Mannheim
Compact Memory

Berliner Vereinsbote · 1897-08-13 · Heft 33 (13.8.1897) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 33 (13.8.1897)
Date
1897-08-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3019627-3019628-3019661--687-3020160
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

fand sie im Nachbarhause bei Frau Leitgeb. Erregt führte sie das Kind nach Hause und wollte es dafür züchtigen, dass es die Wohnung verlassen hatte und in ein Haus gegangen sei, mit welchem die Familie Psaliades keinen Verkehr unterhalten hatte. Diese Züchtigung unterblieb aber, da das elfjährige Mädchen zu seiner Entschuldigung der Tante erzählte, dass Frau Leitgeb sie angesprochen und von ihr den Schlüssel zum Psaliades’schen Hause verlangt habe. Sie (die Kleine) habe sich gegen dieses Verlangen gesträubt und, um nicht etwa des Schlüssels beraubt zu werden, habe sie denselben rasch beim Halse in ihr Kleid hinabgleiten lassen; doch Frau Leitgeb sei auf sie losgestürzt, habe sie mit Hilfe einer zweiten Frau in ihr Haus gezerrt, dort geschlagen, zu Boden geworfen und sie durch Fusstritte in den Unterleib misshandelt. Das elfjährige Mädchen behauptete, es habe Todesangst ausgestanden und geglaubt, dass die Juden sie ermorden wollten. Dem Kinde muss also schon früher die Meinung beigebracht worden sein, dass die Mitglieder der Familie Leitgeb Juden seien, obwohl dies thatsächlich nicht der Fall ist. Frau Psaliades aber erstattete auf Grund dieser Erzählung ihrer Nichte eine gerichtliche Anzeige, und es wurde eine Untersuchung eingeleitet. Frau Leitgeb wurde dadurch in eine um so grössere Aufregung versetzt, als sie aus Teilnahme das ganz verlassene Kind, das allein in der Villa zurückgeblieben war, in ihr Hans genommen und sich auch in sorgsamer Weise mit der Linderung eines Augenleidens, an dem die kleine Marie Karika laboriert, beschäftigt hatte. Das Bezirksgericht Mödling leitete auf die Anzeige hin Vorerhebungeu in der Richtung ein, ob etwa eine Einschränkung der persönlichen Freiheit vorliege, doch die Staatsanwaltschaft stellte die Untersuchung in der Angelegenheit ein. Frau Leitgeb fühlt sich aber durch die Sache begreiflicherweise so schwer in ihrer Ehre gekränkt, dass sie auf einer gerichtlichen Rechtfertigung und Genugthuung bestehen muss. Voraussichtlich dürfte schon demnächst die kleine mit einer so ungesunden Phantasie begabte Marie Karika ärztlich in Bezug auf ihren Geisteszustand untersucht und auch den Quellen ihrer märchenhaften Erfindung nachgeforscht werden. Zürich. Ein jüdischer Schülerin einer Mittelschule Zürichs weigerte sich hartnäckig, am Sonnabend zu schreiben. Bei der Berufung an die Eltern und den Rabbiner erklärten diese, wie das ״Volk“ berichtet, sie könnten dem Kinde nicht zumuten, gegen den Talmud zu handeln. Die Schulbehörden verhängten über den Vater verschiedene Bussen, allein dieser bezahlte nicht, und als kürzlich zum Rechtsbetrieb geschritten werden sollte, erhielten die Behörden einen leeren Pfandschein. Darauf hat dann die Schulpflege kurzen Prozess gemacht und beschlossen, das Kind ohne weiteres aus der Schule auzuweisen. Da nun eine ganze Reihe von Lehrern über ähnliches Verhalten ihrer Schüler klagt, so dürfte das bündige Vorgehen der Kreisschulpflege für die Zukunft nic^r ohne Wirkung bleiben. Basel. (Zionisten - Congress.) Von der Parteileitung wurde folgendes Arbeitsprogramm ausgegeben: Erster Tag, 29. August 1. Sitzung, Beginn 9 Uhr vormittags. Constituierung: a) Eröffnung des (Kongresses durch den Alterspräsidenten, bi Begrüssungsrede von Dr.Th.Herzl. c) Wahl des Bureaus, d) Verlesung des Einlaufes. Tagesordnung: Erster Punkt. Die allgemeine Lage der Juden. Referent Dr. M. Nordau. Zweiter Punkt. Begründung des zionistischen Programms. Refer. Dr. A. Birn־ bäum und Dr. D. Farbstein. Erster Tag, 2. Sitzung. Beginn 3 Uhr nachmittags. Tagesordnung: Dritter Punkt. Die zionistische Organisation. Referent Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer. a) Centralisation der zionistischen Thätigkeit, b) Nationalfonds, c) Agitation. Zweiter Tag, 30. August. 3. Sitzung, Beginn 9 Uhr vormittags. Tagesordnung: Fortsetzung der Referate und Debatten über den dritten Punkt. Zweiter Tag, 4. Sitzung, Beginn 3 Uhr nachmittags. Tagesordnung: Vierter Punkt. Die Colonisation Palästinas. Referent Dr. M. T. Schnirer. a) Landankauf, b) Gründung neuer Colonien. c) Ausbildung von Colonisten. d) Import und Export, e) Culturelles. Dritter Tag, 31. August. 5. Sitzung, Beginn 9 Uhr vormittags. Tagesordnung: Fünfter Punkt. Hebräische Literatur, Referent Dr. M. Ehrenpreis. Dritter Tag, 6. Sitzung: Beginn 3 Uhr nachmittags. Tagesordnung: Sechster Punkt. Bestimmung des nächsten Congressortes und Einsetzung eines Bureaus. Siebenter Punkt. Congressabschied mit Resumierung der Beschlüsse. Zuschriften, welche die einzelnen Referate betreffen, sind an die Referenten oder an den Schriftführer der vorbereitenden Commission: Herrn Dr.Kokesch, Hof- und Gerichtsadvocaten, Wien, 1., Singerstrasse 25, zu adressieren. Mitglied des Congresses kann jeder werden, dessen bis 15. August erfolgte Anmeldung von der vorbereitenden Commission genehmigt worden ist. und der sich mit dem allgemeinen Programm des Zionismus (Schaffung einer völkerrechtlich gesicherten Heimstätte für diejenigen Juden, die sich an ihren jetzigen Wohnorten nicht assimilieren können oder wollen) förmlich einverstanden erklärt. Ausser Mitgliedern können dem Congress auch andere Personen als Zuhörer beiwohnen, vorausgesetzt, dass sie bis 25. August beim Burau des Congresses in Basel angemeldet sind. Petersburg. (Hebräische Altertümer in der Krim. 1 Aus Feodissia berichtet die ״St. Petersburger Ztg.u: Am Fusse des Berges Mithradat, in der Nähe von Feodissia, befindet sich eine bereits 13 Jahrhunderte alte hebräische Synagoge. In den letzten Jahren der Herrschaft der Chane wurde sie zerstört und mit Sand und Schutt verschüttet. Nach der Vereinigung der Krim mit Russland befahl die Kaiserin Katarina, die Synagoge zu restaurieren, und im August 1788 wurde in derselben nach langer Zeit wieder ein hebräischer Gottesdienst abgehalten. Das Gewölbe der Synagoge wird durch vier Säulen gestützt, deren zwei aus Marmor und zwei aus Granit bestehen. Früher waren alle vier Säulen marmorn, doch in den 40er Jahren brachte der Karaim Abraham Firkowitsch zwei Marmorsäulen, alte Inschriften der Tora und eine Anzahl anderer alter Pergamente nach St. Petersburg, wo dieselben der öffentlichen Bibliothek übergeben wurden An einer der Säulen der Synagoge ist eine viereckige Tafel mit einer auf das Alter der Synagoge hinweisenden Inschrift angebracht. Die Inschrift lautet: ״Durch Menschenweisheit ist dieses Haus errichtet worden. Der Messias wird kommen und dein Volk sammeln. Israel im Jahve 673 > d. h. im Jahre 918 der christlichen Zeitrechnung). Ueber dem Altäre befindet sich eine Inschrift, welche darauf hinweist, dass die Thür zum Allerheiligsten vor 602 Jahren hergestellt worden ist. Im Hofe der Synagoge ist ein zu Waschungen bestimmter Brunnen vorhanden, auf dessen folgende Inschrift zu lesen ist: ״Der erleuchtete, allgemein geachtete und weise Rabbi Meir Aschkenas. die Zier und der Stolz Israels, ist im Jahre 982 (d. h. 628 im Herrn verschieden. Die Thränen der Nachkommen Abrahams, Isaacs und Jakobs benetzen seine Asche.“ Die Synagoge ist so klein, dass sie kaum für 50 Beter Platz bietet. Die jüdischen Einwohner von Feodossia wollen sie durch einen Anbau vergrößern. Kiew. Im Jahre 1890 war Herr Lasar Brodsky beim Generalgouverneur von Kiew um die Erlaubnis eingekommen, auf seine Kosten auf einem ihm gehörigen Grundstück eine Synagoge bauen zu dürfen. Die Erlaubnis wurde erst im Jahre 1892 gewährt, und nur unter der besonderen Bedingung, dass nichts an dem Aeusseren des Gebäudes auf seine Bestimmung hindeuten dürfe, und dass der Eingang der Synagoge nur ein einfacher Thorweg sein dürfe. Als nun im Jahre 1895 die Synagoge fertiggestellt war und eben dem Gottesdienste übergeben werden sollte, verbot der Generalgouverneur durchaus die Eröffnung des Gebäudes, weil die Faxade nicht ״unbedeutend genug aussähe,“ und weil man leicht die Bestimmung desselben erkennen könne (!). Da sich nun in Kiew Pilger aus allen Teilen des Reiches treffen, ״so sei der Anblick einer Synagoge ein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.