Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1897)
- Date
- 1897-08-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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48. U. 0. B. B. Unabhäng. Orden (B’nei Brios). Der Orden Bnei Briss, dessen Gründung am 18. Oktoher 1842 in New-York durch Henry Jones, einem nach Arnerika eingewanderten deutschen Maschinenbauer erfolgte, hat zur Devise: Wohlthätigkeit, Bruderliebe, Eintracht. Seine Aufgabe ist: Israeliten zu vereinigen zur Förderung der höchsten Interessen der Menschheit, den geistigen und sittlichen Charakter unserer Glaubensgenossen weiter zu entwickeln und zu heben, die reinsten Grundsätze der Menschenliebe, der Ehre und des Patriotismus denselben einzuprägen, Kunst und Wissenschaft zu unterstützen, die Not der Armen und Dürftigen zu lindern, Kranke zu besuchen und zu pflegen, den Opfern der Verfolgung zu Hilfe zu kommen, Witwen und Waisen zu beschützen und ihnen mit allen Kräften hilfreich beizustehen. Wenn der Orden sein Augenmerk zunächst und hauptsächlich auf unsere jüdischen Glaubensgenossen richtet, so geschieht dies in veredelndem Sinne, nicht aber in der Absicht, einen Gegensatz zwischen ihnen und den Bekennen! anderer Religionen zu schaffen. Wo es die Pflicht der Menschenliebe erheischt, helfend und fördernd einzugreifen, da sollen auch letztere von den segensreichen Wirkungen des Ordens nicht ausgeschlossen sein. Der Orden beansprucht von seinen Mitgliedern unausgesetztes Wirken für das Gute, Ehrenhaftigkeit. Charakterfestigkeit. Intelligenz, Herzensgüte und die Fähigkeit, sich für ideale Interessen überhaupt und für jene des Judentums insbesondere zu begeistern. Er bildet eine enggeschlossene Vereinigung, deren einzelne Mitglieder in brüderlicher Freundschaft sich zugethan sind und mit Freude jede Gelegenheit ergreifen, sich gegenseitig zu fördern. Nicht Ab- Schliessung auf socialem oder gar nationalem Gebiet strebt der Orden an, vielmehr fühlen sich seine Mitglieder als treue Söhne und Bürger des Staates, in dem sie leben, als Mitglieder der Volksgemeinschaft, in der sie erzogen und aufgewachsen sind. Auf dem Boden seiner Vereinigung finden sich die Anhänger der verschiedensten nationalen und politischen Richtungen zusammen, beseelt von dem einen Gedanken der Veredlung, Stärkung und Erhaltung des Judentums und der Pflege seiner allgemein menschlichen, humanen Tendenzen. Politische und religiöse Fragen dürfen niemals zum Gegenstand einer Erörterung innerhalb des Ordens gemacht und Logengelder niemals zu politischen Zwecken verweildet werden. In diesem Sinne will der Orden zum Heile des Judentums, zum Segen der Menschheit wirken. Im Jahre 1882 ist der Orden nach Deutschland verpflanzt worden, gegenwärtig zählt er hier 33 Logen mit etwa 3500 Mitglieder an folgenden Plätzen: Berlin,Halle a.S., Kattowitz, Beuthen, Stettin, Gleiwitz, Breslau, Kreuzburg, Dresden, Magdeburg, Posen, Ostrowo, Hannover, Bielefeld. Ratibor, Hamburg, Halberstadt, Frankfurt a. M., Görlitz. Köln, Strassburg i. E., Cassel, Mainz, Dessau, Stargard i. P.! Wiesbaden, Heidelberg־, Mannheim, Dortmund. Eschwege und München. Diese Töchterlogen sind der Gross-Loge in Deutschland in Berlin unterstellt, Herr Sanitätsrat Dr. Maretzki, Alexanderplatz 2, ist Präsident derselben. Das Bureau befindet sich Wilhelmstrasse 118. Umschau. Berlin. Der Romanschriftsteller D1\ Max Ring, welcher am 4. ds. seinen 80. Geburtstag feierte, hat sich allen Ovationen seiner Freunde und Verehrer durch die Flucht in die Sommerfrische entzogen. Der Jubilar, welcher den Geburtstag in voller körperlicher und geistiger Frische feiert, hat in Schreiberhau (Schlesien), und zwar im Hotel ״Zum Reifträger,“ daselbt, für mehre Wochen Aufenthalt genommen. Hamburg. Renovation einer Synagoge. Die schon seit länger als 50 Jahren bestehende Wandsbecker Synagoge wird augenblicklich einer gänzlichen Renovation unterzogen. Die Räumlichkeiten, die seit Erbauung des Gotteshauses keine dekorative Ausschmückung wieder erhalten, bedingen jetzt solche, da auch die Gasleitung den heutigen Ansprüchen nicht mehr genügt. Die Dekoration, die im maurischen Stil ausgeführt wird, geschieht nach den eigenen Entwürfen des Dekorationsmalers Albert Seligmann aus Wandsbeck, der auch die Arbeiten selbst ausführt. Wien. (^Zur Abwehr, j Der deutsch-österreichische Lehrertag hat sich gegen die Judenbetze erklärt. Während die Mehrzahl der Wiener Lehrer zur antisemitischen Bewegung halten, deren Führer Volksbildung und Wissen schmähen (die Universität ist ein ״Mauscholeuin“ genannt worden, Dr. Lueger hat öffentlich erklärt, die Reoepte jedes Kräntelweihes den Erfahrungen der medicinischen Wissenschaft vorzuziehen) ist auf dem Lehrertage unter donnerndem Beifall ausgesprochen worden, dass Sprache, Abstammung, Nationalität und Glauben nicht entscheidend sein dürfen für die Beurteilung des Wertes des Menschen und seiner Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft. In voller Reinheit aber gelangte der erfreuliche Geist, der den Lehrertag erfüllte, in der Gedenkrede zum Ausdruck, mit welcher der Obmann des Landes-Lehrervereines, Herr Jordan, das Andenken Friedrich Dittes’ feierte. ״Sein Programm“, sagte der Redner, ״beruhte auf demokratischen Grundsätzen : Gleichheit aller Menschen!“ Und dann weiter unter demonstrativem Beifall: ״Dittes wollte nur jene Religion in die Herzen der Kinder gepflanzt haben, welche die Liebe predigt, Hass und Unduldsamkeit aber gegen Andersgläubige nicht kennt!“ Und er schloss unter stürmischer, minutenlanger Zustimmung mit der Mahnung, ״die Lehrerschaft möge allezeit getreu bleiben den Grundsätzen der Menschlichkeit, Wahrheit und Gerechtigkeit!“ Mit Begeisterung kam die mehrhundertköpfige Versammlung der Aufforderung des Vorsitzenden nach, mit der Ehrung für den Dahingeschiedenen auch zu geloben, dass die deutschösterreichische Lehrerschaft sich Eins fühle und fühlen werde mit Dittes für und für. Aus dem Lager der österreichischen Antisemiten ist ein heiteres Vorkommnis zu melden. Wie dem ״N. W. Extrablatt“ mitgeteilt wird, soll zwischen dem Abgeordneten Mittermayer und der christlich-sozialen Partei ein Abkommen getroffen worden sein, wonach Mittermayer sich verpflichtet, sein Abgeordneten inandat niederznlegen und nach Amerika auszuwandern. Mittermayer erhält dafür <>000 Gulden und zwar 3000 Gulden in Hamburg und 3000 Gulden nach seinem Eintreffen in New-York. — Dieser Mittermayer, ein ehemaliger Kellner, der wiederholt mit dem Strafgesetz in Konflikt gekommen war. ist so eine Art österreichischer Ahlwardt. Dem ״Israelit“ entnehmen wir folgende interessante Mitteilung: Mödling. (Die Lüge eines Kindes.) Eine merkwürdige Affaire, in deren Mittelpunkt ein elfjähriges Kind steht, beschäftigt gegenwärtig das hiesige Bezirksgericht. In der Mannaghettagasse in Mödling bewohnt seit mehreren Jahren der Adjunkt im Rechtsbureau der Bodenkredit-Anstalt, Herr Dr. Johann Ludwig Leitgeb. mit seiner Familie zum Sommeraufenthalte eine Villa. Das anstosseude Haus hat ein Grieche, Herr Phokion Psaliades, mit seiner Gattin, einer gebürtigen Ungarin, und seiner elfjährigen Nichte Marie Karika inne. Doch fand zwischen den beiden Familien ein Verkehr nicht statt und wurde von Frau Psaliades offenbar vermieden. Vor kurzem musste Frau Psaliades, deren Gatte zur Zeit auch nicht in Mödling weilte, in einer dringenden Familien-Angelegenheit nach Ungarn verreisen. Sie liess ihre Nichte ganz allein im Hause zurück, gab ihr einiges Geld und trug ihr strenge auf, keinen Fremden einzulassen. Als die Frau nach einigen Tagen wieder nach Mödling zurückkehrte, fand sie ihr Haus verschlossen und von dem Kinde keine Spur. Sie hielt nun Umschau nach der Kleinen und