Mannheim
Compact Memory

Berliner Vereinsbote · 1897-08-27 · Heft 35 (27.8.1897) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 35 (27.8.1897)
Date
1897-08-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3019627-3019628-3019663--709-3020184
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

habe. Hartmann versteckte sich in der Apotheke, vor welcher sich sofort eine Menschenmasse ansammelte und wartete, bis die Polizei Hartmann herausbrachte. Die Polizei, welche selbst misshandelt wurde, vermochte Hartmann nur mit Mühe zu schützen und brachte ihn auf das Hathaus. Auf der Strasse wiederholten sich die Ausschreitungen, die hauptsächlich gegen Israeliten gerichtet waren. Auch in mehreren anderen Strassen sammelten sich Menschenmengen an, von der Reichsstrasse zog ein grosser Trupp nach der Ressource und dem Deutschen Haus. Der Leiter der Bezirkshauptmannschaft requirierte hierauf eine Kompagnie Soldaten, welche die Strasse räumte beziehungsweise absperrte. Nach 9 Uhr abends trat Ruhe ein, wozu der Regen viel beitrug. In der Staatsrealschule, in der Synagoge und in einigen kleineren "Wirtshäusern, welche Israeliten gehören, sind die Fensterscheiben eingeschlagen worden. Gegen eine Wiederholung der Ausschreitungen sind umfassende Vorkehrungsmassregeln getroffen. — Die Antisemiten in Oesterreich haben das Unmögliche in der unglaublichsten Art möglich gemacht. Wie aus Wien gemeldet wird, beschäftigte die Angelegenheit Vergani am Montag eine Konferenz der christlich-sozialen Partei, nach welcher, wie das ״Deutsche Volksblatt mitteilt, eine zehngliedrige Deputation unter Führung des Prinzen Lichtenstein, Vergani folgenden Brief überreichte: Geehrter Herr! Die Parteikonferenz hat heute folgenden Beschluss gefasst: Die christlich-soziale Partei nimmt mit Bedauern zur Kenntnis, dass Herr Ernst Vergani seine Mandate als Reichsrats- und Landtags-Abgeordneter niedergelegt hat. Die Partei erklärt, dass das Verdikt einiger Männer, die zufälligerweise Geschworene sind, nie einen solchen Schritt bilden darf, da ja die Mandate nicht von den Geschworenen, sondern von den Wählern erteilt werden, und nur diese allein das Recht haben, über die Mandate zu verfügen. Die Partei giebt der Ueberzeugung Ausdruck, dass während der ganzen Verhandlung nicht ein Moment hervorgetreten ist, welches auf Herrn Ernst Vergani in den Augen eines unbeeinflussten Mannes auch nur den Verdacht einer Veruntreuung odrr eines Diebstahls wälzen könnte. Die Partei erklärt endlich, dass die ihr angehörenden Abgeordneten verpflichtet sind, das Verhalten des Vorsitzenden in dem erwähnten Prozesse im Abgeordnetenhause einer strengen Kritik zu unterziehen. Ich bitte Dich, dies zur Kenntnis zu nehmen, und zeichne wit dem Ausdrucke vollster Hochachtung Dr. Karl Lueger. Eine Kritik dieses Verhaltens ist in der That überflüssig. — Die von vornherein ausgesprochene Meinung, die österreichischen Antisemiten würden an dem durch den bekannten Prozess moralisch gerichteten Herrn Vergani nich irre werden, hat sich bald bestätigt. Am 17. d. M. veröffentlichte dieser in seinem ״Dtsch.Volksbl.“ frohlockend, Bürgermeister Dr. Lueger habe ihm sagen lassen, dass im Verhältnisse beider sich nichts geändert habe, und dass Vergani in der Achtung Luegers in Folge des Ausganges des Prozesses nicht im geringsten gesunken sei. Budapest. Zahlreiche Wohlfahrtseinrichtungen, die ihrem Schöpfer zum Ruhm und der Menschheit zum Glücke gereichen, und mehrere der edlen Menschenliebe und humanen Wissenschaft zu widmende Anstalten haben in einem schlichten Kaufmann, der schon seit zwei Jahrzehnten in stiller Zurückgezogenheit lebt, einen warmen Förderer, einen edlen Schöpfer gefunden. Der erst vor kurzem verstorbene Juwelier Salomon Taub 8. A. testierte für humane und gemeinnützige Zwecke 1000000 Kronen, ein Legat, das ohne Beispiel dasteht in unserem Vaterlande; 12000 Kronen werden die schwere Aufgabe der jüdischen Waisenhäuser erleichtern, 40000 Kronen werden dem jüdischen Landes- Taubstummeninstitute zu Gute kommen, 200000 werden die Erweiterung der Thätigkeit des jüdischen Frauenvereins, des jüdischen Handwerkervereins, Poliklinik u. 8. w. ermögliehen, und endlich das Legat von 200 000 Kronen wird die Ziele des Adele Brody-Kinderspitals wesentlich fördern. Die Errichtung eines israelitischen Blindeninstituts und eines jüdischen Gymnasiums wurde durch das Legat von 400 000 Kronen ermöglicht. Ein grosses Legat fiel auch dem Landes-Rabbinerseminar zu. Frau Bachan-Esilag testierte demselben ein mit 400 000 Kronen bewertetes Haus. — Bukarest. Es ist bekannt, wie heftige Kämpfe die rumänischen Juden um die Zulassung ihrer Kinder zu den Schulen geführt haben, und wie grosse Opfer sie für die Errichtung eigener Schulen schliesslich bringen mussten. Nun hat das Ministerium des Unterrichts abermals mit einem Federstrich alle Erfolge in Frage gestellt. Es hat die Bestimmung getroffen, daas alle Schüler, welche in die Sekundärschulen aufrücken wollen, ein Zeugnis der staatliehen Schulinspektoren haben müssen; dieses Zeugnis aber ist an die Taxe von 20 Francs geknüpft, eine Summe, die die armen Juden nur in den seltensten Fällen erschwingen können. Ausnahmen dürfen nur bei Rumänen, in keinem Falle aber bei Juden, d. h. Fremden, gemacht werden. Diese neue Erschwerung hemmt 30 000 jüdische Kinder, eine, auch nur einigermassen genügende Bildung sich zu erwerben. —- Das medizinische Institut für Frauen in Petersburg, zu dessen Kursen, wie bereits berichtet, einer neuerlichen Verfügung zufolge auch 5 pCt. Jüdinnen zugelassen sind, wird im nächsten Monat mit 160 Zuhörerinnen eröffnet werden. Interessant ist, dass die Schülerinnen neben den üblichen Lehrgegenständen Anatomie, Physiologie, Chemie, Botanik und Zoologie sich auch verpflichten müssen, während des ersten Halbjahres Vorlesungen über dogmatische Theologie zu hören. Melitopol. Der Ackerbauminister hatte einigen Juden, die alte Soldaten waren, Land in der Nähe des Fleckens Dagmaroffka Bezirk, Melitopol, Provinz Tauris, überlassen. Bei ihrer Ankunft hatten dort die jüdischen Bauern {ehemalige Soldaten) unter dem schlechten Vorgehen der Ortspolizei zu leiden. Um diesen Ungerechtigkeiten ein Ende zu machen, beklagten sich die Soldaten beim Gouverneur von Tauris, der einen Befehl erliess, aus welchem wir folgende Stelle hervorheben: Die Polizei von Melitopol verdient harten Tadel, weil sie, statt den braven Leuten zu helfen und beizustehen, sie schlimm gequält hat.“ Orel. Der Gouverneur von Orel hat kürzlich folgende interessante Eingabe von der Landgemeinde Wladimirofka (Bezirk Woronof, bei Briansk) erhalten: ״Die Gemeinde hat einstimmig beschlossen, den Herrn Gouverneur V0n Orel darum zu bitten, den Juden Abraham Isserlis den ferneren Aufenthalt in Wladimirofka zu gestatten, da die Ausweisung desselben aus unserem Dorfe das tiefste Elend für uns im Gefolge hätte. Wir sind sehr arm, unser sandiger Boden ist nicht fruchtbar, und wir verdienen das Nötige d־u!ch 'יי:י Transport von Eisen und Kohlen von der Station Dombrofka nach den Fabriken von Bitochof. Isserlis hat den Handel des Materials zu diesen Werken übernommen.“ — Gegen die Bedrückungen und Verfolgungen, welchen die Juden seit einiger Zeit infolge der Aufhetzungen fanatischer Priester in Persien ausgesetzt sind, hat sich jetzt das Centralcomite der ״Alliance israelite universelle“ in einer Vorstellung an das französische Ministerium des Auswärtigen auf Grund eines authentischen Berichtes aus Teheran gewandt. Das Centralcomite der Alliance bittet darin das Ministerium, mit Rücksicht darauf, dass die Regierung des Schah die Vorstellungen, welche der französische Vertreter in dieser Frage machen wird, nicht unbeachtet lassen kann, die Angelegenheit dem französischen Vertreter in Teheran mitzuteilen. Auch die Anglo Jewish Association hat sich der verfolgten persischen Juden angenommen, indem sie eine diesbezügliche Vorstellung an das englische auswärtige Amt richtete. — Algier, im August. Neue Krawalle, welche das Einschreiten der Polizei notwendig machten, sind aus einer, übrigens zum Oktober vertagten, Gerichtsverhandlung gegen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.