet Jesaia und das Buch Daniel, müssen dabei herhalten, selbstverständlich in der bekannten christologisch-traditionellen Auslegung. Mit Vorliebe sucht sich alsdann der Heilsverkünder diejenigen Juden für seinen Bekehrungseifer aus, von denen er anninmit, dass sie noch treu am Glauben ihrer Väter hängen. Heber viele verschwendete Worte und mitleidiges Augenverdrehen kommt die Sache in der Regel freilich nicht hinaus, denn diese Juden sind so ziemlich gefeit in allem, was ihren Glauben angeht, und wo der Kapuziner seine Predigt hält, fehlt auch nicht Rabbi Juda der Navarrer. Bei den Juden, die vom Judentum wenig oder gar nichts halten, hat die Kunst des Konvertitenfabrikanten erst recht einen schweren Stand, denn ihnen muss erst bewiesen werden, was jener als bewiesen vovaussetzt, und das ist erst recht ein hartes Stück Arbeit. Zum Trost möge es den frommen Seelenfängern gereichen, dass diese Elemente mitunter doch, allerdings ohne Wegweiser den Weg zur Kirche finden. Die Judenmission streckt na- /nontlich dort ihre Fangarme aus. wo die armen, von Not und Elend niedergedrückten Juden aus den östliehen Ländern in Massen zusammen strömen, so in London, Hamburg, Nordamerika und ganz besonders im heiligen Lande. Im Hintergründe lauert hierbei der Gedanke, dass diese bejammernswerten verelendeten Geschöpfe besonders empfänglich seien für die Taufe eben um ihres Jammeis und ihres Elends willen. Und in der That gelingt es manchmal, einige verkommene Gesellen zum Uebertritt zu bewegen. Sie sind dann, was ja auch ihre Absicht war, für ihr Leben leidlich versorgt. Ein in Palästina wirkender Judenmissionar bemerkt in einem seiner Berichte sein treffend; ״Was die Mission bisher getauft, ist nur Pöbel. Kein anständiger Jude, kein Sephardi lässt sich taufen.“ Wer über etwas Genie und besonders über eine geläufige Zunge verfügt, bildet sieb oft selbst zum Judenmissionar aus. Es ist dann für den Zuhörer ein erhebender Eindruck, solch' fVisehgebackene Apostaten mit mauschelndem Munde das Evangelium predigen zu hören. Der Kuriosität halber soll noch erwähnt werden, dass in Berlin ein christlicher Prediger existiert, der gleichfalls im Nebenamt sich der Judenbekehrung widmet und den Standpunkt vertritt, die Juden zeigten sich hauptsächlich deshalb dem Christentum gegenüber so abhold, weil man von ihnen verlange, dass sie nach dem Hebertrift ihre jüdische Eigenart aufgeben sollten. Gerade das Gegenteil ist richtig, der Jude, der Ghrist wird, lässt sich nur höchst ungern an seine Vergangenheit erinnern und sucht ängstlich alle!Spuren seiner jüdischen Eigenart zu verwischen. Manchmal sind diese Spuren leider so eigenartig, dass ihre Beseitigung vollständig unmöglich ist. Das erfuhr einst jener Commerzien- •at, der von einem polnischen Schnorrer an gebettelt wurde 1 nd jede Gabe ausschlug mit der Begründung, dass er Christ sei. Der Schnorrer erlaubte sich daran zu zweifeln und stützte sich bei diesem seinem Zweifel auf das geradezu hervorragend jüdische Riechorgan des Herrn Commerzien rat. Als aber alle seine Versuche vergebens waren, zog er mit leeren Händen ab, indem er seinem Gedanken Ausdruck gab in den Worten: ״Oi. wie schlecht getauft! Geschmadt, un e so ä Nos'!“ Es wäre ungerecht, behaupten zu wollen, dass Hebertritte aus wahrer Heberzeugung nicht vorkämen. Sie sind freilich selten genug. Wir denken dabei an Männer wie der berühmte protestantische Kirchenhistoriker Neander, der Wiener Hof- und Domprediger Dr. Veit, der Professor Paulus Cassel, der Pastor Dr. Schwalb. Zu ihrem Ruhme muss ihnen nachgesagt werden, dass sie sich ihrer Abstammung niemals geschämt haben, dass sie vielmehr den Hetzereien der Judenfeinde stets mit Nachdruck und der Fülle ihres Wissens entgegengetreten sind. Auf der andern Seite stossen wir aber wieder auf jene erbärmlichen Geseilen, die, wie Aron Bi!mann, Paulus Meyer, Simon May, Dr. Morgenstern und andere hujus modi generis, die in echtem Renegatenfanatismus die Religion, aus der sie hervorgegangen, mit Kot bewarfen, Aber was heisst in unserer materialistischenZeitUeberzeugung? Alljährlich gehen dem Judentum nicht wenige seiner Glieder verloren, namentlich solche, welche den besitzenden und gebildeten Klassen angeboren. Die mittleren und unteren Schichten bewahren ihr Judentum viel treuer. Die Motive, aus denen solche Apostasie hervorgebt, sind durchsichtig genug. Charakterschwäche und Charakterlosigkeit, der Staat setzt ja geradezu eine Prämie auf diese sonst wenig rühmenswerten Eigenschaften. In letzter Zeit hörte man oft auf den Synoden Klage darüber führen, wie wenig gewissenhaft manche Geistliche bei der Aufnahme von Juden zu Werke gingen. In Berlin sind einige im Gerüche des kirchlichen Liberalismus stehende Geistliche dafür bekannt, dass sie es bei den Juden, die von ihnen die Aufnahme ins Christentum begehren, mit ihren Anforderungen an die Täuflinge nicht allzu genau nehmen. In der Verfassung steht allerdings, dass die öffentlichen Aemter allen dazu Befähigten ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses in gleicher Weise zugänglich sind. Das stellt auf dem geduldigen Papier, in der Praxis häufen sich für den Juden, der im Staatsleben seine Kräfte verwerten möchte, die Schwierigkeiten von Tag zu Tag immer mehr. Da ist der Herr Commerzienrat, der seinen Sohn gern im Offizierskleid bewundern möchte. Das öt'ftziercorps aber hält sich jeden Juden IO Schritt vom Leihe, ergo lässt sich die ganze Familie taufen. Da ist der Assessor, der gern Amtsrichter werden möchte. Als Jude hat er die Aussicht, als unbesoldeter Assessor graue Haare zu bekommen, aber ein Paar Zeilen von der Hand des Herrn Pastors geschrieben, und der Weg zur Carriere ist geöffnet. Da ist der Privatdozent, der nicht gern als Privatdozent versauern möchte. Einige Tropfer! Wasser, und dem Universitätsprofessor steht nichts mehr im Wege. Da ist der Kandidat des höheren Schulamts. Für ihn ist die Möglichkeit einer Anstellung in seinem Beruf noch viel verschwindender, aber nur ein kleines sacrificiuni intelloctus, und die Anwartschaft auf den Oberlehrer ist fertig. Ein würdiges Exemplar letztgenannter Gattung lernten wir einst kennen. Er gebehrdete sich bei jeder Gelegenheit als wütender Atheist. Das hinderte ihn aber nicht sich um der leichteren Carriere willen taufen zu lassen. Als Pathe fungierte ein in Berlin sehr bekannter Stadtverordneter, von dem wir bei einem Gespräche das interessante Bekennfrnis hörten, er .־sei bei dieser Gelegenheit zum ersten Male seit Jahren wieder in eine Kirche gekommen. Geradezu verächtlich ist das Verhalten Mancher, die ihre Kinder dem Christentum zuführen, während sie selbst im Judentum *bleiben. Unbedingt zu verwerfen ist die leider in Berlin besonders eingerissene Unsitte, die im zarten Lebensalter stehenden Kinder in den ersten Schuljahren am christlichen Religionsunterricht teilnehmen zu lassen. In der Regel liegt nicht, die Absicht zu Grunde, die Kinder dem Judenturn zu entführen, sondern nur eine allerdings unverzeihliehe Lässigkeit und Gedanken Verwirrung. Endlich gehen durch die leidigen Mischehen dem Judentum viele Kräfte verloren. Selbst wenn der jüdische Teil im Judentum verharrt, ist doch fast ausnahmslos die Nachkommenschaft für das Judentum verloren. Solange das gegenwärtige System andauert, müssen wir Juden uns leider mit dem Gelanken vertraut machen, dass auch in der Zukunft der Abfall vom Judentum sieh nicht verringern wird. Unsere heilige Pflicht ist es aber vorzubeugen. Unsere Jugend muss das Judentum kennen und lieben lernen in seiner ganzen religiösen Lauterkeit, der Reinheit seiner Gotteslehre, seiner erhabenen Moral, der Grossartigkeit seiner Geschichte. Das ist der beste, der einzige Schutz gegen den Abfall vom Judentum.

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